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Die Lichter sind angezündet

Der Dresdner Kreuzchor singt mit Topstars und 25.000 Besuchern im Dresdner Stadion Weihnachtslieder. Am Ende betritt ein Überraschungsgast die Bühne.

Von Bernd Klempnow
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Genauso wie die Tradition des Kreuzchor-Auftritts im Stadion ist auch die Bühne gewachsen. 2018 ist alles noch eine Nummer größer als in den Jahren zuvor.
Genauso wie die Tradition des Kreuzchor-Auftritts im Stadion ist auch die Bühne gewachsen. 2018 ist alles noch eine Nummer größer als in den Jahren zuvor. © Robert Michael

Holder Knabengesang, Lieder mit Topstars der Musik unter 240 Herrnhuter Sternen – 25 000 Besucher feierten am Donnerstagabend im festlich illuminierten Dynamo-Stadion das traditionelle Dresdner Adventskonzert.

Für viele – ob im wieder ausverkauften Stadion oder als Zuschauer der MDR-Aufzeichnung (ab 20.15 Uhr) – beginnt mittlerweile so die Weihnacht, wenn der Kreuzchor kurz vor Heiligabend sein größtes Konzert des Jahres gibt.

Auch 2018 wurde es wieder ein Abend mit besinnlichen, berührenden und mitreißenden Momenten. Mehr noch: Eindrückliche Einspielfilme auf der noch einmal erweiterten Bühne und den LED-Wänden sprachen Auge, Ohr und Herz an. Der Lichterglanz von Tausenden Handys und starker Applaus dankten es den 110 Kruzianern, die selbst strahlten.

Überraschend ging es los. Kein Einmarsch des Kreuzchores durch die Menge auf dem Rasen wie sonst – dafür auf einem geschlossenen Bühnenvorhang Bilder von Ereignissen der vergangenen zwölf Monate. „Willkommen zurück“, grüßte die markante Stimme des populären Sprechers Christian Brückner, bevor der Chor anhob. Anfangs war es etwa unruhig. Als jedoch der Siebtklässler Friedrich Döring allein eine Strophe von „Alle Jahre wieder“ sang, schauten und lauschten alle wie gebannt. 

Allmählich begann sich ein Zauber auszubreiten, wie es ihn eigentlich in einem Stadion nicht geben kann. Und doch: Die dramaturgisch geschickte Aneinanderreihung von nationalen und internationalen Weisen, von ruhigen und poppigen Liedern, dazu die emotionalen Bilder und packenden Interpretationen sorgten dafür, dass viele Zuschauer zu schweben schienen. Die meisten stimmten freudig ein bei „Sind die Lichter angezündet“, „Stille Nacht“ und Jingle Bells“. Kreuzkantor Roderich Kreile animierte sie dazu mit seinem Dirigat.

Kreuzkantor Roderich Kreile in Aktion.
Kreuzkantor Roderich Kreile in Aktion. © Robert Michael

Zum vierten Mal fand das Event statt. „Es ist als Dank an die Bürger gedacht, die uns ja finanzieren und vielleicht noch oder nicht den Weg zu uns in die Kreuzkirche finden“, sagte Kreile. Der Kreuzchor ist schließlich ein städtischer Chor, der in der Kreuzkirche Dienst tut. Anfangs gab es großen Widerstand in Kirchenkreisen gegen das Projekt. Der Chor in einem Stadion, noch dazu das Vorlesen der Weihnachtsgeschichte außerhalb eines Gotteshauses – die Kreuzkirchgemeinde lief Sturm. Doch die Dresdner fanden die Neuheit gut. Dynamo und immer mehr Sponsoren unterstützen das Vorhaben großzügig.

Bei der Premiere 2015 kamen überraschend schon 12 000 Besucher, ab da jedes Jahr mehr – bis die Kapazitätsgrenze von 25 000 erreicht war. Ganze Familien reisen an. Der Vater zeigt der Gattin das Stadion, wo er jedes Wochenende Dynamo anfeuert. Die Gattin ist glücklich, mit ihren Lieben solche Stunden zu erleben.

Das Konzept des Adventskonzerts erweist sich als genial. Dieser Termin ist auch für Politik wie Prominenz ein Muss. Ob Oberbürgermeister, Ministerpräsident, Dynamo-Sportdirektor oder Autohaus-Mogul, alle sind sie Stammgäste. Sie wissen, dass der Kreuzchor der sympathischste Botschafter der Stadt ist. Die positiven Bilder aus Dresden sind dank MDR und Kreuzchor-TV deutschlandweit zu sehen. Nur die eigentliche Dienstherrin der Kruzianer, die Kulturbürgermeisterin, fehlte wieder.

Peter Maffay sang mit den Kruzianern sein Tabaluga-Lied „Ich wollte nie erwachsen sein“.
Peter Maffay sang mit den Kruzianern sein Tabaluga-Lied „Ich wollte nie erwachsen sein“. © Robert Michael

Erneut war das Programm abwechslungsreich, das Gästeensemble hochkarätig. Eine Starsopranistin wie Camilla Nylund zu engagieren, die auf den Opernbühnen der Welt gefeiert wird, ist ein Coup. Sie sang ein romantisches Nordlicht-Lied ihrer finnischen Heimat. Und sorgte später für eines der schönsten Erlebnisse des Abends. Als sie Mozarts eindringliches „Laudate dominum“ interpretierte, tat sie das wie in einer Kirche – zumindest wurden Altarfenster auf die Bühne projiziert. Auch solche Kombination funktioniert also im Stadion.

Für Rockfans dürfte der Auftritt von Peter Maffay ein Höhepunkt gewesen sein. Der 69-Jährige sang mit den Kruzianern sein Tabaluga-Lied „Ich wollte nie erwachsen sein“ und dann „Leise rieselt der Schnee“. „Ich bin beeindruckt, was die jungen Männer hier auf die Beine stellen, wie sie die Massen faszinieren“, so Maffay.

 Überraschend trat der Stargeiger David Garrett auf.
 Überraschend trat der Stargeiger David Garrett auf. © Robert Michael

Noch ein Gast brachte die Besucher zum Pfeifen und Johlen. Überraschend trat der Stargeiger David Garrett auf. Er entschuldigte sich zunächst, dass er im vergangenen Jahr wegen Rückenproblemen nicht wie angekündigt, das Kreuzchor-Konzert mitgestalten konnte. „Das wollte ich nicht auf mir sitzenlassen“, sagte er und spielte Bachs verträumtes „Air“.

Die Besucher stimmten auf ihre Weise zu. Beseelt erklatschten sie sich Zugaben von den Kruzianer. Frohgestimmt verließen sie nach zwei Stunden das Oval. Für viele dürfte klar sein: Am 19. Dezember 2019 sind wir wieder dabei, wenn es im Dynamo-Stadion heißt: „Sind die Lichter angezündet.“