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Die Rettung eines Geschichtsorts

Mit dem Foto „Der letzte Tote des Krieges“ wurde das Capa-Haus in Leipzig 1945 weltberühmt. Dann verfiel der Gebäudekomplex und sollte sogar abgerissen werden. Jetzt ist seine Rettung endgültig sicher.

© ZB

Friederike Ostwald

Leipzig. Das berühmte Haus in Leipzig ist stark verfallen. Zwischendecken fehlen, Farbe blättert von den Wänden, auf dem Boden liegen notdürftige Holzplatten und Schutt. Graffitisprayer haben ihre Spuren hinterlassen. Nichts erinnert mehr daran, dass US-Fotograf Robert Capa hier 1945 ein geschichtsträchtiges Foto aufnahm. Er dokumentierte den letzten Toten des Zweiten Weltkrieges. Das Foto ging um die Welt. Nach jahrelangem Leerstand ist die Zukunft des Capa-Hauses gesichert. An diesem Dienstag beginnt die Sanierung.

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Der Retter in letzter Sekunde heißt Horst Langner. Der 55 Jahre alte Immobilien-Unternehmer hat das Gebäude im Leipziger Westen gekauft. Es gehört zu einem Komplex aus drei herrschaftlichen Häusern, die 1909/1910 erbaut wurden. „Ich wusste nichts von der Capa-Geschichte, als ich das Haus zum ersten Mal betrat“, sagt Investor Langner. Trotzdem habe er sofort gemerkt: „Dieses Haus hat Seele.“

Das Foto, das dem Capa-Haus seinen Namen verlieh, machte der Kriegsfotograf Robert Capa am 18. April 1945. Er dokumentierte, wie der US-Soldat Raymond J. Bowman auf dem Balkon im zweiten Stock erschossen wurde, als die Amerikaner Leipzig befreiten.

Laut Langner entstehen in dem Komplex nun 42 Wohnungen, die alle bereits verkauft sind. Ins Erdgeschoss ziehen eine Eisdiele, eine Büroeinheit und das schon zu DDR-Zeiten dort ansässige „Café des Westens“. „Die geschichtsträchtige Wohnung im zweiten Stock war als Erstes vom Markt“, erzählt der Investor. Auch Nachfahren des getöteten Soldaten wollten sie kaufen. „Ihnen hätte ich die Wohnung gerne gegeben“, sagt Langner, „doch ein Interessent aus Freiburg war schneller.“

Verfall nach der Wende

Wo bald Handwerker das Haus mit Leben füllen, ist noch seine bewegte Geschichte sichtbar. Stuck an den Decken erinnert an die Gründerzeit. Blumenmuster im Jugendstil blitzen unter Tapetenschichten hervor. In einer Ecke steht ein Kachelofen aus DDR-Zeiten. Bis Anfang der 1990er Jahre war der Komplex noch bewohnt.

Dann begann der Verfall, lange fand sich kein Investor. Ein Wasserschaden zerstörte die Zwischendecken. Deswegen kann man heute teilweise vom Erdgeschoss bis zum Dach hinaufschauen. Die Stadt hatte den Abriss des Ensembles wegen Einsturzgefahr schon genehmigt, setzte sich aber weiterhin für dessen Erhalt ein. Auch eine Bürgerinitiative kämpfte für das Capa-Haus. Nachdem in der Silvesternacht 2011 ein Böller den Dachstuhl des Seitengebäudes in Brand setzte, musste der Komplex notgesichert werden. Schließlich fand sich 2012 eine Käuferin. Die westfälische Zahnärztin sprang aber wenig später wieder ab. Jetzt ist sicher: Das Capa-Haus bleibt erhalten.

„Wir sind sehr froh, dass die langjährigen Bemühungen durch die Leipziger Bürger erfolgreich waren und es nun losgeht“, sagt Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos). Auch mit den Plänen des Investors ist sie zufrieden. „Alle denkmalpflegerischen Auflagen werden erfüllt.“ Das bedeutet, dass Langner die Fassade, Türen, Fenster, Stuckverzierungen und den Treppenaufgang originalgetreu restaurieren lässt.

„Das Haus ist ein Zeuge der Geschichte“, sagt Volker Külow von der Bürgerinitiative. „Das dort geschossene Foto ist bis heute eine Mahnung, die den Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges zeigt.“ An die Historie sollen in Zukunft eine Bronzetafel und ein kleines Museum im Café-Bereich erinnern. Bis August 2015 sollen die insgesamt 11,5 Millionen Euro teuren Sanierungsarbeiten abgeschlossen sein. Auch Investor Langner will dann ins Capa-Haus einziehen. (dpa)

›› Flickr.com: Der letzte Tote des Krieges