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Leisnig: Der Schöne aus dem Stahlwerk

Eine neue Galerie in Leisnig zeigt Werke des Künstlers Moosdorf. Der meinungsstarke Mann eckte in der DDR an und wurde mit einem Berufsverbot belegt.

Moosdorf-Kenner Mirko Jorg Kellner und die Witwe des Künstlers Ingrid Moosdorf in der neuen Ausstellung.
Moosdorf-Kenner Mirko Jorg Kellner und die Witwe des Künstlers Ingrid Moosdorf in der neuen Ausstellung. © Lutz Weidler

Von Rasmus Wittrin

Leisnig. Bislang liefen die Leisniger weitgehend unbehelligt ihre Muldenstraße entlang. In dem beschaulichen Gässchen, das den Markt mit der Bergstraße verbindet, war nicht viel los.

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Seit Samstag aber wird jeder Schritt und Tritt argwöhnisch beäugt: Von einem muskulösen, splitternackten Mann, der ein Stück weißen Tuchs gerade so vor seinen Bauch hält, dass der Blick auf sein Geschlechtsorgan wunderbar frei bleibt. Und von seiner ebenso unbekleideten Gefährtin sowie einem Greis, die ihm beide über die Schultern schauen.

Traut sich ein Besucher trotz dieses unkonventionellen Empfangs durch den Türrahmen der Muldenstraße 1, so begibt er sich zugleich auf eine Reise: Er lernt eine vom Leben gezeichnete ukrainische Bäuerin kennen, deren Gesicht von tiefen Falten durchzogen ist, schaut einigen Dorfbewohnern beim Hausbau zu und bewundert mit Pflanzen verwachsene – natürlich nackte – Menschen.

Bruch mit DDR-Regime nach Biermann-Ausweisung

Schließlich stößt er auf ein weiteres, weitaus weniger archetypisches Selbstporträt des Künstlers Heinz-Detlef Moosdorf, in dessen Ausstellung sich der Gast gerade befindet. Dieses Selbstbildnis zeigt einen alten, graubärtigen Mann mit zerzaustem Haar. Fast wirr wirkt er.

Und das soll derselbe Mensch sein wie eben? Beides ist ein Selbstporträt Moosdorfs?Zum einen sei Moosdorf außergewöhnlich schön gewesen, sagt Fotograf und Moosdorf-Kenner Mirko Jorg Kellner. Zudem: „Moosdorf hat sich so gesehen, wie sich jeder Mensch sehen will: Als etwas Besonderes“, fügt Kellner an.

Glaubt man den Erzählungen der Witwe, Tochter und Kellner selbst, war er das auch: Der 1939 in Wurzen geborene Künstler tanzte manchmal eine volle Stunde Derwisch, war ein sehr meinungsstarker, manchmal starrköpfiger Mensch. Zwischen 1969 und 1977 stand sein Atelier im Stahlwerk Gröditz.

Mit dem hatte er einen Werkvertrag und fertigte zeitweilig Auftragsarbeiten wie Arbeiter-Porträts und Bilder-Reportagen über den Arbeitsalltag an. Für Künstler in der DDR sei das typisch gewesen, erklärt Kellner. Dann kam es zum Bruch mit dem SED-Regime, als Moosdorf sich nach der Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR mit einem kritischen Brief an die SED-Führung wandte. Der Künstler wurde mit einem Berufsverbot belegt.

Der erste Blick in Leisnigs neue Galerie

Bis zu seinem Tod 2014 lebte er in einem idyllischen Haus in Südbrandenburg. Dieses von Höhen und Tiefen geprägte Leben zeichnete wohl zwei unterschiedliche Männer, wie sie in den Selbstporträts dargestellt sind.

Kellner, der Mann in hellblauem, beinah zur Hälfte aufgeknöpftem Hemd und weißen Turnschuhen, hat gemeinsam mit seiner Frau Beate die Initiative für die neue Moosdorf-Galerie in Leisnig gestartet. Am Samstag können Interessierte zum ersten Mal einen Blick in Ausstellungsraum, Flur und den malerischen Hinterhof werfen. Bis zum 26. September werden die Räume jeden Sonntag jeweils von 14 bis 17 Uhr zugänglich sein.

Witwe Moosdorfs froh über neuen Ausstellungsort

Das Dresdner Ehepaar hat noch deutlich mehr vor mit der Muldenstraße 1. Die Moosdorf-Ausstellung mit wechselnden Werken des Künstlers soll bald in die erste Etage umziehen, erklären sie. Das Erdgeschoss soll Ausstellungsraum für wechselnde Künstler werden. In der zweiten Etage will das Ehepaar Kellner wahrscheinlich eine Pension einrichten. Bis dahin seien aber noch viele Renovierungs-Arbeiten nötig.

Die Kunst-Galerie ist ein Refugium für einige Werke Moosdorfs. Denn nachdem eine große Sammlung aus dem ehemaligen Wohnhaus des Künstlers in Südbrandenburg entfernt werden musste, fehlte es an einer Alternative.

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Ingrid Moosdorf, dritte Ehefrau und Witwe des Künstlers, ist deshalb besonders froh über das den neuen Ausstellungsort. „Ich bin sehr glücklich. Und das Gebäude mit dem kleinen Garten passt auch zu Moosi“, sagt Ingrid Moosdorf mit einem Blick auf den mit einigen Topfpflanzen geschmückten Hinterhof.

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