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„Die Sucht ist männlich“

Die Beratungsstelle der Diakonie in Döbeln betreut pro Jahr mehr als 400 Klienten. Bei denen hat sich einiges verändert.

Der Griff zu Schnaps und Co. ist für viele Menschen selbstverständlich und zwanghaft. Süchtige machen oft schon im Alter von zwölf Jahren die ersten Erfahrungen mit Alkohol.
Der Griff zu Schnaps und Co. ist für viele Menschen selbstverständlich und zwanghaft. Süchtige machen oft schon im Alter von zwölf Jahren die ersten Erfahrungen mit Alkohol. © Symbolbild: Dietmar Thomas

Döbeln. Die Frau hat die Scheidung eingereicht, der Chef ist mit dem Arbeitstempo unzufrieden, das Geld schon wieder lange vor dem Monatsende alle. „Der Grund, weshalb jemand süchtig wird, ist immer extremer Druck“, sagt Martin Creutz, Leiter der Suchberatungsstelle der Diakonie Döbeln.

Im vergangenen Jahr habe diese einen klaren Zuwachs an Klienten registriert. „Das hat aber nicht unbedingt etwas mit Corona zu tun“, meint Creutz. In der Statistik stehen 452 Klienten, die im Durchschnitt vier bis sechs Monate betreut worden sind.

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Früher waren jeweils zur Hälfte Frauen und Männer von Alkohol-, Drogen oder Spielsucht betroffen. Inzwischen hat sich das Verhältnis verändert. „Heute ist die Sucht männlich“, so Creutz. 80 Prozent der Süchtigen sind Männer, 20 Prozent Frauen.

Insgesamt haben mehr als die Hälfte der Ratsuchenden ein Alkoholproblem, meist wiederum die Männer. „Frauen sind eher medikamentenabhängig“, sagt der Chef der Suchtberatung. Bevorzugt würden dabei Schmerz- und Schlafmittel.

Bei Drogen halte sich das Verhältnis von Frauen und Männern die Waage. Die Verwendung von Crystal rangiert vor Cannabis.

Mehr Alkohol- als Drogenabhängige

„Der Konsum von Alkohol geht länger gut als der Konsum von Drogen“, sagt Creutz. Alkoholabhängige, die die Beratungsstelle aufsuchen, sind oft älter als 40 Jahre. Dabei greifen viele schon seit 15 und mehr Jahren zur Flasche.

Drogenabhängige sind im Durchschnitt 25 Jahre alt und Spielsüchtige zwischen 30 und 45 Jahre, wenn sie sich entscheiden, in ihrem Leben etwas zu verändern. Dabei macht die Spielsucht nur einen relativ geringen Teil aus. Im vergangenen Jahr haben sich sechs Personen mit diesem Problem an die Beratungsstelle gewandt.

„Menschen greifen zu Suchtmitteln, um Unangenehmes zu verdrängen oder Angenehmes zu erleben“, erklärt Martin Creutz und er stellt die Frage: „Weshalb steigern manche Menschen den Konsum von Suchtmitteln, wenn sie durch sie ein Wohlbefinden erleben, aber das Lieblingsessen, das einen ähnlichen Effekt hat, wird nicht jeden Tag gekocht?“

Die Antwort: Es ist ein schleichender Prozess, bei dem der Genuss zur Sucht wird. Und diese baue sich langsam auf. Deshalb spüre die Beratungsstelle die Coronazeit noch nicht sehr. „Die Menschen, die während der Pandemie süchtig geworden sind, werden uns erst in den kommenden Jahren beschäftigen“, meint Creutz.

Auslöser für Umdenken nötig

Einige, die die Suchtberatungsstelle aufsuchen, haben selbst erkannt, dass sie etwas in ihrem Leben ändern müssen. Die meisten brauchen aber einen Auslöser für diesen Schritt. Häufig sei das der Führerscheinentzug nach einer Fahrt unter Drogen oder Alkohol.

Oder der Partner setze dem Süchtigen die sprichwörtliche Pistole auf die Brust und fordere mit Nachdruck eine Veränderung ein. In einigen Fällen ordnet auch das Gericht eine Beratung an. Sie ist oft Teil eines Urteils nach einem Diebstahl, den der Betreffende begangen hat, um seine Drogensucht zu finanzieren.

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„Unsere Klienten haben eine relativ kurze Wartezeit. Der erste Termin erfolgt meist binnen einer Woche, nachdem sich der Betroffene bei uns gemeldet hat“, sagt der Leiter der Suchtberatungsstelle. Die meisten nehmen dann fünf bis sechs Termine in anfangs kurzen und dann länger werdenden Abständen wahr.

50 Prozent landen in Hochweitzschen

„Wir schauen, wie der Konsumstand ist, was die Person erreichen will und ob eine qualifizierte Entzugsbehandlung in Hochweitzschen notwendig ist. Dort landen etwa 50 Prozent der Klienten“, so Creutz.

Dem Entzug folgt eine Entwöhnungsbehandlung. „Die wollen aber nicht alle.“ Die Suchttherapie bestehe aus Einzel- und Gruppengesprächen. Wichtig sei es, dran zu bleiben, also die Konstanz der Beratung. Das sei auch während Corona möglich gewesen, wenn teilweise auch nur telefonisch.

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