merken
PLUS Dresden

Stadtrat: "Weiterer Blackout nicht ausgeschlossen"

Der Dresdner Stadtrat diskutiert über den Stromausfall im September. Es ist auch eine Energie-Debatte. Birgt Öko-Strom größere Gefahren für Dresden?

Höherer Schaden als durch die Pandemie? Umspannwerk in Dresden. Mitte September erlebte die Stadt einen großflächigen Stromausfall. Ein Blackout allerdings hätte verheerende Folgen gehabt, sagen Experten.
Höherer Schaden als durch die Pandemie? Umspannwerk in Dresden. Mitte September erlebte die Stadt einen großflächigen Stromausfall. Ein Blackout allerdings hätte verheerende Folgen gehabt, sagen Experten. © Roland Halkasch

Dresden. Rund 300.000 Haushalte in Dresden und Umgebung waren an diesem 13. September ohne Strom, Firmen wurden lahmgelegt, Krankenhäuser konnten nur mit Notstrom weiterarbeiten, und der Verkehr in Dresden kam nahezu zum Erliegen.

Das war noch kein Blackout, da sind sich die Experten sicher. Aber es war eine Art Vorgeschmack auf das, was Dresden möglicherweise künftig droht. Die Debatte dazu im Stadtrat führt am Donnerstagabend allerdings geradewegs hinein, in ein Für und Wider von erneuerbaren Energien.

Anzeige
Großer Abverkauf im Campingshop
Großer Abverkauf im Campingshop

Beim Caravaning-Profi schaffer-mobil gibt es derzeit 15% Rabatt auf Lagerware.

Die passende Aktuelle Stunde zum Blackout haben die Freien Wähler beantragt. Ihr Redner ist der Physiker Wulf Bennert. "Unser Stromnetz ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften, von der wir auf Gedeih und Verderb abhängig sind." Der Physiker stellt klar, dass von einem langandauernden und flächendeckenden Stromausfall - also einem richtigen Blackout - die komplette kritische Infrastruktur betroffen wäre. "Der Schaden wäre höher als bei einer neuerlichen Pandemie oder Starkregenereignissen wie zuletzt in Deutschland. Das Schadenspotenzial liegt bei mehr als zwei Billionen Euro und möglicherweise vielen Toten, die nicht zu beziffern sind."

Bennert plädiert dafür, weiter Strom aus Atomenergie zu gewinnen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das Stromnetz müsse immer ausgeglichen sein. Es müsse also so viel Strom produziert werden und zur Verfügung stehen, wie benötigt wird. "Wind ist aber nicht regelbar, deshalb nur schwierig verwendbar zum Betreiben eines Stromnetzes", so Bennert. "Wenn das Stromnetz nicht ausreichend versorgt ist, kann es sich von selbst abschalten." Seine Warnung: "Wir haben eine größere Stromlücke unmittelbar vor uns."

"Die Störung war nicht vermeidbar"

Kathrin Kadner, Chefin des Dresdner Netzbetreibers Sachsen Netze, einer Tochter des Energieversorgers Sachsenenergie, erläutert noch einmal den Ausfall vom 13. September. Sie ist an diesem Abend die Expertin der SPD-Fraktion. Sachsen Netze seien aber nicht für die Versorgung mit Energie zuständig. "Es gibt einen Unterschied zwischen Energieversorgung und -verteilung - wir verteilen."

Kadner erklärt noch einmal, dass es zum Stromausfall durch einen Kurzschluss im Umspannwerk im Dresdner Süden kam. "Möglicherweise wurde dieser durch einen mit Metall ummantelten Ballon ausgelöst." Wie es dazu kam, könne sie nicht sagen. Aber auf dem Ballon sei ein Aufdruck mit einem Warnhinweis gewesen: "nicht draußen und nicht in der Nähe von elektrischen Leitungen benutzen".

"Die Störung war nicht vorhersehbar oder vermeidbar", so Kadner. Aber Sachsen Netze seien gut vorbereitet gewesen, weil Krisenmanagement zu den Gefährdungsanalysen des Unternehmens gehöre. "Die Behebung erfolgte unverzüglich und mit maximalem Personaleinsatz." So ein Vorfall passiere extrem selten. Einen weiteren Blackout kann sie aber nicht hundertprozentig ausschließen. Es geben dagegen keinen hundertprozentigen Schutz, das gelte für Versorger weltweit. "Wir diskutieren derzeit mit Partnern über eine weitere Minimierung der Störung unserer Anlagen."

Dresdens Polizeisprecher Thomas Geithner zeigt die Reste eines Ballons, der am 13. September den Blackout ausgelöst hat.
Dresdens Polizeisprecher Thomas Geithner zeigt die Reste eines Ballons, der am 13. September den Blackout ausgelöst hat. © dpa-Zentralbild

"Die Verteilung des Stroms hat nicht funktioniert"

Man müsse alles dafür tun, einen richtigen Blackout zu vermeiden, sagt FDP-Stadtrat Robert Malorny. "Deshalb ist die Diskussion um eine komplette Umstellung der Versorgung Dresdens auf Öko-Strom fahrlässig." So gebe es keine Versorgungssicherheit. "Frankreich baut die Kernenergie aus, weil Strom bedarfsorientiert zur Verfügung stehen muss", so Malorny. "Die Sachsenenergie auf 100 Prozent Öko-Strom umzustellen, ist falsch." Das habe der Stromausfall gezeigt.

"Mehr Kohlekraftwerke in Dresden hätten an dem Tag keinen Unterschied gemacht", hält Dissidenten-Stadtrat Martin Schulte-Wissermann dagegen. "Die Verteilung des Stroms hat nicht funktioniert, es war nicht die Versorgung." Er plädiert dafür, Dresden und Sachsen zu Vorreitern der erneuerbaren Energien zu machen. "Diese herzustellen und in die Welt zu verkaufen, muss das Ziel sein. Dann bleibt die Wertschöpfung hier, und auch die Arbeitsplätze entstehen hier." Der Stadtrat solle aufhören, "der Energiewende Steine in den Weg zu legen" Es gehe darum, den "Erdball irgendwie zu retten".

Erneuerbare Energien würden eine Blackout-Gefahr nicht erhöhen, so Tim Müller. Der Chef der Tricera Energy spricht an diesem Abend für die Grünen-Fraktion. "Die mittlere Stromausfallzeit pro Jahr hat sich in letzten 15 Jahren halbiert, parallel ist der Anteil erneuerbare Energien deutlich gestiegen, also besteht diesbezüglich keinen Zusammenhang." Das zeige sich auch in einem europaweiten Vergleich.

Vielmehr forcieren der Energiehandel und Naturkatastrophen den Ausfall der Stromnetze. Die Anbieter erneuerbarer Energien hingegen arbeiten daran, mögliche Nachteile durch Erfindungen auszugleichen. "Erneuerbare Kraftwerke verhalten sich heute so wie Turbinen."

"Wir hatten das Thema aus dem Blick verloren"

In eine andere Richtung argumentiert auch CDU-Stadtrat Hans-Joachim Brauns. "Wir müssen als Stadt dafür sorgen, dass das Netz funktioniert. Wenn 300.000 Haushalte ohne Strom dastehen, kann man schon die Frage stellen, ob das Netz optimal aufgestellt ist." Dresden brauche ein stabiles Netz und die Vorsorge gegen mögliche Störfälle. "Wir müssen klären, was an kritischer Infrastruktur benötigt wird, auch wenn so ein Störfall eintritt und welche Mechanismen greifen müssen." Dazu werde die CDU einen Antrag einbringen.

Die Stadt sei da bereits dran, versichert Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU). Das gehe alle an, Verwaltung, Betreiber kritischer Infrastruktur, Endverbraucher und Wirtschaft. Man müsse die "Eintrittswahrscheinlichkeit" von Störfällen minimieren, so Sittel. Er will den 13. September als "Denkanstoß" nehmen. "Wir hatten das Thema davor aus dem Blick verloren." daran ändere es auch nichts, dass es einen Einsatz- und Alarmplan für großflächigen Stromausfall gebe. Jetzt sei das Bewusstsein geschärft und die Stadt werde mit ihren Unternehmen das Ereignis auswerten.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Weiterführende Artikel

Andere Ursache für Stromausfall im Dresdner Westen

Andere Ursache für Stromausfall im Dresdner Westen

Über 2.000 Menschen saßen am Sonntagabend im Dunkeln. Der Grund dafür lag nicht wie gedacht an veralteten Leitungen.

Blackout: Warum sind Umspannwerke nicht überdacht?

Blackout: Warum sind Umspannwerke nicht überdacht?

Ein Ballon legt am Montag die Stromversorgung in ganz Dresden lahm. Wie gut sind die Elektrizitätswerke eigentlich geschützt?

Stromausfall: Warum gibt es keine absolute Sicherheit?

Stromausfall: Warum gibt es keine absolute Sicherheit?

Die Freitaler erlebten am Montag zum zweiten Mal in zwei Jahren einen Kollaps der Energieversorgung. Vor allem die Wirtschaft spürt die Folgen.

Wie ist Dresden für einen Blackout gewappnet?

Wie ist Dresden für einen Blackout gewappnet?

Der Stromausfall am Montagnachmittag hat den Dresdnern vor Augen geführt, wie abhängig sie vom Strom sind. Doch was, wenn der mal länger ausfällt?

"Es wurde aufgezeigt, wo Vorkehrungen getroffen wurden und wo nicht", so Sittel. Auch Bürger und Unternehmen hätten nun einen Praxistest bekommen." Und Sittel mahnt eine "Eigenvorsorge" an, ein Appell an alle Dresdner und Unternehmer. Denn es sei wichtig, die Katastrophenschutzeinsätze so gering wie möglich zu halten. Damit diese für die wichtigsten Einsätze bereitstehen. Sittel will nun schauen, wo die Auswirkungen besonders schwerwiegend waren und dort zielgerichtet nachsteuern. Eine Vorlage dazu soll folgen.

Mehr zum Thema Dresden