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Demenz: "Wegschauen ist keine Option"

Wie sollte man mit Demenzpatienten umgehen? Das zeigt Sandrine Augustin Betroffenen, Interessierten und der Polizei - unter anderem in Rollenspielen.

Am laufenden Band bringt Sandrine Augustin Angehörigen das Krankheitsbild Demenz näher. Und doch ist jede Schulung einmalig.
Am laufenden Band bringt Sandrine Augustin Angehörigen das Krankheitsbild Demenz näher. Und doch ist jede Schulung einmalig. © Marion Doering

Dresden. Mit dem Wort "Demenz" verbinden viele die verwirrte Oma, die das Telefon in den Kühlschrank stellt oder in Pantoffeln aus dem Haus geht. Dass Demenz aber viel mehr ist, das ist die zentrale Botschaft von Sandrine Augustin. Seit sieben Jahren leitet die 41-Jährige in Dresden ein Schulungsprojekt, durch das Menschen verschiedenster Berufsgruppen und Angehörigen von Betroffenen, das Krankheitsbild Demenz näher gebracht wird.

"In unserer Gesellschaft ist das immer noch ein Tabu", sagt sie. "Und das wollen wir ändern." Wir, damit schließt sie ihre engagierten Mitstreiter im Dresdner Pflege- und Betreuungsverein mit ein, der die Bevölkerung im Auftrag der Stadt für das Thema Demenz sensibilisiert. Laut einer aktuellen Studie leben in Dresden derzeit rund 13.000 Menschen mit dieser Diagnose.

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Teil des Vereins ist Sandrine Augustin schon seit 2004. In den ersten Jahren kümmerte sich die Sozialpädagogin um psychisch kranke Menschen im ambulant betreuten Wohnen. "Senioren und Demenz waren zuvor auch Schwerpunkte meines Studiums", sagt sie. Direkt nach der Schule hatte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Pflegeheim in Prohlis geleistet. "Ich hatte einfach das Bedürfnis, das echte Leben kennenzulernen. Diese Zeit hat mich sehr geprägt."

Mit Polizisten fing alles an

Als 2013 in Dresden das Schulungsprojekt für Demenz aus der Taufe gehoben wurde, fühlte sich Sandrine Augustin an dieser Schnittstelle genau am richtigen Platz. Aus der Elternzeit heraus übernahm sie die Leitung des Projekts und begann gemeinsam mit der AG Demenz, das Thema mit Leben zu füllen.

"Wenn Herr Müller immer wieder im Schlafanzug zum Bäcker kommt, dann ist man als Verkäufer schnell überfordert", sagt sie. Da frage man sich: Wie soll ich reagieren? Soll ich überhaupt etwas tun? Wo soll sich mich hinwenden? Zwar gebe es in Dresden ein breites Netzwerk an Anlaufstellen und kostenfreie Beratungsmöglichkeiten, aber wer kennt die schon? Grundsätzlich gelte: Die Polizei zu rufen, ist im Zweifel immer ein gute Idee.

Die allerersten Schulungsteilnehmer von Sandrine Augustin im Jahr 2013 waren Polizisten. Sie lauschten aufmerksam und erfuhren, wie Demenz entsteht, welche Phasen und Ausprägungen es gibt, und wie sie als Beamte im Dienst am besten mit Betroffenen in Kontakt treten können.

Obwohl das Schulungsprojekt zunächst vor allem für Berufsgruppen gedacht war, stellte sich rasch heraus, dass es auch und vor allem bei den Ehepartnern, Kindern und Enkeln von Demenzpatienten großen Informationsbedarf gibt. Seitdem widmet sich die Sozialpädagogin auch regelmäßig den Angehörigen. 

Allein im vergangenen Jahr stellte Sandrine Augustin 90 Veranstaltungen in Dresden auf die Beine. Insgesamt nahmen seit 2013 bereits rund 7.000 Gäste an den Schulungen und Fachvorträgen teil. "Das Projekt ist mein Baby", sagt sie. "Durch die tolle Zusammenarbeit mit der Landesinitiative Demenz und der Gedächtnisambulanz am Uniklinikum erreichen wir immer mehr Menschen."

Das jahrelange Engagement von Sandrine Augustin blieb nicht unbemerkt. Obwohl sie selbst höchst ungern im Mittelpunkt steht, erwischte es sie in diesem Jahr nun doch und sie wurde im Rathaus ausgezeichnet. In ihrer Laudatio sagte Steffi Bartsch von der Landesinitiative Demenz: "Frau Sandrine Augustin setzt sich seit vielen Jahren für Menschen mit Demenz, für deren Angehörige und Begleitende ein und versucht durch ihr Wirken, die Situation zu verbessern, zu sensibilisieren, zu informieren und Unterstützung aufzuzeigen. Sie hat trotz vieler auch frustrierender Momente nie aufgegeben und sich immer wieder für das Schulungsprojekt eingesetzt."

Das Bild mit der Salamischeibe, die zum Brille putzen verwendet wird, steht symbolisch für die Arbeit des Schulungsprojektes von Sandrine Augustin.
Das Bild mit der Salamischeibe, die zum Brille putzen verwendet wird, steht symbolisch für die Arbeit des Schulungsprojektes von Sandrine Augustin. © Marion Doering

Welche frustrierenden Momente sind denn da gemeint? "Natürlich ist unsere Arbeit immer strukturell begrenzt und nicht alle unsere Ideen können umgesetzt werden", sagt Sandrine Augustin. Auch das Schulungsprojekt selbst könnte jederzeit Budgetkürzungen zum Opfer fallen, gerade in diesem Jahr durch die noch unabsehbaren Folgen der Corona-Krise. Dabei sei die Situation für Demenzkranke und ihre Angehörigen gerade jetzt besonders dramatisch. Tagespflegen waren lange Zeit geschlossen. Die Menschen könnten sich nicht in den Arm nehmen. "Das macht es nochmal schwieriger."

Ihre Ehrung will Sandrine Augustin daher auch all den Angehörigen von Demenzkranken widmen, die sich Tag und Nacht bis an ihre Grenzen und darüber hinaus aufopfern. "Im Gegenzug erfahren sie zum Teil körperliche und verbale Gewalt und müssen viel aushalten. Ich finde, dass diese große Leistung noch nicht genügend honoriert wird." 

Für die Zukunft wünscht sich Dresdens Demenz-Lehrerin, dass Betroffenen mehr kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird und sie aus ihrer Nische herausgeholt werden. Ein Ansatz könnte dabei ein stärkerer Austausch zwischen Demenzerkrankten und Schülern sein. Nicht selten gebe es in der Stadt ja Pflegeheime und Schulen in direkter Nachbarschaft.

Auch Schüler aller Altersgruppen klärt Sandrine Augustin regelmäßig über Demenz und ihre Folgen auf. Besonders gut ankommen würden dabei Rollenspiele während der Schulung, in denen die Sozialpädagogin dann oft den Betroffenen spielt, der Hilfe braucht. Spätestens dann sei Wegschauen keine Option mehr, sagt sie. "Und ich kann wirklich eine überzeugende Demenzkranke sein." 

Beratungsstellen für Demenzerkrankte und ihre Angehörigen:

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