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Der Retter der wilden Orchideen

Der Gießerei-Ingenieur Steffen Keller hat in Dresden ein europaweit einmaliges Labor aufgebaut. Was er dort seit vielen Jahren leistet.

Steffen Keller führt ein europaweit einzigartiges Orchideenlabor im Klärwerk Kaditz. Hier zeigt der 63-jährige Fachmann eines der Gläser, in denen die jungen Pflanzen wachsen.
Steffen Keller führt ein europaweit einzigartiges Orchideenlabor im Klärwerk Kaditz. Hier zeigt der 63-jährige Fachmann eines der Gläser, in denen die jungen Pflanzen wachsen. © Peter Hilbert

Dresden. Im Kaditzer Klärwerk wird nicht nur Abwasser gereinigt. Die Stadtentwässerung bietet auch Einrichtungen des Dresdner Umweltzentrums seit vielen Jahren ein Domizil. Steffen Keller profitiert davon. Er kann mit der Vermehrung wilder Orchideen im Obergeschoss eines Gebäudes einer Leidenschaft frönen, die als Hobby begann. Der 63-jährige Dresdner ist vielseitig interessiert, das zeigt schon ein Blick auf seine berufliche Laufbahn.

Der Gießerei-Ingenieur absolvierte nach der Wende an der Tharandter Außenstelle der TU Dresden noch den Abschluss als Fachingenieur für Natur- und Landschaftspflege und arbeitete im städtischen Umweltamt. Jetzt ist Keller seit vielen Jahren als selbstständiger Naturschutzgutachter tätig und leitet zudem das Kaditzer Orchideen-Labor.

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Das im Osterzgebirge gesammelte Saatgut kommt zuerst in diese Röhrchen mit Nährstoffen.
Das im Osterzgebirge gesammelte Saatgut kommt zuerst in diese Röhrchen mit Nährstoffen. © Peter Hilbert

Seine Hobbys lebte er anfangs zu Hause aus. Dort kümmerte sich Steffen Keller um verletzte oder aus dem Nest gefallene Vögel. „So hielt ich in meinen Volieren 30 bis 40 Vögel, von Eulen über Habichte bis hin zu Mäusebussarden“, sagt er. Oft holte er auch Vögel, die in Becken des Klärwerks gefallen waren. Doch dafür wurde es zu Hause zu eng. Also fragte Keller Rainer Wiesinger von der Stadtentwässerung 2006, ob er nicht Räume im Klärwerk hätte. Der Prokurist sagte zu. So entstand dort unter Federführung des Umweltzentrums Dresden Sachsens einzige Wildvogelauffangstation, die Keller viele Jahre leitete. Mittlerweile wird sie von seiner Tochter Saskia geführt.

In einer zweiten Stufe setzt Steffen Keller das Saatgut in größere Gläser mit anderen Nährböden um.
In einer zweiten Stufe setzt Steffen Keller das Saatgut in größere Gläser mit anderen Nährböden um. © Peter Hilbert

Ein weiteres Hobby betrieb der gebürtige Freiberger seit seinem Studienabschluss 1983 zu Hause – die Zucht wilder Orchideen. Sie wachsen im Osterzgebirge und waren teilweise vom Aussterben bedroht. Um sechs besonders selten gewordene Arten wollte Keller sich besonders kümmern, darunter Knabenkraut oder Frauenschuh. Dafür stellte die Stadtentwässerung die Räume im Obergeschoss des Gebäudes gleich hinter der Klärwerkszufahrt zur Verfügung. Zudem flossen Fördermittel. „So konnte 2010 das Labor in Betrieb genommen werden“, erklärt dessen Leiter.

Etwa zwei Jahre wachsen die Orchideen im Kaditzer Labor. Immer wieder werden Mineralien und andere Bestandteile hinzugefügt, sodass sie gut gedeihen.
Etwa zwei Jahre wachsen die Orchideen im Kaditzer Labor. Immer wieder werden Mineralien und andere Bestandteile hinzugefügt, sodass sie gut gedeihen. © Peter Hilbert

Das Saatgut sammeln er und seine Mitarbeiter im Osterzgebirge im Gebiet am Geising oder am Luchberg im Sommerhalbjahr. Dort werden aus Wurzelstücken im Boden auch Pilze gesammelt, um das Saatgut im Labor mit Nährstoffen zu versorgen. Im Kaditzer Labor kümmern sich Keller und sein Team dann um die Vermehrung der Orchideen – ein sehr aufwendiger Prozess. „Bei fünf Arten sind wir sehr gut vorangekommen, bei einer Art ist es hingegen sehr schwierig.“

Zuerst kommen die Samen in kleine Röhrchen mit Nährstoffen, wo sie keimen. In einer zweiten Stufe werden sie in größere Gläser mit anderen Nährböden umgesetzt, erläutert der Fachmann. Insgesamt zwei Jahre lang werden die jungen Orchideen dann immer wieder auf neue Nährböden umgepflanzt, insgesamt fünf- bis sechsmal. „Denen füge ich Mineralien und andere Bestandteile hinzu, sodass sie die nötige Nahrung haben und gut wachsen können. Dafür habe ich bestimmte Rezepte, die ich in den vergangenen 40 Jahren entwickelt habe.“ Und so reihen sich in den Kaditzer Laborräumen Hunderte Gläser dicht an dicht.

Ein Blick ins Labor von Steffen Keller. In den Regalen stehen viele Kisten Orchideen, die fünf bis sechs Mal in neue Nährböden umgesetzt werden.
Ein Blick ins Labor von Steffen Keller. In den Regalen stehen viele Kisten Orchideen, die fünf bis sechs Mal in neue Nährböden umgesetzt werden. © Peter Hilbert

Nach zwei Jahren werden die jungen Pflanzen dann in die Gärtnerei des Umweltzentrums an der Bremer Straße umgesetzt. Dort wachsen sie weitere zwei Jahre. Letztlich werden sie in elf Naturschutzgebieten im Osterzgebirge ausgesetzt. „Von manchen Arten gab es früher nur noch eine Handvoll Pflanzen, jetzt sind es über 500. Das ist die Initialzündung für die weitere Vermehrung“, sagt Keller. In der Natur würde die Entwicklung vom Samen bis hin zur ersten Blüte vier bis acht Jahre dauern.

Es ist sehr aufwendig, die einheimischen wilden Orchideen zu vermehren. Deshalb ist Kellers Kaditzer Labor einzigartig in Europa. Bei ihm rufen Fachleute aus vielen Ländern an, so kürzlich erst aus Österreich. Auch von der Prager Karlsuniversität und von anderen Hochschulen bekam er schon Anrufe. Ein Zeichen, welche Bedeutung Kellers mittlerweile Arbeit hat, die mit Unterstützung der Stadtentwässerung weit fortgeschritten ist.

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