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"Der Tod muss nicht schwarz sein"

Wahrscheinlich ist sie zu weich für ihren Beruf, sagt Claudia Bergmann-Staercke. Doch die Dresdner Bestatterin lässt ihr Mitgefühl zu - mit allen Konsequenzen.

"Nur so fühlt es sich gut an": Die Christus-Figur auf dem Neuen Annenfriedhof sieht Claudia Bergmann-Staercke von ihrem Büro aus.
"Nur so fühlt es sich gut an": Die Christus-Figur auf dem Neuen Annenfriedhof sieht Claudia Bergmann-Staercke von ihrem Büro aus. © Christian Juppe

Dresden. Die Musik ging nicht. Das kann passieren. Der Bestatter sagte nicht "Guten Tag". Das war nicht nett. Am Grab gab es keine Blumen. Das war zu viel. Oder besser zu wenig. "Die Trauerfeier nach dem Tod meines Vaters 2007 war für mich eine schlimme Erfahrung", erinnert sich Claudia Bergmann-Staercke. "Das war alles so gruselig und ich dachte mir: Das muss doch auch besser gehen."

Für sie war es der letzte Anstoß für einen Neubeginn. Ja, jetzt wollte Claudia Bergmann-Staercke Bestatterin werden. "Ich weiß, das ist nicht gerade der typische Kindertraum", sagt die 58-Jährige und lacht. Das galt für ihre erste Wahl schon eher. In Erfurt geboren, lernte sie zunächst Pferdezucht und studierte in der DDR Industrie- und Tierproduktion.

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Noch vor der Wende zog sie mit ihrem Mann nach Dresden, blieb zunächst mit ihren vier Söhnen zu Hause und erkannte dann schnell, dass sie in der Stadt mit Pferdezucht nicht weit kommen würde. Nachdem sie zunächst für zwölf Jahre als Notarfachangestellte gearbeitet hatte, nahm sie eine neue Ausfahrt und fand über die Telefonseelsorge und ein Ehrenamt als Hospizbegleiterin mit 42 Jahren zum Bestattungswesen.

"Gleich auf meine erste Bewerbung bekam ich eine Einladung", sagt Claudia Bergmann-Staercke, und kurz darauf unterschrieb sie einen Vertrag bei einem großen Ketten-Bestatter. "Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einließ. Ich hatte noch nie einen Toten gesehen und als Teenager nur den Tod meiner Oma und meines Opas bewusst wahrgenommen."

Nun ging es dafür schnell. Zwei Tage schaute sie zu, dann bekam sie ihren ersten Sterbefall auf den Tisch und machte sich mit großem Ehrgeiz und Pflichtbewusstsein an die Arbeit. "Die Leichen im Kühlraum zu sehen, hat mir nichts ausgemacht. Für mich ist ein Toter einfach ein Mensch, dessen Herz nicht mehr schlägt."

Für ihre Firma aber war ein Toter ein Job, der möglichst rasch erledigt werden musste. "Es gab für alles Formulare und es ging vor allem darum, nichts falsch zu machen", erinnert sie sich. "Dienst nach Vorschrift eben. Die Geschichten der Verstorbenen waren dabei vollkommen unwichtig."

"Machen Sie was draus"

Schlimmer noch: Die Mitarbeiter seien angehalten gewesen, möglichst viele der Standard-Urnen aus dem eigenen Bestand zu verkaufen. Dafür gab es Provisionen. "Die Leichen wurden bei den Überführungen wie Material hin- und hergeschafft."

Eine Weile hielt Claudia Bergmann-Staercke das aus, doch sie spürte, dass sie hier fehl am Platz war. "Ich habe das wie Einzelhaft empfunden und bin viel angeeckt." Vor allem aber wurde ihr von Tag zu Tag bewusster, was die Kunden, die Angehörigen, wirklich wollten: Aufmerksamkeit.

Als ihr Mann die Diagnose Multiple Sklerose bekam, zögerte die 58-Jährige nicht länger. Sie kündigte, wohl wissend, dass sie einen Weg finden musste, weiterhin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Durch reinen Zufall führte sie ihr Weg zu einem Bestattungsunternehmen ganz anderer Art. Eine Firma aus Leipzig mit kleinem Büro auf der Kesselsdorfer Straße in Löbtau, kaum etabliert im harten Verdrängungsmarkt. Der Chef habe damals zu ihr gesagt: "Machen Sie was draus" - und das tat sie auch.

"Ein Mensch, dessen Herz nicht mehr schlägt": Hinter jedem Sterbefall steckt für Claudia Bergmann-Staercke eine Lebensgeschichte.
"Ein Mensch, dessen Herz nicht mehr schlägt": Hinter jedem Sterbefall steckt für Claudia Bergmann-Staercke eine Lebensgeschichte. © Christian Juppe

"Das war das Beste, was mir passieren konnte", sagt Claudia Bergmann-Staercke heute. Von der Schreibtischangestellten wurde sie von jetzt auf gleich zur Macherin, und konnte ihren Beruf so interpretieren, wie sie es für richtig hielt.

"Bis dahin hatte ich noch nie ein Bestattungsauto von innen gesehen und wusste noch nicht mal, wie man die Klappe öffnet. Immerhin konnte ich schon was mit Totenscheinen anfangen."

Zum ersten Mal konnte sie nun herausfinden, was den Angehörigen wirklich gut tut. "Die meisten wollen, dass man Ihnen zuhört." Die nächstliegende Frage werde viel zu selten gestellt: Was ist eigentlich passiert? Innerhalb der Familien der Angehörigen gebe es häufig Hemmungen, darüber zu sprechen. Dem Bestatter öffnen sich die meisten dagegen schnell. Wenn sie denn dürfen.

Vor drei Jahren hat Claudia Bergmann-Staercke das Bestattungsinstitut in Löbtau selbst übernommen und ist nun auch Geschäftsfrau, wenngleich man ihr das nicht anmerkt. Statt Formulare abzuarbeiten, nimmt sie sich Zeit für stundenlange Gespräche mit den Angehörigen. Sie leidet mit, sie weint und lacht. Sie ist alles, was man einer Bestatterin nicht zutrauen würde.

Dankbarkeit gibt Kraft

Bis heute fällt es ihr schwer, einen "professionellen" Abstand zu den Lebens- und Sterbensgeschichten zu wahren. "Ich habe das Gefühl, dass ich immer weicher werde", sagt sie. Manchmal habe sie auch Alpträume. Den Job nach Feierabend im Büro lassen? Keine Chance. Sie braucht die Gespräche daheim am Abendbrottisch, um ihre eigene Seele nicht zu überfordern.

Die jungen Eltern, die gerade liebevoll das Kinderzimmer eingerichtet hatten und nie darüber nachdachten, dass sie ihr Baby zu Grab tragen müssen. "Solche Schicksale können sehr prägen." Eine ihre Arbeitskolleginnen habe den Beruf aufgegeben, weil sie das nicht ausgehalten habe.

"Ich weiß selbst nicht, wie lange ich das so durchhalte, aber nur so fühlt es sich für mich richtig an", sagt Claudia Bergmann-Staercke. Die Dankbarkeit, die sie zurückbekomme, gebe ihr die nötige Kraft.

Wenn sie manchmal selbst mit weine, dann nicht vor Trauer, sondern aus purem Mitgefühl, das sie sich nicht verbieten kann und will. Sie weiß, dass es nicht ihr Schicksal ist, nicht ihr Leben, das auf den Kopf gestellt wird. "Ich muss nicht so tun, als ob ich mittrauern würde. Das ist nicht meine Aufgabe. Aber ich darf mich darüber freuen, anderen beistehen zu können."

Der Tod muss nicht schwarz sein

Freude und Beerdigungen - wie passt das zusammen? Die üblichen Klischees haben bei dieser Bestatterin keine Chance. Der Tod muss nicht schwarz sein, eine Trauerfeier darf genossen werden, sich leicht anfühlen. Meckern, Lachen und bunte Luftballons sind erlaubt. Tote darf man anfassen. Niemand muss eine Rolle spielen, nur, weil das so erwartet wird.

Wenn es die Angehörigen wollen, wird die Trauerfeier in einen Hinterhof in der Neustadt bei Bier und Würstchen verlegt. Oder die Urne wird mit zum Wandern in die Sächsische Schweiz genommen. "Pietätvoll, was ist das eigentlich für ein komisches Wort?", fragt Claudia Bergmann-Staercke. "Echt und authentisch ist mir wichtiger."

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