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Wer lebt in Dresdens Plattenbauten?

Haben die DDR-Bauten in Dresden zu Unrecht einen schlechten Ruf? Die Anwohnerschaft ist vielfältiger als vermutet, zeigt eine neue Studie.

Gilt heute als sozialer Brennpunkt: der Amalie-Dietrich-Platz im Dresdner Stadtteil Gorbitz. Gorbitz war zu DDR-Zeiten ein begehrtes Wohnviertel.
Gilt heute als sozialer Brennpunkt: der Amalie-Dietrich-Platz im Dresdner Stadtteil Gorbitz. Gorbitz war zu DDR-Zeiten ein begehrtes Wohnviertel. © Sven Ellger

Dresden. Es begann in den 70er-Jahren. Überall in Ostdeutschland entstanden rund um die Stadtzentren neue Wohnviertel. Während Altbauten verfielen, weil die Sanierung zu teuer gewesen wäre, stampften Arbeiter unter Anweisung der Parteioberen in Rekordzeit Plattenbausiedlungen aus dem Boden.

Denn die hatten gleich mehrere Vorteile: Sie waren billig zu bauen, schafften schnell Wohnraum und passten in die Ideologie des schnörkellosen und gleichen Lebensstandards. Auch Dresdens Stadtbild ist bis heute maßgeblich von Plattenbauten geprägt.

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Doch ihr Ruf hat seit dem Fall der Mauer stark gelitten. Schicke Neubauten und sanierte Altbauten in Innenstadtnähe wurden beliebt, die Hochhäuser am Stadtrand zunehmend zum Symbol von Armut, Ghettoisierung und Ausgrenzung.

Aber stimmt dieses Image? Und wer wohnt heutzutage eigentlich in den Dresdner Plattenbauten? Das hat der Dresdner Student Benedikt Oelmann im Rahmen seiner Geographie-Masterarbeit untersucht. Wir stellen die wichtigsten Erkenntnisse vor.

Wie viele Dresdner wohnen in der "Platte"?

Insgesamt gab es zum Jahresbeginn 2018 in Dresden 298.761 Wohnungen. Aus den Zeiten der Plattenbauweise von 1970 bis 1990 existierten davon noch 64.503 Stück. Jede fünfte Dresdner Wohnung war zu diesem Zeitpunkt also in einer "Platte" - ein beträchtlicher Anteil.

Doch Dresden unterscheidet sich beim Thema Plattenbau von anderen ostdeutschen Städten, wie die Studie zeigt. Anders als etwa in Halle an der Saale ballen sich die markanten Hochhäuser nämlich nicht an einer Stelle, sondern verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet.

Und: In den kleinen Plattenbausiedlungen leben mehr Menschen als in den großen Quartieren Johannstadt, Gorbitz und Prohlis. Während 2017 in den drei Vierteln 43.565 Dresdner wohnten, waren es in den restlichen Plattenbauten 47.660 Menschen. Damit beträgt der Anteil der "Platten"-Dresdner an der Gesamtbevölkerung über 16 Prozent.

Wem gehören die Plattenbauten?

Die größten Eigentümer der Dresdner Plattenbausiedlungen sind Wohnungsgenossenschaften und der Immobilienkonzern Vonovia, wie die Studie ergeben hat. Insgesamt besaß das Unternehmen mit 38.300 Stück 2018 rund jede achte Wohnung in Dresden.

Studienautor Oelmann betont, dass 10.000, also etwa ein Drittel davon, Sozialwohnungen sind - die meisten davon in Plattenbaugebieten. Und auch wenn besonders in Prohlis und Gorbitz die durchschnittlichen Mietpreise immer noch verhältnismäßig günstig sind: Der angespannte Wohnungsmarkt macht auch vor der Platte nicht Halt.

Denn gerade weil die Mieten hier weniger kosten, werden die DDR-Bauten immer beliebter. Die Leerstandsquote lag 2018 in den Plattenbausiedlungen bei 4,4 Prozent und damit deutlich unter dem Schnitt des gesamten Stadtgebiets von 6,9 Prozent. Dies weise "auf die hohe Nachfrage und eine Verknappung im Wohnungsmarktsegment der bezahlbaren Wohnungen in Plattenbauten hin", heißt es in der Studie.

Wer wohnte früher in den Siedlungen?

Zu DDR-Zeiten waren Plattenbauwohnungen heiß begehrt. Der Staat vergab sie vor allem an Paare und junge Familien, weshalb die Geburtenrate in den Siedlungen bis zum Fall der Mauer überdurchschnittlich hoch war.

Doch nach der Wende wanderten viele junge Menschen mit guter Ausbildung ab, wer nachkam, hatte häufig wenig Geld und war sozial schlechter gestellt. Die Älteren hingegen blieben meist, wie Studienautor Oelmann herausgefunden hat.

Der Grund: Die Wohnungen in Plattenbauten sind oft barrierefrei, verhältnismäßig klein und gut an den ÖPNV angebunden. Das macht sie bei Senioren beliebt, die in den Siedlungen 2017 29,5 Prozent der Bewohner ausmachten. Zum Vergleich: Der städtische Schnitt lag hier nur bei 23 Prozent.

Wer lebt in den Hochhausvierteln?

Um das herauszufinden, hat sich Oelmann verschiedene Faktoren angeschaut wie Arbeitslosigkeit, Familienstand, Alter der Bewohner und Ausländeranteil. Damit konnte der Student die verschiedenen Wohnviertel in Kategorien einteilen. In der Studie wurden 23 sogenannte "kleine Plattenbauviertel" untersucht und in 38 Gebiete und Gebietsteile untergliedert.

Demnach leben in den Plattenbauten in Großzschachwitz, Leuben, Zschertnitz und Kleinpestitz vor allem ältere Menschen, die bereits zu DDR-Zeiten hier gewohnt haben und meistens Erstbezieher waren.

Besonders hoch ist der Anteil an 75- bis 84-Jährigen unter anderem auch in Klotzsche an der Lubminer Straße, in Gruna an der Rosenbergstraße und in Seidnitz rund um das Areal an der Haltestelle Liebstädter Straße. In diesen Vierteln gibt es wenige Wohnungswechsel, junge Menschen kommen nur langsam nach.

Wo liegen die Problembezirke?

Einige Straßen weiter sieht es in Seidnitz wiederum ganz anders aus, wie die Studie zeigt. Am Schilfweg und an der Schmiedeberger Straße wohnen zwar noch überdurchschnittlich viele Erstbezieher. Doch auch die Sterberaten sind höher. In immer mehr leer gewordene Wohnungen ziehen hier, wie auch an der Rottwerndorfer Straße in Leuben, neuerdings Sozialhilfeempfänger ein.

Überdurchschnittlich viele Menschen ohne Arbeit leben auch Am Jägerpark in der Radeberger Vorstadt, in der Johannstädter Comeniusstraße und an der Jessener Straße in Dobritz. Was Oelmanns Studie ebenfalls zeigt: Weil viele Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, "ökonomisch schlechter gestellt sind", ist ein großer Teil dieser Menschen in Plattenbausiedlungen mit niedrigen Mieten untergekommen.

Hier wiederum treffen sie auf überdurchschnittlich viele Dresdner, die mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen oder ein geringes Einkommen haben. Beispiele für Gebiete mit hohem Migrantenanteil und hoher Arbeitslosenquote sind Teile der Südvorstadt-West, der Johnsbacher Weg in Seidnitz und die Wilhelm-Lachnit-Straße in Strehlen.

Wie sieht die Zukunft der Plattenbauten aus?

Die Studie zeige, dass "eine pauschale Beurteilung von Plattenbaugebieten, ihrer Einwohnerinnen und Einwohner unangemessen ist", so Oelmann. In 21 von 38 untersuchten Siedlungen ist der Anteil an Arbeitslosen und Migranten nicht signifikant höher als im städtischen Mittel.

Doch das könnte sich in Zukunft ändern, wenn die Stadtpolitik nicht reagiert. Denn Oelmann geht davon aus, dass sich die "zunehmende soziale Ungleichheit" auch auf das Leben in den Plattenbauten auswirken wird.

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Gerade dass überdurchschnittlich viele Menschen mit Migrationshintergrund in sozialen Problemvierteln unterkommen, könnte die Stadtgesellschaft noch weiter spalten. Und das ungerechtfertigte Image der "armen Platte" bestärken.

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