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Gerechtigkeit für die Enthauptete?

Magd Rosina verlor ihren Kopf, wegen Kindsmords. War sie schuldig? Ein Kreischaer Hobbyforscher rollt den Fall neu auf.

Der Kreischaer Hobbyhistoriker Matthias Schildbach hat ein Buch über das Schicksal der Kindsmörderin Rosina Heschel geschrieben. Dieses Kreuz am Feldrain bei Bärenklause erinnert an ihre Enthauptung im Jahre 1750.
Der Kreischaer Hobbyhistoriker Matthias Schildbach hat ein Buch über das Schicksal der Kindsmörderin Rosina Heschel geschrieben. Dieses Kreuz am Feldrain bei Bärenklause erinnert an ihre Enthauptung im Jahre 1750. © Daniel Schäfer

Es sind die letzten Augenblicke im Leben der Rosina Heschel. Im Büßerhemd, geleitet vom Kruzifix und frommen Gesängen, geht sie auf ihre Richtstatt zu, einen Hügel hinauf, den man den Gohlich nennt. Es ist ein kalter, diesiger Wintertag. Der Acker ist kahl, der Himmel grau. Doch als der Scharfrichter schließlich sein gewaltiges Schwert erhebt, reißen die Wolken auf und ein Sonnenstrahl trifft die Unglückliche, wie ein Licht aus jener besseren Welt, in die einzutreten nun ihr einziger Trost ist.

Dieser Tag liegt 270 Jahre zurück. Es ist der Tag, an dem der Bauernmagd Rosina Heschel wegen Mordes an ihrem Neugeborenen auf den Feldern des damaligen Ritterguts Bärenklau der Kopf abgeschlagen wird. Aber eigentlich ist es ein Tag im vorigen Winter. Da geht der Hobbyhistoriker Matthias Schildbach den letzten Gang der Verurteilten nach. Er setzt sich Kopfhörer auf, hört die damals angestimmten Kirchenlieder, deren Titel er in den Niederschriften gefunden hat. Er stapft durch die Trübnis bergan, und als er oben ist, bricht dieser Sonnenstrahl hervor. "Da kriegst du Gänsehaut!"

Stars im Strampler aus Freital
Stars im Strampler aus Freital

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus der Region Freital.

Das Decollata-Kreuz auf dem Gohlich bei Bärenklause. Wer es einst aufstellte, ist unklar. Geborgen im Dickicht, hat es die Jahrhunderte überdauert.
Das Decollata-Kreuz auf dem Gohlich bei Bärenklause. Wer es einst aufstellte, ist unklar. Geborgen im Dickicht, hat es die Jahrhunderte überdauert. © Daniel Schäfer

Matthias Schildbach aus Kreischa, der "Bombersucher", hat ein neues Buch geschrieben. Diesmal geht es nicht um abgestürzte amerikanische Kampfflieger des Zweiten Weltkriegs, die so lange seine Passion waren. Diesmal hat er keine Trümmerteile gefunden, keine verbrannte Fallschirmseide, keine Uniformknöpfe. Für die Tragödie der Rosina Heschel gibt es keinerlei Sachzeugen, abgesehen von einem ungelenk aus Sandstein gehauenen Kreuz, das westlich des Örtchens Bärenklause im Gestrüpp steht. Die Inschrift: DECOLLATA. Die Enthauptete.

Entdeckungsfahrt zum Grusel-Kreuz

Wer das Kreuz aufgestellt hat und wann, ist unbekannt. Früheste Beschreibungen stammen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Matthias Schildbach hörte erstmals als Schuljunge davon. Er mag um die zehn Jahre alt gewesen sein, da fuhr er mit seinen Kumpels auf Fahrrädern los, das Kreuz der geköpften Magd anzuschauen. "Für uns war das ein Abenteuer, und auch ein bisschen gruselig." Den ganzen Tag durchkämmten die Jungs das Gelände, und fanden schließlich, was sie suchten. "Wir waren ziemlich stolz."

Das ehemalige Rittergut im Kreischaer Ortsteil Bärenklause. Hier tagte am 18. Dezember 1750 das "Hochnotpeinliche Halsgericht".
Das ehemalige Rittergut im Kreischaer Ortsteil Bärenklause. Hier tagte am 18. Dezember 1750 das "Hochnotpeinliche Halsgericht". © Matthias Schildbach

Eingehauen in den knapp hüfthohen Stein sind die Initialen Rosina Heschels, R und H, sowie das Datum ihrer Hinrichtung: "d. 18. December Anno 1750". Was dem Todesurteil voranging, war bisher nur in groben Zügen bekannt. Es war viel Volksmund mit dabei, sagt Matthias Schildbach. Einig waren sich die Erzähler offenbar über Rosinas Schuld. "Sie galt immer als die Kindsmörderin."

Ein halbes Jahr lang Akten abgeschrieben

Heimatforscher Schildbach, inzwischen 43 Jahre alt, hat gelernt, dass es Schwarz und Weiß im Leben nicht gibt. Die Zwischentöne interessieren ihn, das persönliche Schicksal. Dass er die Schicksale der abgestürzten US-Piloten erhellte, aber auch die ihrer deutschen Gegner am Boden, brachte ihm 2019 den Sächsischen Landespreis für Heimatforschung ein. Im gleichen Jahr begann er, die Akten des Falls Rosina Heschel zu ziehen.

Zum Prozess "contra Rosina Heschelin" lagern im Sächsischen Hauptstaatsarchiv rund 500 Seiten. Ein halbes Jahr hat Matthias Schildbach das gewundene Kanzleideutsch der Gerichtsdiener ins Lesbare übertragen, ein aufreibendes Stück Arbeit: "Ich war schockiert, dass ein heute so alltägliches Problem in eine derartige Katastrophe führte."

Der Rittergutshof Bärenklause, Ort des Tribunals, auf einer Lithografie von 1840.
Der Rittergutshof Bärenklause, Ort des Tribunals, auf einer Lithografie von 1840. © Repro: Matthias Schildbach

Sich in die Gedankenwelt des 18. Jahrhunderts, noch dazu in die einer Frau, einzufühlen, war eine Herausforderung, sagt Schildbach. Was es damals hieß, ein Kind ohne bekennenden Vater zu gebären, könne man heute kaum mehr ermessen: ausgestoßen sein, entehrt sein, zurückgesetzt, über Generationen hinweg. Die Panik, die Rosina Heschel anfiel, als sie am Osterabend 1750 ihr Kind auf dem Scheunenboden der Herrschaft ganz allein zur Welt brachte, wohl fast besinnungslos vor Schmerzen, mag erklären, was sie dem Neugeborenen womöglich antat.

Falsches Geständnis vor dem Folterknecht

Vater des Kindes war der Knecht Gottlieb Wagner. Im Sommer 1749 hatte sich Rosina mit diesem "fleischlich vermischet", wie es im Verhör heißt. Rosina, nichts anderes gewohnt als zu gehorchen, gehorcht Gottlieb, als dieser ihr einschärft, die Schwangerschaft geheim zu halten. Vor Gericht wird er das leugnen, ja, er wird beteuern, nie mit Rosina zusammen gewesen zu sein. Die Gerichtsherren misstrauen ihm. Und doch erlegen sie ihm nichts weiter auf, als in der Kirche Buße zu tun.

Rosina aber wird die Folter angedroht, wenn sie nicht zugibt, dass sie ihren kleinen Jungen, der noch am Tage der Geburt tot im Stroh entdeckt worden war, eigenhändig umgebracht hat. Bisher hatte sie stets ausgesagt, das Kind habe kaum Lebenszeichen von sich gegeben. Sie habe nichts anderes getan, als es ins Stroh gelegt, um dann Hilfe suchend nach Hause zu laufen.

So stellt sich der Zeichner den Gerichtstag zu Bärenklau vor, auf dem der Stab über Rosina Heschel gebrochen wird. Anschließend führt man sie direkt zum Richtplatz.
So stellt sich der Zeichner den Gerichtstag zu Bärenklau vor, auf dem der Stab über Rosina Heschel gebrochen wird. Anschließend führt man sie direkt zum Richtplatz. © Zeichnung: Mario Wiese

Erst im Angesicht des Folterknechts, der ihr droht, langsam alle Gelenke zu brechen, erklärt sie, dem Kind Gewalt angetan zu haben. Sie habe zweimal mit dem Daumen in den Hinterschädel gedrückt. In dieser Region waren bei der Leichenschau Blutungen gefunden worden. Damit ist Rosinas Schicksal besiegelt. Sie kann von Glück sagen, nicht ertränkt  oder gerädert zu werden. Der Tod durch das Schwert gilt als Gnade. 

Dass das Kind auf die von Rosina angegebene Weise starb, ist unwahrscheinlich. Matthias Schildbach hat das Sektionsprotokoll von 1750 Medizinern des Pirnaer Helios-Klinikums und der Uniklinik Dresden vorgelegt. In Betracht kämen laut der Ärzte allenfalls massive Schläge als Ursache für eine Hirnblutung. Die Sektion liefert dafür aber keine klaren Anhaltspunkte. Eine absichtliche Tötung ist nicht nachweisbar.

Matthias Schildbach: Decollata. Die Enthauptete. Ein sächsischer Kriminalfall. 250 Seiten kosten 16,90 Euro. Erhältlich im Buchhandel und via Homepage des Autors.
Matthias Schildbach: Decollata. Die Enthauptete. Ein sächsischer Kriminalfall. 250 Seiten kosten 16,90 Euro. Erhältlich im Buchhandel und via Homepage des Autors. © SZ/Jörg Stock

Warum also die harte Strafe? Man wollte die Macht der Obrigkeit untermauern, denkt Matthias Schildbach. Lieber ein drakonisches Urteil fällen, als durch langes Verhandeln Schwäche zeigen. Was wirklich auf dem Scheunenboden geschah, bleibt im Dunkeln. Matthias Schildbach kann Rosina zwar nicht entlasten. Aber eins, denkt er, hat er sicher erreicht: "Wer das Buch liest, wird Mitleid mit ihr haben."

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