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Abseits der Norm

Klaus Hähner-Springmühl und Erich Wolfgang Hartzsch malten, fotografierten und filmten in der DDR gegen den Strich. Jetzt gibt es eine Ausstellung dazu.

Blick in die : Ausstellung "Nonkonform" mit Arbeiten von Klaus Hähner-Springmühl und Erich Wolfgang Hartzsch im Kunsthaus Raskolnikow in Dresden.
Blick in die : Ausstellung "Nonkonform" mit Arbeiten von Klaus Hähner-Springmühl und Erich Wolfgang Hartzsch im Kunsthaus Raskolnikow in Dresden. © kairospress

Waren diese Künstler das, was man „stark von der sozialen Norm abweichende Individuen“ nennt? Exzentriker vielleicht? Gar Dissidenten? Oder gehörten sie als Teil der Gegenkultur zur Untergrundbewegung?

Kategorien oder Schubladen sind wenig hilfreich, wenn von nonkonformer Kunst in der DDR die Rede ist. Und sie greifen erst recht nicht, wenn Kunst des früh verstorbenen Klaus Hähner-Springmühl und des inzwischen 69-jährigen Erich Wolfgang Hartzsch gezeigt wird. Die beiden waren in der Kunst der DDR singuläre Erscheinungen, Individualisten im Leben und im künstlerischen Ausdruck. Sie trieben die Entwicklung einer Szene abseits der großen Kunstzentren und abseits der Kunsthochschulen in Berlin, Leipzig und Dresden in den 1970er-Jahren voran. In Karl-Marx-Stadt, in der Galerie oben, wo auch die Künstler der Gruppe Clara Mosch aktiv waren, fanden sie eine Heimstatt. Geführt wurde diese Galerie von Gunar Barthel und Tobias Tetzner. Argwöhnisch beäugt wurde deren Arbeit und das Treiben der Künstler von Kulturbürokraten, SED-Funktionären und der Staatssicherheit. Barthel wurde 1987 ausgebürgert, Tetzner leitete die Galerie bis 2005. Inzwischen gibt es in Berlin die Galerie Barthel + Tetzner, und in deren Räumen befindet sich auch ein einzigartiges Archiv, in dem wesentliche Dokumente und Erinnerungsstücke zur nonkonformen Kunst in der DDR bewahrt werden.

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Aus diesem Fundus schöpft die kleine, feine Ausstellung im Dresdner Kunsthaus Raskolnikow. Zeichnungen, Collagen, Fotoübermalungen, Videos und Experimentalfilme sind zu sehen. Material, das an radikale Interventionen erinnert, von großer Kreativität zeugt und von einer ungeahnten Freiheit berichtet, die sich diese beiden Künstler in der DDR nahmen, weil ihnen die Galerie oben dafür den Raum bot. Von einem geschützten Raum kann hier kaum die Rede sein, denn die Herren von Horch & Guck ließen sich nichts entgehen.

Klaus Hähner-Springmühl (1950 – 2006) stammte aus Zwickau. Schon seine ersten Ausstellungen in Karl-Marx-Stadt in den 1970er-Jahren waren Skandale. Dabei provozierte er wohl stärker mit seinen Auftritten, Performances und Konzerten als mit seinen Bildern. Die waren so weit weg vom sozialistischen Realismus, wie es nur geht, dafür nah dran am Leben. Hähner-Springmühls bildkünstlerische und musikalischen Performances waren Auf- und Anreger zugleich. Junge Künstler ließen sich von Hähner-Springmühl inspirieren. Heute gilt er als einer der einflussreichsten oppositionellen Künstler in der DDR. Obwohl er Autodidakt war, wurde er in den Künstlerverband aufgenommen, was beweist, dass er sein Handwerk beherrschte. Seine Gemälde und Zeichnungen, Fotoübermalungen, Collagen, Rauminstallationen und Performances kreisten um die existenzielle Bedeutung der Kunst. Kunst bot ihm die Möglichkeit zur Selbstbefragung und zur Selbstbefreiung aus diversen Zwängen. Sein Aufstieg war für einen Aussteiger und Autodidakten ungewöhnlich. Doch da ihn der Kunstmarkt nie interessierte, geriet er nach der Wende bald in Vergessenheit.

"Land des Lächelns", Fotoübermalung/Collage von Erich Wolfgang Hartzsch aus dem Jahr 1987.
"Land des Lächelns", Fotoübermalung/Collage von Erich Wolfgang Hartzsch aus dem Jahr 1987. © kairospress

Erst 2018 richtete ihm das Leipziger Museum der bildenden Künste eine Personalausstellung aus. 2019 widmete das Museum seinem engen Freund, dem Universalkünstler Erich Wolfgang Hartzsch, eine Soloschau.

Zusammen mit Andreas Hartzsch, Frank Rassbach und Gitte Hähner-Springmühl hatten sie die „Kartoffelschälmaschine“ gegründet. Wie die Gruppe agierte, ist im Raskolnikow auf einer DVD zu sehen.

Ab Mitte der 80er-Jahre drehte Hartzsch Experimentalfilme. Er schuf Künstlerbücher, sogenannte „Meditationstafelbilder“ aus Papier, formte Terrakotta, fotografierte, schrieb dreizehn Gedichtbände mit Illustrationen, arbeitete auf Leinen und Papier, druckte auf einer Lederpresse.

Ausstellung bis 10. September im Kunsthaus Raskolnikow, Dresden, Böhmische Str. 34

Links an der Wand "Nachtfenster", Fotoübermalungen von Erich Wolfgang Hartzsch aus dem Jahr 1898.
Links an der Wand "Nachtfenster", Fotoübermalungen von Erich Wolfgang Hartzsch aus dem Jahr 1898. © kairospress

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