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Bejubelter "Rigoletto" an den Landesbühnen Sachsen

Die Radebeuler Inszenierung von Verdis „Rigoletto“ erzählt berührend eine Vater-Tochter-Tragödie.

Von Rainer Kasselt
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Die Stimme von Paul Gukhoe Song lässt niemanden kalt. Er zeigt Rigoletto glaubhaft als widersprüchlichen Charakter.
Die Stimme von Paul Gukhoe Song lässt niemanden kalt. Er zeigt Rigoletto glaubhaft als widersprüchlichen Charakter. © Pawel Sosnowski

Nach dem ersten Akt geht ein Raunen durchs Publikum. Manuel Schöbel, Intendant der Landesbühnen Sachsen, tritt vor den Vorhang. Droht eine Absage? Erleichterung nach den ersten Worten. Der slowenische Tenor Aljaz Vesel, Herzog von Mantua in Verdis Oper „Rigoletto“, ist indisponiert und steht die Partie dennoch durch. Zu seiner Rolle gehört der bekannteste Hit des Stückes „La donna è mobile“, deutsch „O wie so trügerisch sind Weiberherzen“. Trotz einiger Höhenprobleme meistert Vesel die Herausforderung mehr als passabel.

Im Zentrum der italienisch gebotenen Inszenierung von Manuel Schöbel steht die Tragödie Rigolettos. Der Hofnarr des Herzogs hält seine Tochter Gilda im Haus an der Kette wie eine Gefangene. Er möchte sie vor der Nachstellung des Fürsten bewahren, der jede Frau als Freiwild betrachtet, die nicht bei drei auf dem Baum ist. Als armer Student verkleidet, erobert er Gildas Herz im Handumdrehen. Sie wird von willigen Hofschranzen entführt und dem Herrscher zugeführt. Rigoletto schwört Rache und will den Herzog mithilfe eines Auftragskillers töten. Der Plan geht schief.

Rigolettos Arie stürmisch gefeiert

Der koreanische Bassbariton Paul Gukhoe Song, langjähriges Radebeuler Ensemblemitglied, gestaltet Rigoletto glaubhaft als widersprüchlichen Charakter, singt tief berührend. Seine voluminöse Stimme, gefühlszart und kraftvoll zornig, lässt keinen kalt. Die große Arie, in der er sein Schicksal als Buckliger und Spaßmacher beklagt, wird mit langem Szenenapplaus gefeiert. Ohne Mühe durchschreitet der Bassbariton dunkelste Klangtäler und schwingt sich in steilste Höhen hinauf. Anfangs tritt Rigoletto mit Narrenkappe auf, wird vom mutigen Grafen Monterone verflucht, dessen Leid er verhöhnte. Der Fluch erschüttert den Hofnarren und begleitet ihn bis zum bitteren Ende.

Gilda erlebt bei der Begegnung mit dem Herzog ihr Frühlingserwachen und glaubt dem routinierten Schmeichler jedes Wort. Im Finale wird sie für ihn den Liebestod sterben, obwohl er sie längst mit einer anderen betrogen hat – und sie dabei zusehen musste. Die junge lyrische Sopranistin Kirsten Labonte gestaltet die Partie eindrucksvoll, jubelnd die Stimme im Überschwang der ersten Liebe, glockenhell die Koloraturen. Auch andere Partien sind stark besetzt. Michael Königs bassiger Auftritt als gedemütigter Graf wird zum Tribunal der Anklage gegen die Machenschaften des Herzogs. Ungewöhnlich die beinahe sympathische Darstellung von Jonas Atwood als Auftragsmörder, der den Dolch im Gewande trägt und ehrpusselig seinem Gewerbe nachgeht.

Kostüme und Bühnenbild sind Hingucker

Ein musikalischer Höhepunkt der Aufführung ist das berühmt-berüchtigte Quartett, eine Rarität Verdis. Der Herzog turtelt mit der Kurtisane Maddalena, verborgen hinter Binsen beobachten Rigoletto und Gilda das lüsterne Treiben. Sängerfreundlich begleitet sie der Dirigent Ekkehard Klemm. Er führt die kammermusikalisch besetzte Elbland Philharmonie Sachsen und den Herrenchor der Landesbühnen sicher durch den Abend. Das gut disponierte Orchester bringt die Dramatik und den melodischen Reichtum der Oper zum Blühen.

Das Bühnenbild und die stilisierten Kostüme der Ausstatterin Anja Furthmann sind ein Hingucker. Im Mittelpunkt ein durchsichtiges pavillonartiges Gehäuse, das je nach Bedarf und Videoeinspiel Ballsaal, Mausoleum, Liebeslaube, Gefängnis und Showbühne wird. Im Hintergrund agieren die Herren des Chores mit Scherenhänden, alle in der Rolle gehörnter Ehemänner. Die Regie erzählt die Handlung klar und verständlich, ein Vorzug für Neueinsteiger. Schöbel bleibt dicht am Original, verzichtet auf Bezüge zum Heute, indirekt stellen sie sich her: die Frau als Ware, die Ausgrenzung von Außenseitern. Einige Regieeinfälle gehen daneben, so das alberne Spiel der Hofschranzen mit Leitern oder der unbeholfene Flattertanz des Herzogs.

„Rigoletto“ wurde 1851 in Venedig uraufgeführt und brachte Verdi Weltruhm ein. Neben „La Traviata“ gehört das romantisch-realistische Drama zu den meistgespielten Werken der Opernliteratur. Ein Clou der Inszenierung ist der Einstieg. Im Zeitraffer werden zentrale Momente des Stücks vorweggenommen: Orgien, Tanz, Verführung, Sex, Liebe, Hass, Rache, Mord, Schuld, Verzweiflung. Die Videosequenzen ziehen sich durch die gesamte Handlung bis zu den traurig-schönen Bildern der sterbenden Gilda in den Armen ihres Vaters. Der Radebeuler „Rigoletto“ ist anrührendes und mitreißendes Musiktheater. Jubel, Bravorufe, Trampeln, mehrere Vorhänge.

Wieder am 05.11. in Bad Elster, am 10. 11. in der Lausitzhalle Hoyerswerda, am 20. 11. im Theater Meißen. Im Stammhaus Radebeul am 09. 01. 2022. Kartentel.: 0351 89 54 214