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Farben sind ein großes Abenteuer

Die Dresdner Künstlerin Christine Schlegel malt verlorene Paradiese und hat sich doch selbst in Hosterwitz eins aufgebaut.

Christine Schlegel in ihrem Atelier
Christine Schlegel in ihrem Atelier © Christian Juppe

Alma hält Wache. Mit lautem Gebell kündigt sie Besuch schon an, wenn er sich nur dem Tor nähert. Sie würde ihr Frauchen, Haus und Garten bedingungslos verteidigen, das macht sie auf Anhieb klar. Hat sie den Gast akzeptiert, zeigt die alte Dame, dass sie eigentlich keinen Stress will. Sie genießt es, sich unterm Tisch draußen vorm Haus auszuruhen. Zu Füßen von Christine Schlegel, die inmitten von Bäumen und Blumen wohnt, mit einem weiten Blick hinunter ins Elbtal.

 „Einen Garten oder ein Haus zu gestalten ist für mich, als würde ich ein Bild malen.“ Ihr Paradies ist noch in Arbeit. Sie begann damit 2001, als sie aus Westberlin nach Dresden zurückkehrte. Nach Dresden, wo ihre Tochter zur Welt kam, noch bevor sie 1972 an der Hochschule für Bildende Künste Malerei zu studieren begann. Gebraucht hätte sie das Studium nicht. Ihr Vater, der Maler und Gebrauchsgrafiker Hans-Werner Schlegel, hatte ihr gezeigt, wie Farben wirken. Die Sechsjährige wusste, dass caput mortuum ein bläulich-violettes Pigment aus Eisenoxid ist, aber trug später weder ein Pionierhalstuch noch ein FDJ-Hemd. Die Jugendweihe fand ohne sie statt, das Abitur bleib ihr verwehrt.

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Künstlerin wollte sie nicht unbedingt werden, aber es gefiel ihr, dass sie sich beim Malen und Zeichnen so schön in sich versenken konnte. An der Hochschule waren dann Inhalte gefragt, wie sie in der Zeitung standen. „Das kann ich nicht“, sagte sie ihrem Professor. Er schlug ihr vor, einen Zettelkasten mit Schlagzeilen aus SED-Blättern anzulegen. So hätte sie immer Ideen für Bildmotive parat. Er dachte wohl, einen prima Trick verraten zu haben. Sie fand das finster und malte fürs Diplom dann eben Porträts. Viel erfüllender war es für Christine Schlegel jedoch, mit Film und Fotografie, mit Collagen und Übermalungen zu experimentieren.

Im Jazzclub Tonne lernte sie die Tänzerin Fine Kwiatkowski kennen, mit der sie Experimentalfilme drehte und Performances machte. In Dresden gestaltete sie jedes Jahr am Tag des freien Buches ein Künstlerbuch mit ihren Freunden Helge Leiberg, Veit Hofmann und Claus Weidensdorfer. Diese Verbindungen hielten Jahrzehnte auch über Mauern hinweg. Weidensdorfer starb in diesem Frühjahr, wenige Wochen vor Christine Schlegels 70. Geburtstag. Mit Leiberg stellt sie jetzt zusammen aus. Im Kunsthaus Raskolnikow in Dresden zeigt er „Phasenbilder“. Das sind bewegte Figuren, schwarz auf rotem Grund, als wären sie für den Animationsfilm erdacht. Sie präsentiert Fotografien aus dem Film „Rodaquilar – verbrannte Erde mit einem Hauch von Flüssigkeit“. Ein nackter Mensch, der Schlamm auf der Haut ist getrocknet, setzt sich einer unwirtlichen Umgebung aus. Eine Fotografie hat sie übermalt: Als hätte eine Schlange sich eingenistet im Kopf. Es ist Fine Kwiatkowski, mit der Christine Schlegel Anfang der 90er-Jahre in Andalusien drehte. 

„Mit Fine gibt es eine Seelenverwandtschaft, seit ich sie das erste Mal sah“, erzählt die Künstlerin. „Sie drückt in ihren Bewegungen aus, was ich in der Kunst sagen will. Für mich ist es jedes Mal eine Bereicherung, mit ihr zu arbeiten. Sie war immer schon wie aus meinen Bildern gesprungen.“ Der Viertelstundenfilm, den sie in der stillgelegten, verseuchten Goldmine von Diktator Franco drehten, lief unlängst beim Filmfest Dresden. Die Zeit konnte diesem Kunstwerk nichts anhaben. „Rodaquilar“ ist brandaktuell. Schlegel stand dem Publikum Rede und Antwort. „Ich habe mich gefühlt wie eine Diva und war so glücklich, dass so viele junge Menschen mit meinen Filmen etwas anfangen können. Diese Begegnungen und auch das Interesse der Museumsdirektorinnen und Kuratorinnen an meiner Malerei hat mich mit Dresden versöhnt.“

Versöhnt auch mit der Verbitterung der Älteren, die sie hier und da spürt? „Ich verstehe diese Leute nicht. Was wollen sie? Die DDR wiederhaben und darin mit ihrem fetten Mercedes herumfahren? So eine Gier nach Besitz kenne ich aus Westberlin nicht.“ Überhaupt: Westberlin! Christine Schlegel war mit ihrer Tochter 1986 ausgereist, erst nach Amsterdam, dann nach Westberlin. „Das war multikulturell und grün und anarchistisch und vor allem viel mehr links, als es die DDR je war. So ein herrliches Getriebe, menschlich, offen und duldsam mit allem, was anders war oder abwegig.“

Trotzdem kam sie zurück, zog in die Gartenlaube ihrer Eltern und machte das Grundstück am Elbhang zu ihrem Refugium. „Ich habe hier mein Paradies, kein echtes, aber ein schönes. Unberührte Natur gibt es ja kaum noch“, meint sie. Was nicht durchzogen sei von Beton, werde mit dem Rasenmäher überfahren oder mit dem Laubbläser weggepustet. „Sogar, wenn man durch den Wald läuft, kommt noch so ein Friedensfahrer angerast“, schimpft sie. Allerdings hat sich auch ihr Verhältnis zur Natur geändert. Früher hätte die Tierschützerin niemals eine Fliege zerdrückt. Heute fragt sie: „Wem gehört das Haus, den Ameisen oder mir? Im Atelier haben sie mir einen ganzen Balken weggefressen. Selten kriege ich eine Kirsche oder eine Weintraube, die holen sich die Vögel und die Wespen, noch bevor sie reif sind.“ Vielleicht lassen es sich die Tiere in Schlegels Garten gut gehen, weil dort immer noch mehr Natur ist als in der Nachbarschaft? Wo ein Haus nach dem anderen gebaut wird, wo die Väter mit dem Diesel zum Bäcker fahren und die Mütter mit dem Jeep die Kinder in die Schule kutschieren.

Reservate anzulegen, ist im wahren Leben keine Alternative, aber für Christine Schlegel in der Malerei schon lange ein Thema. „Ein Reservat ist nicht nur ein Schutzraum. Es kann auch ein Gefängnis sein, wie die DDR eins war.“

So eindeutig, wie sie ihre Meinung äußert, so geradeaus, wie sie denkt, sind ihre Bilder allerdings nicht. Sie malt keine Geschichten, sondern „Reservate für Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse“. Da ist dieser seltsame Kopf mit glühenden Augen und Ohren wie Satellitenschüsseln, im Hintergrund ein Haus. „Abhörzentrale“ heißt das Bild. In der DDR hatte sie die Stasi im Nacken. Und nach 2001, als sie Schritt für Schritt ihre Gartenlaube zum Wohnhaus umbaute, wurde sie argwöhnisch von einem Nachbarn beobachtet. Er fragte nicht sie, sondern die Ämter und die Polizei, ob sie denn tun dürfe, was sie da tat. Die vermutete Verletzung von Recht und Ordnung dokumentierte er mit heimlich geschossenen Fotos.

Der Kopf mit den besonderen Ohren hat noch einen anderen Bezug: zu Hieronymus Boschs „Weltgericht“. Da gibt es einen grusligen Kopffüßer mit roter Kappe, Bart und metallischen Ohren. Die „Abhörzentrale“ und andere neue Gemälde, die demnächst in der Kunstausstellung Kühl gezeigt werden, waren für eine Ausstellung entstanden, die kürzlich in Österreich zu Ende ging. Schlegel traf Bosch und korrespondierte mit dessen „Weltgericht“ in der Wiener Akademie der Künste. Als Teenagerin bekam sie ein dickes Buch über Bosch geschenkt, war fasziniert und erschrocken. In ihren Gedanken spiegelte sich das Höllenfeuer, das er malte, in den Filmen über Konzentrationslager, die sie in der Schule gesehen hatte: „Ich dachte: Mein Gott, wozu sind Menschen nur fähig?! Später ging mir Bosch verloren, weil er anderen Bildgesetzen folgt als ich.“ Nun hat sie den Kontakt wiederhergestellt. Die Bezüge sind direkt und doch Jahrhunderte von Bosch entfernt. 

Zwar könnte Schlegels „Falkner“ der jüngere Bruder des Heiligen Hippolyte von der Außenseite des „Weltgerichts“ sein. Aber Christine Schlegel macht ihn zu einem arabischen Falkner vor rotem Hintergrund. Warum? „Weil das Bild es so verlangte. Ich will nicht wie Bosch eine Geschichte erzählen. Ich nehme mir auch nie vor, dies oder das zu malen, sondern ich collagiere Dinge zueinander nach bildnerischen Gesetzen.“ Die Komposition muss stimmen, und vor allem müssen die Farben klingen. „So etwas kommt ja nicht von selbst, das muss man erzeugen. Und am Ende erzählt mir das Bild ganz viel über mich. Das ist jedes Mal ein großes Abenteuer und der Grund, warum ich überhaupt noch male.“ Schwarzweiß interessiert sie nicht, aber ein winziger roter Fleck auf großer grauer Fläche begeistert sie. Nie wird sie mit Acrylfarben malen. Ölfarben müssen es sein. Kunst zu machen ist für Christine Schlegel eine „Mischung aus Kreativität, Begabung und der Möglichkeit, mich in etwas zu versenken. Das ist wie Meditieren. Man muss sich den Raum und die Ruhe geben, damit Kunst entstehen kann.“ Fließbandarbeit für Geldanleger nennt sie Plakatmalerei. „Das fände ich stinklangweilig, obwohl ich weiß, dass Wiedererkennbarkeit gut funktioniert auf dem Kunstmarkt.“ In ihrem Refugium lebt sie von einer kleinen Rente. Ab und zu verkauft ihre Galeristin ein Bild. „Das reicht mir. Groß einkaufen gehe ich sowieso nicht mehr. Unter der Maske kann ich immer so schlecht atmen.“

  • Christine Schlegel und Helge Leiberg: „Phasen“ bis 17. Oktober im Kunsthaus Raskolnikow, Dresden, Böhmische Str. 34, Mi – Fr 15 – 18, Sa 11 – 14 Uhr
  • Christine Schlegel „Das verlorene Paradies“, vom 9. Oktober bis 30. Januar in der Kunstausstellung Kühl, Dresden, Nordstr. 5, Mi – Fr 11 – 19, Sa 11 – 16 Uhr. Am 8. Oktober ist die Ausstellung ab 16 Uhr geöffnet, 18 Uhr hält Jördis Lademann die Laudatio.

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