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Reckless-Brüder: Cornelia Funke setzt Erfolgsserie fort

Märchen sind immer auch grausam, das wird im neuen Roman der Erfolgsautorin deutlich. Nach Glücksmomenten muss man in diesem Buch suchen.

Cornelia Funkes neuer Roman ist düster.
Cornelia Funkes neuer Roman ist düster. © Dressler Verlag

Man nehme Elfenstaub, heißes Wasser und eine Prise Mondwurzpulver. Dieser Wundersud vertreibt jeden Schmerz. Das Rezept steht im neuen Roman von Cornelia Funke. Ihre Figuren können es brauchen. Sie werden von jadegrünen Waranen bedroht, von scharfkantigen Silberrosen zerschnitten und in heißen Kellern gefoltert. Selbst ein Unsterblicher leidet. Jemand beißt ihm den sechsten Finger von der Hand ab. Die körperlichen Schmerzen sind schlimm. Doch die seelischen Schmerzen sind schlimmer. Nach Glücksmomenten muss man in diesem Buch suchen. 

Die Autorin stürzt ihre Figuren von einer Angst in die nächste. Die Angst ist so groß, weil die Liebe groß ist, was sonst. Auf der Gegenseite öffnen sich Abgründe von Hass, Rache, Eifersucht und simpler Boshaftigkeit. Im Grunde geht es immer nur um eines: Die Mächtigen wollen ihre Macht vergrößern, das ist wie im richtigen Leben. Je mehr kleine Kinder die Hexe frisst, desto hungriger wird sie. „Aber Märchen waren immer auch grausam“, heißt es im Buch. Wie harmlos erscheint da die Hänsel-und-Gretel-Welt.

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Die Märchensammler Jacob und Wilhelm Grimm lieferten die Inspiration für die Reckless-Reihe von Cornelia Funke, mit 31 Millionen verkauften Büchern derzeit die erfolgreichste deutsche Schriftstellerin auf dem internationalen Markt. In Dresden kamen die Reckless-Brüder Jacob und Will auf die Bühne. Der erste Band erschien vor zehn Jahren. Einige Szenen hat Cornelia Funke inzwischen umgeschrieben, manche Figuren stärker geformt. Dazu gehört das unerschrockene Mädchen Celeste. Sie kann sich in eine Füchsin verwandeln, wenn sie wie die Brüder durch einen Spiegel aus ihrer Welt in eine andere wechselt. Dort treffen sich alle wieder im vierten Band, der gestern erschien. In dieser anderen Welt herrschen Feen, Zwerge, Erlelfen und die Goyl, menschenähnliche Wesen mit steinerner Haut. „Man kann den Zauber dort mit Messern schneiden.“ Als Fluchtfahrzeug dient ein Automobil. In Funkes fantastischem Kosmos hat die Industrialisierung gerade begonnen. Die Autorin zitierte in früheren Bänden Motive und Gestalten aus deutschen, russischen und französischen Märchen. Diesmal liefert Südostasien die Kulisse mit Pagoden und einer Landschaft wie in japanischen Farbholzschnitten. Zu den bekannten Figuren kommen neue hinzu, etwa ein wunderbar tätowierter Reisebegleiter. Bei Gefahr werden die Drachen und Löwen auf seiner Haut lebendig. Er heißt Hideo wie ein berühmter Spieleentwickler aus Japan.

Cornelia Funke versteckt gern Kreuz- und Querverweise in ihren Texten. Der böse Spielmacher der 61-Jährigen trug im früheren Leben den Namen Norebo Johann Earlking, was an Oberon, Goethe und den Erlkönig denken lässt. Er hatte Jacob geholfen, die Füchsin aus Blaubarts Kammer zu befreien. Als Lohn forderte er ihr erstes Kind. „Und bist du nicht willig …“ Mit Gewalt will sich der Spieler jetzt das Versprochene holen. Doch die schwangere Füchsin entwischt. So entwickelt sich der vierte Band zu einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd durch unterirdische Höhlen und Paläste und über Ländergrenzen hinweg. Wer die vorangegangenen Romane nicht kennt, dürfte es schwer haben mit den zahllosen Feinden und wenigen Freunden von Jacob, Will und der Füchsin. Auf getrennten Wegen schlagen sie sich durchs Märchenland. Immer stärker zeigt sich der Gegensatz zwischen den Brüdern. Der Spieler lüftet das Geheimnis: Sie haben zwar dieselbe Mutter, aber unterschiedliche Väter. Will mit der Jadehaut sei sein Sohn. Er habe ihn zum Mord an der mächtigen Dunklen Fee angestiftet: „So fing es immer an. Man musste sie dazu bringen, ihre eigenen Werte zu verraten, und schon konnte man sie zu nahezu allem verführen.“

Cornelia Funke neigt nicht zum vordergründigen Moralisieren. Doch unter der komplexen, turbulenten Oberfläche gibt sie etwas zum Nachdenken mit: Wie ist das mit der Macht über andere Menschen? Steht Mitgefühl dieser Macht im Weg? Lässt sich ein Leben aufrechnen gegen ein anderes? Kann einer für seine Liebe bestraft werden? Die wichtigste Frage aber heißt: Ist die Liebe am Ende doch stärker als die Furcht? Die Antwort der Autorin fällt eindeutig aus. So gehört sich das für jüngere Leser. Als sie den Schlusspunkt setzt, sind etliche Rätsel nicht gelöst, alte Versprechen gebrochen und neue Konflikte geschürt. Will steckt in einem Silberspiegel fest, das Fuchskleid liegt zerrissen, und der Schatzjäger Jacob bekommt einen königlichen Auftrag. Das reicht für mehrere Fortsetzungen. Vielleicht erfährt man dann auch, wo es Elfenstaub gibt.

Cornelia Funke: Reckless. Auf silberner Fährte. Dressler Verlag, 408 Seiten, 24 Euro

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