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Das ist Dresdens neue Stadtschreiberin

Mit Entdeckungen aus einem anonymen Kriegstagebuch kommt Kathrin Schmidt als Stadtschreiberin nach Dresden.

Kathrin Schmidt wird die nächste Stadtschreiberin Dresdens.
Kathrin Schmidt wird die nächste Stadtschreiberin Dresdens. © Bonß; dpa

Vereinsamte Frauen sitzen in ihren altersklammen Stuben und löffeln Puddingbecher aus. Andere fühlen sich überfordert zwischen Kinder- und Elternpflege. Es ist ihnen unangenehm, wenn sie Billigware aufs Kassenband legen. Im Vorstadthäuschen wird nicht Armut zur Falle, sondern die Langeweile. Sie dehnt den Tag bis zum Überdruss. Solche Geschichten erzählt Kathrin Schmidt.

Da geht es auf Talfahrt hinab zu den Freudlosen und Sehnsüchtigen. Unterwanderung gehört zum Prinzip dieses Schreibens. Der Ton klingt lakonisch. Doch der barocke Schwung gehört genauso dazu, das Überbordende, Selbstironische, Hintergründige, Fantasievoll-Verrückte. Dann schlägt die Zunge ein Rad und die Welt bekommt Unerhörtes zu hören zwischen Schallmauerblumen und Reizpflanzenfeld. So groß kann kein Schrank sein, dass er ausreichend Schubkästen hätte für das Werk dieser vielfach ausgezeichneten Lyrikerin und Prosa-Autorin.

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Ihr erfolgreichster Roman erhielt 2009 den Deutschen Buchpreis und hieß „Du stirbst nicht“: Nach dem Riss einer Gehirnarterie, nach Koma, Lähmung, Erinnerungsverlust und Sprachlosigkeit kämpft sich eine Schriftstellerin zurück ins Leben, zart und stark zugleich. Es ist Kathrin Schmidts eigene Geschichte.

Lange Beziehung zur Stadt

Nächstes Jahr kommt die 62-Jährige nach Dresden mit einem Stipendium als Stadtschreiberin. Die Kulturstiftung der Sparkasse und die Landeshauptstadt vergeben monatlich 1.500 Euro und eine mietfreie Wohnung. 15 Frauen und sieben Männer haben sich darum beworben.

Für ein halbes Jahr wird Kathrin Schmidt das Arbeitszimmer unterm Dach ihres Hauses in Berlin-Mahlsdorf verlassen. Manchmal sitzt sie dort schon morgens ab fünf am Laptop zwischen Mappen, Zetteln und Bücherstapeln. Aufgeräumt wird nur einmal im Jahr, zwischen Weihnachten und Silvester. Der Stadtschreibertisch in Dresden-Pieschen ist schon geräumt. 

Das mag ein Grund sein für ihre Bewerbung. Ein anderer ist die Ungestörtheit. „Ich kann nicht arbeiten, wenn jemand im Haus ist.“ Außerdem gibt es seit Langem eine Beziehung zur Stadt. „Angefangen hat das mit den Kunstausstellungen der DDR, da bin ich oft hingefahren“, sagt Kathrin Schmidt. „Manche Freundschaft mit bildenden Künstlern hält bis heute.“ Sie erzählt von einem guten Freund, der sich in oppositionellen Kreisen herumtrieb, Lesungen in Kirchen veranstaltete und Autografe sammelte. Mit dem Verkauf der Handschriften unterstützte er Angehörige von Inhaftierten. „Der Freund lebt auch schon lange in Berlin und wird sehr neidisch sein auf meinen Dresden-Aufenthalt.“

Alles auf eine Karte

Der zwiespältige politische Ruf der Stadt hält die Autorin nicht ab. „Ich glaube, in Dresden zeigt sich etwas, was virulent ist im Land. Hier kommt es heraus, und es muss herauskommen. Das ist mir lieber, als wenn sich ein Grummeln unter der Oberfläche verfestigt und dann richtig explodiert.“ Kathrin Schmidt erzählt, wie sich ihre Sicht auf die Pegida-Aufmärsche veränderte. Anfangs sei sie nur abgestoßen gewesen. Dann habe sie nach sozialen Ursachen gesucht, nach überformten Konflikten. Eine scharfsinnige Gesellschaftsanalyse hatte sie schon 2010 mit ihrer Dresdner Rede geliefert.

Sie kritisierte prekäre Arbeitsverhältnisse, die geringe Hilfe für Alleinsorgende, die Abschottung zwischen Armen und Reichen. „Das Faule im Staat riecht eben nicht aus der Unterschicht herauf, sondern drängt seinen Gestank in die Unterschicht hinein.“ Beim Blick zurück in die DDR stellte sie fest: „Es gab wohl ein richtiges Leben im falschen.“ Zu ihrer Familie gehören fünf Kinder und sieben Enkel.

Kathrin Schmidt wuchs in Gotha auf, studierte in Jena und arbeitete zehn Jahre als Psychologin. In der Umbruchzeit engagierte sie sich mit ihrem Mann in Ostberlin am Runden Tisch. Sie schrieb für eine feministische Frauenzeitschrift und setzte 1994 alles auf eine Karte: die Literatur. Schon als Kind hatte sie Gedichte verfasst. Die ersten erschienen 1982 in der kleinfeinen Reihe „Poesiealbum“. Weitere Bände folgten, auch fünf Romane, großartige Lesevergnügungen wie „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“, „Koenigs Kinder“ oder „Kapoks Schwestern“.

Mit einer irrwitzigen Entdeckung

Oft geht es um tatkräftige, sinnliche Frauen, die sich zu behaupten suchen. Gerade sitzt die Autorin über der Endfassung eines Romans, der im Frühjahr herauskommen soll. Mit Gedichten aus dem jüngsten Band „sommerschaums ernte“ bewarb sie sich um das Stadtschreiber-Stipendium von Dresden – und mit einer irrwitzigen Entdeckung. Kathrin Schmidt erzählt, wie sie von einer Freundin ein anonymes Tagebuch geschenkt bekam.

Es war in einem Neuruppiner Verlag erschienen und enthielt knappe Mitteilungen einer älteren Dame aus den Jahren zwischen 1941 und 1945. Die Frau, die anfangs mit der Wehrmacht gedanklich von Sieg zu Sieg eilte, verlor allmählich alles, was sie ausmachte. „Die Lektüre sprach etwas in mir an, was den Ehrgeiz entfachte.“ 

Kathrin Schmidt versuchte, der Tagebuchschreiberin auf die Spur zu kommen – sie recherchierte, telefonierte und machte am Ende sogar den letzten Überlebenden des Familienensembles ausfindig, einen achtzigjährigen Professor in Coburg. Manche Wege führten in alte Adels- und höchste Nazikreise. Andere endeten am 12. Februar 1945 vor den Toren von Dresden. Die Flüchtlinge mussten draußen nächtigen. „Das war ein großes Glück für sie“, sagt Kathrin Schmidt. An diesem Stoff will sie vor Ort arbeiten.

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