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Die Gemäldegalerie ist zurück

Ende Februar wiedereröffnet, musste die Galerie Alte Meister im März wieder schließen. Nun weckt ein virtueller Besuch die Neugierde.

Seit November kann man digital durch die Galerie Alte Meister und die neue Sonderausstellung „Raffael und die Madonna“ spazieren, die die Sixtina in einer Neuinszenierung theologisch in ein anderes Licht rückt.
Seit November kann man digital durch die Galerie Alte Meister und die neue Sonderausstellung „Raffael und die Madonna“ spazieren, die die Sixtina in einer Neuinszenierung theologisch in ein anderes Licht rückt. © SKD/Klemens Renner

Was waren das für bewegende und beglückende Stunden und Tage Ende Februar, als nach sieben Jahren Bauzeit und einem unerwartet dramatischen Endspurt die Gemäldegalerie Alte Meister endlich wieder eröffnet wurde. Dresdner Kunstfreunde, von denen manche schon gar nicht mehr gern in dieses Heiligtum der Kunst gegangen waren, weil ihnen nicht zusagte, wie ihre Lieblingsbilder im Interim präsentiert worden waren, waren dann doch neugierig genug, um den Neustart nicht zu verpassen.

Galeriedirektor Stephan Koja erinnert sich an Adrenalinschübe: „Wunderbar war, dass wir von Anfang an so viel Zuspruch bekamen. Aber wir konnten die Eröffnung gar nicht so richtig genießen. Eigentlich hatten wir geplant, auch mit den Handwerken und den Zulieferern in einem großen Fest anzustoßen. Emotional hätte es für uns einen Abschluss gebraucht, um sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen und sich bedanken zu können.“

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Das taten die Sachsen, begeistert von der neuen Sinnlichkeit der Alten Meister, umso überschwänglicher. Vor allem ältere Dresdner haben Koja geschrieben: „Sie haben uns die Gemäldegalerie zurückgegeben.“ Manche sagten es ihm persönlich, mit Tränen in den Augen: „Wir wollten eigentlich nicht mehr hierher kommen, aber jetzt ist die Gemäldegalerie zurück und wir sind so glücklich.“ Den Galeriechef hat das sehr gerührt.

Diszipliniert stehen die Besucher im Mai Schlange an der Sempergalerie, die, wie andere Museen auch, trotz funktionierendem Hygienekonzept im November schon wieder schließen musste.
Diszipliniert stehen die Besucher im Mai Schlange an der Sempergalerie, die, wie andere Museen auch, trotz funktionierendem Hygienekonzept im November schon wieder schließen musste. © Jürgen Lösel

Mit seinem Team schuf Stephan Koja eine einladende Atmosphäre, in der die Gemälde der Alten Meister und die Skulpturen von der Antike bis 1800 die Besucher begrüßen, sie wirklich empfangen. Zu dieser Wohlfühlatmosphäre tragen das Licht, die Wandbespannnungen und auch die Beschriftungen bei, die die Besucher nicht bildungshuberisch zutexten, sondern wissend unterhalten und zum genauen Hinschauen verführen wollen.

Doch nur kurz war die neu eingerichtete Galerie zu genießen. Obwohl das Hygienekonzept bestens funktioniert, Abstände gewahrt bleiben, das Maskentragen kontrolliert wird, mussten die Museen im November ein weiteres Mal schließen. Nun bieten die Staatlichen Kunstsammlungen ein digitale Rundgänge durch die Sempergalerie und speziell durch zwei Sonderausstellungen, denen nur eine kurze bzw. noch gar keine reelle Öffnung zuteil wurde. „Auch ohne Corona hätten wir die Ausstellungen digitalisiert“, sagt Koja. „Aber die aktuelle Situation hat das Vorhaben befeuert.“ Er ist überzeugt, dass diese Angebote dem Museum keine Besucher wegnehmen, sondern eher Neugier wecken: „Das sind nur Surrogate, die niemals die Faszination ersetzen, die man empfindet, wenn man selbst im Raum steht, die Dreidimensionalität einer Skulptur erlebt oder angerührt wird von einem originalen Kunstwerk.“

Details sind zoombar

Diese geführten Rundgänge sind keine Billigangebote, aber für die Besucher kostenlos. Sie geben Menschen aus aller Welt digitale Werkzeuge in die Hand, mit denen sich Details der Kunstwerke zoomen lassen. Vertiefungsebenen und Verlinkungen erschließen Informationen, die in der Ausstellung so ausführlich gar nicht vermittelt werden können. Schon vor Eröffnung der Vermeer-Ausstellung im Sommer soll ein Digitorial zur Verfügung stehen, in dem man Spannendes erfahren kann aus der Geschichte der Niederlande um 1700. Im Mittelpunkt der Schau steht Jan Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“, das von Christoph Schölzel restauriert wird, der unter der bekannten Oberfläche eine weitere Figur freilegte.

Koja legt außerdem großen Wert auf die Erarbeitung von Bestandskatalogen, „das Fundament all unserer Projekte“. Dabei wird manche Entdeckung gemacht, von der das Publikum früher oder später in einer Sonderschau erfahren soll. „Für unsere vielen Ideen haben wir zu wenige Ausstellungsräume“, sagt der Museumschef und „beklagt“ damit ein Luxusproblem einer reichen Sammlung, in der wissbegierige Kunsthistoriker arbeiten.

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