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"Die rechtschaffenen Mörder": Ein Autor tötet seine Kinder

Die Bühnenadaption von Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ erzählt die Geschichte eines Büchermenschen, der zum rechten Monster wird.

Von Rainer Kasselt
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In dem Theaterstück tragen alle Schauspieler Kleider, hier der Buchhändler (Torsten Ranft) mit seiner Vermieterin (Christine Hoppe).
In dem Theaterstück tragen alle Schauspieler Kleider, hier der Buchhändler (Torsten Ranft) mit seiner Vermieterin (Christine Hoppe). © Sebastian Hoppe

Das Stück beginnt mit der Beichte eines ostdeutschen Schriftstellers namens Schultze. Er hat sein Manuskript in den Sand gesetzt. Er wollte dem Dresdner Antiquar Norbert Paulini ein Denkmal errichten und muss sich eingestehen: „Ich habe dem Falschen gehuldigt, dem ganz Falschen.“ Der Schöngeist und Büchermensch ist im rechten Milieu gelandet, droht anderen mit dem Tod: „Was die Ajatollahs können, können wir schon lange.“

Soll Schultze den Text wegwerfen oder neue Kapitel hinzufügen, wie ihm die westdeutsche Lektorin rät? Er ist hin- und hergerissen. Der Antiquar ist nicht nur sein Romangeschöpf, es gab ihn wirklich, und er hat ihn verehrt. Schultze hat manches gemeinsam mit dem Schriftsteller Ingo Schulze, ist aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Im Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ hält Ingo Schulze diesen Umstand in der Schwebe. Wie gelingt es dem Theater?

Am Freitag wurde im Staatsschauspiel Dresden die Bühnenadaption des Buches uraufgeführt. Regisseurin Claudia Bauer schrieb mit den Dresdner Dramaturgen Uta Girod und Jörg Bochow die geraffte Spielfassung. Die Zuschauer erleben eine anspruchsvolle Aufführung mit märchenhaften, bitteren und komischen Elementen, mit Live-Kamera, oratorischem Gesang des Ensembles Auditivvokal und Vertonungen von Dichter-Zitaten. Trotz der überbordenden theatralischen Mittel bleibt die Intention des Romans erhalten. Die Handlung reicht von 1953 bis heute. Eingeblendete Jahreszahlen erleichtern das Verständnis.

Bildstarke Einfälle des Regieteams

Norbert Paulini weiß schon als Kind, was er werden will: Leser. Er wächst mit Büchern auf. Der Junge taucht tief in die Welt der Literatur ein. Die Figuren seiner Fantasie erscheinen auf der Bühne als elfengleiche Wesen mit langen farbigen Kleidern und mopsigen Gesichtern mit spitzen Nasen. Masken, die an das Kinderbuch mit dem lustigen Burattino erinnern. Einer von vielen bildstarken Einfällen des Regieteams für das achtköpfige spielfreudige Ensemble. Nach dem Verschwinden der DDR verschwinden auch die Masken. Ein Tanz ums Goldene Kalb, als 100 DM-Schein ins Bild gesetzt, symbolisiert die politische Wende.

Masken und außergewöhnliche Videoaufnahmen bereichern das Stück mit neuen Perspektiven.
Masken und außergewöhnliche Videoaufnahmen bereichern das Stück mit neuen Perspektiven. © Sebastian Hoppe

Gespielt wird auf der kargen, braun getäfelten Bühne von Andreas Auerbach. Eine riesige Kaskade von gefühlt tausend Lichtern steht sinnbildlich für die übervollen Regale des Antiquars. Jedes Lämpchen ein Buch – was für eine frappierende Idee! Die Lichter verlöschen, als einst begehrte Werke auf dem Müll landen. Bückware wird zum Wegwerfartikel. Paulini versteht die Welt nicht mehr. Sein Status verändert sich von einem Tag zum anderen. Gestern als „Prinz Vogelfrei“ angehimmelt, heute als Wendeverlierer ins Abseits geschoben.

Er wird im Denken radikaler, liest nur noch deutschsprachige Literatur, will sein „Sprachgefühl rein bewahren“. Angeblich hat er nichts gegen Ausländer, aber es ekelt ihn, wenn sich über „einen unschuldigen Sandkuchen, eine weiße Bebe, schwarze Schokoladensoße ergießt“. Torsten Ranft spielt den Antiquar in einer Mischung aus weltfremdem Traumtänzer, sonderbarem Kauz und gefährlichem Reaktionär, der seinen fremdenfeindlichen Sohn verteidigt.

Autor Schultze steckt in der Klemme

Doch die eigentliche Hauptfigur der Inszenierung ist der Schriftsteller Schultze. Hinreißend, selbstverliebt, überschwänglich und verzweifelt von Moritz Kienemann auf die Bretter gezaubert. Taumelnd zwischen aufrechtem Gang und feiger Angepasstheit. Seine Freundin Lisa, als moralische Instanz von Nadja Stübiger verkörpert, liest ihm die Leviten. Sie wirft ihm und seinem Dichterkollegen (Viktor Tremmel) „östliche Selbstentleibung“ vor, beide hätten sich den Regeln des Marktes unterworfen, Konzessionen gemacht, um im Westen Erfolg zu haben.

Autor Schultze steckt in der Klemme. Und er findet einen Ausweg. Er tötet seine Kinder. Lässt Paulini und Lisa, die ihm als Romanfiguren aus dem Ruder laufen, einfach sterben und von einem Felsen in der Sächsischen Schweiz stürzen. Mord oder Freitod, das ist hier nicht die Frage. Die Inszenierung fragt nach der Verantwortung des Schriftstellers in einer gespaltenen, zerrissenen Gesellschaft.

Regisseurin Claudia Bauer bezieht den Romantitel „Die rechtschaffenen Mörder“ auf die „Schultzes dieser Welt, die über andere urteilen“, wie sie in einem Radiointerview sagte. Menschen werden oft vorschnell an den Pranger gestellt, ohne deren Gründe zu kennen. Ein Stück „Schultze“ steckt wohl in den meisten von uns, wenn wir über Toleranz, Nächstenliebe und mangelnde Zivilcourage nachdenken.

Stark der Schluss des gut zweistündigen Abends. Ein geflüchteter Bosnier aus Sarajevo (Marin Blülle), der Paulini als Gehilfe diente, bangt um sein Leben. Wohin er schaut, überall rechtschaffene Menschen. Er hat Schultzes Drohung im Ohr: „Vergiss niemals, wer darüber entscheidet, welche Wahrheit in mein Buch gelangt.“

Wieder am 28. und 29. 10. sowie 7. 11. im Schauspielhaus. Kartentelefon: 0351/49 13 555