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"Die Leute halten den Frieden nicht aus"

Thomas Schuch und Jörg Lehmann sprechen in ihrem neuen Programm über emotionale Hochdruckgebiete und gesellschaftliche Gewitterfronten.

Jörg Lehmann (l.) ist im neuen Programm des Friedrichstatt Palastes für die Hochdruckgebiete zuständig. Thomas Schuch rechnet jeder Zeit mit Trouble von oben.
Jörg Lehmann (l.) ist im neuen Programm des Friedrichstatt Palastes für die Hochdruckgebiete zuständig. Thomas Schuch rechnet jeder Zeit mit Trouble von oben. © PR

Dresden. "Mieses Klima - Wetter prima" so heißt die neue Inszenierung im Dresdner Friedrichstatt Palast. Das private Theater konnte wie alle anderen monatelang nicht spielen wie gewohnt. Auch jetzt dürfen nur sehr viel weniger Gäste die Vorstellungen erleben, als im Saal eigentlich Platz fänden. Kabarett gibt es trotzdem, und zwar ab Sonnabend mit der ersten Premiere nach dem Lockdown.

Herr Lehmann, auf der Bühne sind Sie der Gutwettermacher. Ist für Sie auch privat das Glas immer halb voll, statt halb leer?

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Jörg Lehmann: Für uns beide. Wir denken grundsätzlich positiv. Auf jeden Fall hatten wir beim Entwickeln und Proben unseres neuen Stückes sehr viel Spaß, auch wenn es darin nicht um eitel Sonnenschein, sondern das miese Klima in der Gesellschaft geht.

Worüber können Sie nicht lachen?

Jörg Lehmann: Mir vergeht das Lachen, wenn die Würde des Menschen verletzt wird. Ich ärgere mich extrem über die Unfähigkeit so vieler Menschen, vernünftig und respektvoll miteinander zu reden. Es ist an der Tagesordnung, sich gegenseitig zu beleidigen. Dabei merken die Leute gar nicht, wie sie dabei ihre eigene Würde verlieren.

Herr Schuch, Sie sind im Stück eher für die Tiefdruckgebiete zuständig. Was lässt Sie frösteln?

Thomas Schuch: Die sozialen Medien. Dort können sich die Menschen ihre Wahrheit aussuchen und sich darin immerfort bestätigen lassen. Wir beide sind nicht immer einer Meinung. Aber das nehmen wir zum Anlass, strittige Themen umso genau zu hinterleuchten. Satire ist zwar selten ausgewogen, sondern spitzt eher zu. Trotzdem müssen in unseren Texten alle möglichen Aspekte zur Sprache kommen.

Krisenzeiten sind kritische Zeiten und dankbare Zeiten fürs Kabarett. Wie erleben Sie das im Moment? 

Jörg Lehmann: Stoff gibt es in der Tat genug. Wir erleben gerade die größte Krise, die uns wirklich selbst betrifft. Es gibt die Klimakrise, Wirtschaftskrisen, Flüchtlingskrisen, wie gerade in Moria. Aber all das spüren wir nicht so bitter am eigenen Leib wie Corona und dessen Folgen. Das Virus hat uns vom Burnout in den Shutdown heruntergebeamt. Erst haben wir geklagt, dass alles zu viel und zu schnell und zu laut ist. Plötzlich stand alles still. Das ist nun auch wieder nicht richtig.

Thomas Schuch: Das Leben wurde vorübergehend heruntergefahren, aber in den Gemütern brodelt es ganz bedrohlich. Schauen wir die Demonstrationen hierzulande an und das Geschehen in Belarus. Oder auf der Krim. Dorthin reise ich jedes Jahr etwa einmal. Mich beschleicht ein Verdacht - nämlich der, dass die Menschen die lange Friedenszeit gar nicht aushalten. Sie drohen sich gegenseitig mit Vergeltung. "Ich weiß, wo du wohnst", brüllen sie ihre Gegner an. So als ob sie nur auf einen Tag X warten, wider besseren Wissens und mit der verstörenden Gewissheit, irgendwann am Zuge zu sein.

Jörg Lehmann: Es ist, als werfe man alle Errungenschaften der Aufklärung über Bord.

Wollen unter diesen Umständen Ihre Zuschauer denn überhaupt noch irgendetwas über Corona hören?

Thomas Schuch: Meine Nachbarn sagen auch: "Wir wollen nichts mehr über Flüchtlinge hören!" Und dann sitzen sie im Hof und reden über nichts anderes. Mit Corona ist es ähnlich. Wir werden die Pandemie nicht durchweg zum Thema machen, aber viele Themen, die für schlechtes Klima in der Gesellschaft sorgen, hängen damit zusammen. 

Jörg Lehmann: Ganz ehrlich: Wir wollen unser Publikum im Grunde genommen mit viel Humor und Lachen dazu anhalten, sich mal etwa herunterzukühlen. 

"Mieses Klima - Wetter prima", öffentliche Generalprobe: 18. September; Premiere: 19. September, weitere Vorstellungen: 22. bis 24. September, jeweils 19.30 Uhr. Tickets unter Tel: 0351 4904009. www.dresdner-friedrichstatt-palast.de

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