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Dresden im Caravaggio-Fieber

Das Menschliche und das Göttliche – eine Leihgabe aus Rom ist Blickpunkt einer grandiosen Sonderschau.

Dieses als „Johannes der Täufer“ bekannte Bild, eine Leihgabe aus Rom, malte Caravaggio 1602. Es ist das Hauptwerk der dem großen Barockmaler gewidmeten Sonderschau im Semperbau am Zwinger.
Dieses als „Johannes der Täufer“ bekannte Bild, eine Leihgabe aus Rom, malte Caravaggio 1602. Es ist das Hauptwerk der dem großen Barockmaler gewidmeten Sonderschau im Semperbau am Zwinger. © SKD

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Um den Künstler, den wir als Caravaggio kennen, ranken sich Mythen noch und noch. Er wurde als Wüstling gebrandmarkt, als Mörder verfolgt und als Maler gefeiert. Für die Kunst des 17. Jahrhunderts gilt er als überragende Lichtgestalt, und für seine zahlreichen Nachahmer wurde sogar ein Begriff erfunden: Caravaggisten. In der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister hängen Dutzende Werke, die es ohne seinen Einfluss so nicht gäbe. Ein Bild von ihm selbst hat die Sammlung allerdings nicht. Nun aber gastiert hier ein echter Caravaggio aus Rom und wird mit einer hochkarätigen Sonderausstellung gefeiert. Wenn also dieser Tage im Semperbau das Caravaggio-Fieber ausbricht – um wen geht es hier?

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Als Lucia, zweite Frau des Maurermeisters Fermo Merisi, am 29. September 1571 in Mailand einen Sohn gebar, wurde der Michelangelo genannt. Denn sein Geburtstag fiel auf den Namens- und Gedenktag für den Erzengel Michael. Mit dem Renaissancekünstler Michelangelo Buonarroti, der sieben Jahre zuvor in Rom gestorben war, hatte das also nichts zu tun.

Der Barock-Star prägte die Kunstszene auf Jahrzehnte

Der Kleine geriet mit fünf Jahren in die Kleinstadt Caravaggio, als die Familie 1576 wegen der in Mailand besonders heftig wütenden Pest dort Zuflucht suchte. Zufall war das nicht, denn der Vater stammte aus dieser Kommune unweit von Bergamo. Der Name blieb haften – unter dem Pseudonym Caravaggio wurde Michelangelo Merisi später berühmt. Das war zunächst nicht absehbar. Er war mit zehn Waise geworden und nach der Lehre in Mailand mit 20 nach Rom gezogen, wo er sich anfangs recht und schlecht durchschlug. Als Gehilfe etablierter Maler durfte er Details ausführen, Blumen, Früchte, Randfiguren. 

Doch das änderte sich. Schon zwischen 1594 und 1599 entstanden frühe Meisterstücke wie „Knabe mit Früchtekorb“ oder „Judith und Holofernes“, und der Maler war bald sehr gefragt. Dank seiner dramatischen Figurationen mit suggestiven Licht- und Schattenspielen gilt er rückblickend als einer der markantesten und einflussreichsten Künstler der Epoche, als Barock-Star. Trotz der relativ kurzen Schaffenszeit hat er die Kunstszene in Rom und Neapel für Jahrzehnte geprägt. Neben Italienern wie Luca Giordano oder später Francesco Solimena orientierten sich auch Maler fernerer Herkunft wie die Franzosen Nicolas Tournier und Valentin de Boulogne, der Spanier Jusepe de Ribera oder der Niederländer van Honthorst sehr stark an seiner Art.

Von Caravaggio beeinflusst: Nicolas Tournier, Die Wachstube, um 1620/25 Öl auf Leinwand
Von Caravaggio beeinflusst: Nicolas Tournier, Die Wachstube, um 1620/25 Öl auf Leinwand © Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsamml

Dresdens Gemäldegalerie gilt zwar als eines der reichsten Bildermuseen Europas, vor allem was die Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts betrifft, doch ein Caravaggio fehlt wie gesagt leider. So dürfen wir es als echten Coup feiern, dass es gelungen ist, das Bild „Johannes der Täufer“ aus den Kapitolinischen Museen in Rom auszuleihen. Es wurde 1602 für die Privatsammlung des Marchese Ciriaco Mattei gemalt und bildet nun den Angelpunkt einer erstklassig bestückten Sonderschau, in der Caravaggio unter dem Motto „Das Menschliche und das Göttliche“ sinnfällig in die Kunstgeschichte und speziell in die Strömungen seiner Epoche eingebettet wird. Ausgewählt von Galeriedirektor Stephan Koja und Kuratorin Iris Yvonne Wagner, korrespondieren 51 Gemälde der Galerie und sieben Skulpturen mit seiner Aura und dem Gast, Caravaggios vitalem „Johannes“. Der halbwüchsige Knabe, der sein leuchtend rotes Gewand abgeworfen hat und in unbefangener Nacktheit einen Schafbock umarmt, muss nicht zwingend als der legendäre Täufer aus der Bibel identifiziert werden. Die Szene mit dem freundlich lächelnden Burschen hat eher etwas von einem antiken Hirtenidyll. Der Kreuzstab als typisches Attribut für Johannes fehlt. Auch das „Lamm Gottes“, auf Latein „agnus dei“, das Johannes meist zugeordnet wird, ist in dem Widder nur mit Mühe zu erkennen. Dennoch zeigt das Bild Verwandtschaft mit anderen, klarer definierten Täufer-Darstellungen Caravaggios, sodass die Benennung nicht angezweifelt wird.

Sein schärfster Gegner schrieb seine Biografie

Um 1600 waren exakte Bildtitel kaum gebräuchlich. Biografen beschrieben damals Werke meist nur andeutungsweise. Caravaggio hatte das Pech, dass einer seiner schärfsten Gegner, der Maler Giovanni Baglione, die seinerzeit am stärksten beachtete Biografie verfasste und zumindest in menschlicher Hinsicht kein gutes Haar an ihm ließ. Gewalttätig sei er gewesen und sexuell keiner abartigen Neigung abhold … Viele der historischen Anschuldigungen sind inzwischen nicht mehr haltbar, gleichwohl ihm, wie anderen Künstlern auch, tatsächlich oft das Temperament durchging. Als sicher gilt, dass im Mai 1606 bei einem Handgemenge auf dem Campo Marzio unweit des heutigen Campo de‘ Fiori ein Widersacher Caravaggios den Tod fand. Der Maler selbst entging der Justiz, die ihn drei Tage nach der Rauferei des Mordes an Ranuccio Tommasoni für schuldig sprach, indem er Hals über Kopf nach Neapel floh. Ruhe fand er in den folgenden Jahren kaum noch. Nach Stationen auf Malta und Sizilien starb er im Juli 1610 kurz vor seiner geplanten Rückkehr nach Rom, wo ihm Begnadigung zugesichert worden war, im Spital des toskanischen Hafenstädtchens Porto Ercole an einer fiebrigen Infektion, womöglich Malaria. Er war erst 38.

Die kostbare Leihgabe aus Rom ist natürlich wichtigster Blickpunkt der Schau. Eindrucksvollen Kontrast zu Caravaggios jugendlichem Johannes bietet die charismatische Marmorskulptur, mit der Francesco Mochi 1629 den Täufer verewigte. Die Figur aus Rom kam unter August dem Starken nach Dresden, stand erst im Großen Garten und fand 1765 ihren dauerhaften Platz in Chiaveris Hofkirche.

Unter den Gemälden belegen Werke von Veronese, Parmigianino oder Annibale Carracci, sozusagen im Blickkontakt zu seinem „Johannes“, das kunsthistorische Vorfeld Caravaggios, während die Mehrheit der Bilder sein Nachwirken veranschaulicht. Rubens‘ „Alte mit dem Kohlebecken“, Tourniers „Wachstube“ oder Giordanos „Einsiedler Paulus“ tragen mit ihrer expressiven Lichtführung bei aller Eigenständigkeit der Handschriften ganz viel Caravaggio in sich. Mit einer Fülle spektakulärer Blickbeziehungen verführt die Schau auf faszinierende Art zum Vergleichen, Schwelgen, Staunen.

Caravaggio. Das Menschliche und das Göttlichebis 17. Januar 2021 in der Gemäldegalerie Alte Meister im Dresdner Zwinger

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