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Muss diskriminierende Kunst für immer ins Depot?

Dürfen Exponate, die uns mit Unrecht und Gewalt, Ausgrenzung und Zerstörung konfrontieren, öffentlich gezeigt werden? Ein Gastbeitrag von Marion Ackermann.

Die Figur "Mohr mit Smaragdstufe" im Historischen Grünen Gewölbe
Die Figur "Mohr mit Smaragdstufe" im Historischen Grünen Gewölbe © SKD

Von Marion Ackermann

Aus der Präsentation entfernen und für immer im Depot verschwinden lassen? Was tut man mit Exponaten, die eindeutig von kolonialherrschaftlichen Mechanismen durchdrungen sind oder die uns mit dem Verdrängten und Verstörenden, mit Unrecht und Gewalt, Ausgrenzung und Zerstörung konfrontieren?

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Wie sollen wir beispielsweise mit der berühmten Figur mit Smaragdstufe aus dem Historischen Grünen Gewölbe umgehen? Die Trägerfigur symbolisiert – aus europäischer Perspektive – in jedem stereotypen Detail vermeintliche „Andersartigkeit“: dunkle Hautfarbe, als „afrikanisch“ gelesene Physiognomie, Tätowierungen und Schmuckstücke, die wiederum als Repräsentationsformen indigener Kulturen Nordamerikas gedeutet wurden.

Aber aus postkolonialer Sicht ist auch die Herkunft der Smaragdstufe aus kolumbianischen Smaragdminen, die während spanischer Eroberungskriege 1537 erschlossen wurden, problematisch. Sie ist im Übrigen auch nicht das „Naturwunder“, als das sie gefeiert wurde, sondern zusammengesetzt aus verschiedenen Stücken. Dargeboten wird sie auf einem Schildpatt-Tablett. Das Staunen über die Schönheit des Materials wird getrübt durch den Gedanken an das viel zu spät ratifizierte Artenschutzabkommen für Meeresschildkröten. Denn es spiegelt sich in der Figur Ausbeutungsgeschichte: der von Menschen und der Natur. Dieses Objekt dauerhaft aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen, ist allerdings nach unserer Auffassung in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) keinesfalls die Lösung.

Provenienzforschung bleibt grundlegendes Instrument

Stattdessen geht es um kritische Kontextualisierungen. Hierfür stehen heute gute kuratorische Möglichkeiten zur Verfügung: Es können Archivmaterialien, historische Quellen oder zeitgenössische Interviews, Textkommentare analog oder digital hinzugefügt werden, eine andere Form des Displays gewählt oder schließlich künstlerische Interventionen und Neuproduktionen angeregt und gefördert werden. Wir könnten sagen, der monolithische Status des Objekts wird dadurch aufgebrochen, entmaterialisiert und wieder rematerialisiert. Hierfür ist die Einbeziehung von Künstlerinnen und Künstlern ideal, da sie den Besuchern genügend Raum für das eigene Denken und die eigene Imagination lassen. Schließlich sind Museen Orte der Anschauung.

Vor zwei Jahren hat der Leipziger Künstler Bertram Haude eine Intervention für das Historische Grüne Gewölbe entwickelt. In diesem Jahr setzt sich Olaf Nicolai mit der Prunk- und Schatzkammer auseinander. Zurzeit zeigt das Museum für Völkerkunde in der Ausstellung „Sprachlosigkeit – Das laute Verstummen“ im Japanischen Palais, wie durch die Kraft der Künste Traumata benannt und Bedingungen für zukünftige Heilung geschaffen werden können.

Selbstkritisch gefragt: Wo stehen die SKD grundsätzlich im Hinblick auf die notwendige kritische Aufarbeitung rassistischer und diskriminierender Aspekte ihrer Sammlungen und Sammlungsgeschichte? Die oben beschriebene, systematische Anwendung der verschiedenen kuratorischen Methoden in Bezug auf alle Sammlungen der SKD bleibt die zentrale Aufgabe für die bevorstehenden Jahre. Auch wenn wir es letztlich in meiner Generation nicht vollenden können, so sind wir es, die neue Maßstäbe setzen müssen in der Überwindung einer eurozentrischen Perspektive unter Einbeziehung eines aktiven internationalen Netzwerkes.

Die Provenienzforschung, die die Geschichte der Erwerbungskontexte analysiert, bleibt für die SKD weiterhin das grundlegende Instrument. Denn gerade sie macht deutlich, dass Museen mit ihren Sammlungen selbst Akteur*innen in gesellschaftlich-politischen Diskursen sind und diese keinesfalls nur aufgreifen oder begleiten. Zwar gilt das vom Freistaat Sachsen finanzierte „Daphne-Projekt“ innerhalb Deutschlands als modellhaft, doch gibt es noch viel zu tun. Als ein Beispiel sei genannt, dass die Handelswege noch nicht ausreichend erforscht sind, somit auch die Frage, wie eigentlich das Elfenbein nach Sachsen kam.

Ein wichtiger Schritt war es, eine „Anti-Diskriminierungs-AG“ zu gründen, in die so viele interne Mitarbeiter*innen wie möglich einschließlich externer thinkers of color eingebunden sind. Das zentrale Thema ist die äußerste Sensibilisierung für Sprache. Denn, um an Victor Klemperers „LTI“ zu erinnern, „Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Entwickeln individueller Lösungen

Die SKD haben als historisch-quellenkritisch arbeitende Institution immer wieder mit Begrifflichkeiten zu tun, die in der Vergangenheit bewusst abwertend eingesetzt wurden. Doch manchmal sind die Sachverhalte komplexer, etwa wenn es um den spezifischen Sprachgebrauch einer Zeit geht, in den damals unreflektiert Begriffe Eingang fanden, die heute als eindeutig rassistisch oder diskriminierend bewertet werden. Das betrifft Werktitel, alte Aufschriften oder zitierte Quellen. Um keine Menschen über die Reproduktion dieser Sprache zu verletzen, werden die Werktitel in der Datenbank für die Ausspielung in der Online Collection sukzessive von uns überarbeitet, in großen Teilen umbenannt und diskriminierende Begriffe von historischen Titeln durch vier Sternchen ausgeblendet. Dabei geht es nicht um ein schematisches „Suchen und Ersetzen“, sondern um das Entwickeln individueller Lösungen, die größere Kontexte wie Orientalismus, Kolonialismus oder Geschlechterdiskriminierung berücksichtigen.

Kunstgeschichte ist auch eine Geschichte der Löschungen und der Überschreibungen, der Denkmalstürze, des Ikonoklasmus. Im antiken Rom sprach man von der damnatio memoriae, der Verbannung aus der Erinnerung, oder von der abolitio nominis. Das bedeutet, kein öffentliches Aussprechen des Namens war mehr möglich. Aber die Tilgungen, zum Beispiel von Namen in Inschriften, blieben oft absichtlich unvollkommen: Man sollte sich daran erinnern, dass etwas entfernt wurde. Wie wir mit der Vergangenheit umgehen, definiert die Zukunft. Darin liegt eine große Verantwortung der Museen.

In der konkreten Anschauung, in der unmittelbaren Begegnung mit Objekten, in der historischen Tiefe der Sammlungen und ihrer Vielschichtigkeit liegt das Potenzial von Museen, sich zu positionieren. So kann es nicht darum gehen, problematische Werke und Objekte nicht oder nicht mehr zu zeigen. Allerdings gibt es mehrere Bereiche, in denen wir konsequent davon absehen auszustellen, weder im realen Raum noch digital: Dies betrifft die menschlichen Gebeine, von denen sich sehr viele in unseren Sammlungen befinden. Weiterhin werden Aktfotografien, die ohne Einverständnis der Porträtierten aufgenommen wurden und in unsere ethnologischen Sammlungen eingegangen sind, in unserer Datenbank mit einem Platzhalter versehen. Dies geschieht zum Schutz der Menschenwürde, aber auch aus Rücksichtnahme auf Herkunftsgesellschaften, in denen hinsichtlich von Alter, Geschlecht, Initiations- und Zeremonienstatus oder Familienzugehörigkeit Einschränkungen oder Verbote der Betrachtung existieren. Schließlich ist zu erwähnen, dass wir uns zurzeit zurückhalten mit der Ausstellung von Benin Bronzen, die nachweislich aus einem gewaltsamen Erwerbungskontext stammen, zumal wir uns gerade in einem sensiblen Abstimmungsprozess mit verschiedenen Vertretern des heutigen Nigeria befinden.

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Eine weitere zentrale Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, die vielfältigen Möglichkeiten des geteilten gemeinsamen Erbes, der Restitution, des Heilens auszuloten und neue Modelle zu entwickeln. Wir werden daran gemessen werden, ob es uns gelingt, diese auch umzusetzen.

Prof. Marion Ackermann ist Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

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