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Glücksgefühle im Konzertsaal

Die Dresdner Musikfestspiele starteten am Freitag live und fulminant mit dem Pianisten Arcadi Volodos und dem Festspielorchester.

Arcadi Volodos im Dresdner Kulturpalast musizierte am 5. Juni 2021 bei den Dresdner Muiskfestspielen mit dem Festspielorchester.
Arcadi Volodos im Dresdner Kulturpalast musizierte am 5. Juni 2021 bei den Dresdner Muiskfestspielen mit dem Festspielorchester. © Olivier Killig

Von Karsten Blüthgen

Das sah nach perfektem Timing aus. Rechtzeitig beruhigte sich das Infektionsgeschehen im Land, um die Dresdner Musikfestspiele wenigstens in zuletzt gedachter, abgespeckter Form stattfinden lassen zu können. Da geht es endlich los und dann gleich diese Melancholie? Am scheinbaren Widerspruch zwischen eigener Stimmung und musikalischem Ausdruck dürfte sich am Freitag im Dresdner Kulturpalast niemand aufgehalten haben. Arcadi Volodos breitete den Kopfsatz der Klaviersonate G-Dur D 894 in seiner Länge von fast achtzehn Minuten aus. Glücksgefühle im Saal dominierten alle in Töne gefasste Nachdenklichkeit, die Franz Schubert im Herbst 1826 festhielt.

Sieben Monate fanden keine Konzerte vor Publikum statt. Auch die Musikfestspiele, die normalerweise Mitte Mai starten, planten, verwarfen, planten neu. Letztlich ging es am 24. Mai unter dem Motto „Dialoge“ mit einer Streamingwoche los. Konzerte etwa mit dem Dresdner Festspielorchester, dem Concertgebouworkest und Intendant Jan Vogler durften gratis übers Internet verfolgt werden. Seit 4. Juni und noch bis 13. Juni ist der Dialog mit dem Publikum wieder ein direkter. Als Spielstätte dient neben dem Kulturpalast der Stallhof am Residenzschloss unter freiem Himmel.

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Fantasie im Konzertbetrieb traf beim Eröffnungskonzert auf die Fantasie des Komponierens. Als solche lässt sich die Anlage des ersten Satzes der Schubert’schen G-Dur-Sonate begreifen. Volodos nahm dessen ruhigen, lyrischen Ton auf, lotete den Klang aus, hielt den Rhythmus scharf, lebte Kontraste, ohne je laut zu werden. Sein Kollege Alfred Brendel hört in dem Werk eine „poetische Melancholie des Entzückens“ – ein Empfinden, dem der Pianist über alle vier Sätze zu folgen schien. Dieser Schubert ist eine Versuchung, doch wer sich darauf einlässt, der entblößt sich, dringt in dunkles Terrain vor, berührt Unwirkliches, Unerklärliches.

Mehrere Zugaben

Auch im zweiten Teil, Johannes Brahms‘ sechs Klavierstücken op. 118, plädierte Volodos für das Leise, das sich in die Tiefe entfaltet. Brahms war greis geworden und streng. Mit wachsender Abwendung vom Leben schien sich das Bändigen des Willens besser strukturieren zu lassen. Sind diese Intermezzi, Balladen und Romanzen nicht kompositorisch perfekt unterdrückte Emotionen? Volodos bestätigte diesen Eindruck.

Er zögerte nicht mit einer Zugabe, blieb beim späten Brahms und zauberte das Intermezzo Es-Dur aus op. 117 in den andächtig lauschenden Saal, perfekt balanciert zwischen weiser Zurücknahme und spontanem Musizierimpuls. Der Abend wäre damit abgerundet gewesen, doch dabei sollte es nicht bleiben. Unter anhaltendem Beifall setzte sich Volodos erneut an den Steinway, nun, um auf Schubert zurückzukommen. Das Andantino der Sonate A-Dur D 959 aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten, ein Nocturne, antizipiert Chopin, gäbe es nicht diesen dämonisch aufbrausenden Mittelteil. Ein zu aufwühlendes Schlusswort? Volodos ließ Schubert sich selbst relativieren und das Menuett A-Dur D 334 in besänftigender Anmut folgen. Wollte danach das Publikum noch mehr oder eher Volodos selbst? In seiner vierten Zugabe wurde ein dezentes, impressionistisches Flirren hörbar, das an Claude Debussy erinnerte. „El Lago“ heißt das Stück des Katalanen Federico Mompou, dessen „Música Callada“ („Stille Musik“) der Russe vor Jahren für sich entdeckt hatte – wie das spanische Lebensgefühl an sich.

So hätte es ewig weitergehen können. Volodos wirkte vom eigenen Spiel befriedigt, zugleich rastlos. Die vorgerückte Zeit konnte ihn nicht bremsen, stattdessen ließ er sich mit vollem Kopf immer wieder anstacheln vom Auditorium, das ihm stehend applaudierte. Zielsicher navigierte er durch die schiere Endlosigkeit des pianistischen Kosmos, um mit Landsmann Alexander Skrjabin endlich einen lapidaren Schlusspunkt zu finden. Bei einem seiner Préludes, die einmal Vorspiele waren.

Euphorischer Applaus

Am Samstag zur Matinee-Zeit ging es am selben Ort weiter mit der fünften und sechsten Beethoven-Sinfonie. Dessen Ehrung zum 250. Geburtstag im letzten Jahr fiel größtenteils der Pandemie anheim. Doch scheint das Opfer bei einem ohnehin dauerpräsenten Komponisten nicht groß. Bei dem Programm ließe sich sogar fragen: Hm, schon wieder das Allbekannteste von Beethoven?

Ein selbstbewusstes „Ja!“ sprach aus dem Spiel des Dresdner Festspielorchesters unter Ivor Bolton schon beim markanten Vier-Ton-Motiv der schicksalsschwangeren c-Moll-Sinfonie. Und dieses „Ja!“ blieb hörbar bis zum Finale der „Pastorale“. Erfrischende, von großem Enthusiasmus befeuerte Interpretationen zeigten: Mit diesen sinfonischen Klassikern ist die Welt längst nicht fertig.

Das 2012 gegründete, auf historischen Instrumenten spielende Orchester versammelt Musikerinnen und Musiker, die ihrerseits Originalklang-Ensembles wie Academy of Ancient Music und Orchestra of the Eighteenth Century angehören. Ein zarterer, wärmerer, weicherer Klang lieferte die Grundlage, um diesen Beethoven neu zu hören. Die Solopassagen etwa der Holzbläser im Andante der Fünften wirkten entrückter, das Fugato in den tiefen Streichern im dritten Satz entschlossener. Dem triumphalen Finale folgte zunächst Schweigen. Traute das Publikum seinen Ohren nicht? Der Applaus hier wie nach der saftigen, bis ins Detail durchleuchteten Sechsten war euphorisch. Das Orchester bestach mit seiner Homogenität. Ivor Bolton ließ zudem alle Solisten mit separaten Salven ehren.

Ein erlösendes „Endlich wieder Konzerte!“ schwang mit – bei Volodos, beim Dresdner Festspielorchester und seinem feurigen Chefdirigenten, beim Publikum. Allseits gilt es, einen riesen Hunger zu stillen. Ob für die Übergabe der Blumen am Ende wirklich ein Pult als Ablageort erforderlich ist, wo doch beide Seiten Masken tragen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall beglückten die ersten beiden von zehn Livekonzerten dieser 44. Dresdner Musikfestspiele. Und sie entschädigten für alle Unannehmlichkeiten des Corona-Schutzes, mit denen ein solches Erlebnis derzeit noch verbunden ist.

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