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Ils, Ilse, jeder willse

Tom Pauls erzählt im neuen Buch vom Leben auf und hinter der Bühne. Teil 5 und Schluss: Wie Ilse Bähnert, eine renitente Sächsin, salonfähig wurde.

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Tom Pauls auf seiner Bühne in Pirna am Markt von Pirna
Tom Pauls auf seiner Bühne in Pirna am Markt von Pirna © Thomas Lehmann

Von Tom Pauls

Ende 1990 wandelte sich alles. Ich suchte nach neuen darstellerischen Formen und dachte darüber nach, erstmals einen Soloabend zu entwickeln. Gemeinsam mit meinem Freund Holger Böhme, der schon als Abiturient Anfang der 1980er-Jahre bei mir in der Wohnung gesessen hatte, wenn er mal wieder die Schule schwänzte, hatte ich eine Idee. Er arbeitete als Beleuchter im Theater, schrieb seit Langem nebenbei Stücke. Mit ihm besprach ich eines Abends bei einer Flasche Wein den Vorschlag, ein sächsisches Programm auf die Bühne zu bringen. Denn in den vergangenen Jahren hatten mich bei Tourneen in den Westen Leute aus dem Publikum immer wieder gefragt: „Wie tickt er denn nun wirklich, der Sachse?“

Ich erinnerte mich daran, dass ich als Kind bei meiner Großmutter in der Stube ein Oktavheft entdeckt hatte, genau so ein kleines blaues Heft, wie wir es in der Schule benutzten. Vorn auf der Titelseite stand auf einer der zwei Linien: L.V. Als ich damals das Heft öffnete, sah ich mit Bleistift beschriebene Zeilen. Es waren Gedichte der Leipziger Mundartdichterin Lene Voigt, die ich aus diesem Heft heraus auswendig lernte. Immer wieder begegnete mir die Dichterin im Laufe der Zeit.

Mit den Texten der Lene Voigt

Ich meinte also zu Holger Böhme, dass aus Geschichten der Leipziger Dichterin doch sicher ein Solostück zu gestalten wäre. Wir müssten nur etwas mehr daraus machen. So kamen wir auf die Idee, eine Hausgemeinschaft in einem Mietshaus mit merkwürdigen Bewohnern auf der Bühne zum Leben zu erwecken. Durch das Haus und somit das Programm sollte eine ältere Dame namens Ilse Bähnert führen. Alles Figuren, die mit Texten von Lene Voigt gespielt wurden. Natürlich benötigte die rüstige Rentnerin eine feminine Garderobe. So entschloss ich mich eines Tages, eine Kittelschürze zu kaufen, und ging in eine kleine Textilhandlung am Dresdner Schillerplatz, gleich um die Ecke, wo ich wohne. Denn im Wohngebiet, so dachte ich, würde man sicher volles Verständnis für meine schauspielerische Notlage zeigen.

Ilse Bahnert in Aktion
Ilse Bahnert in Aktion © Ronald Bonns / Agentur

Ich öffnete die Tür des Geschäftes, ging durch einen großen Raum nach hinten, von dort einen langen, schmalen Gang entlang in einen zweiten Raum, wo BHs, Blusen, Röcke und Schürzen hingen. Die Eigentümerin kam auf mich zu, schien mich zu erkennen und sagte: „Guten Tag, was darf es denn sein, Herr… äää?“ Ich sagte: „Ich hätte gern eine Kittelschürze aus Dederon und ein paar halterlose Strümpfe.“ Die Verkäuferin musterte mich aufmerksam und schwieg. Ihr inquisitorischer Blick veranlasste mich, eine Erklärung abzugeben: „Ich benötige die Sachen für eine Rolle, die ich spiele“, sagte ich. Sie nickte und fragte: „Wann kann mor sich denn anguckn, wo sie midschbieln, Herr… äää?“ Ich erzählte von meiner Idee, eine Frau darstellen zu wollen, eine Sächsin, die Wahrheiten aussprechen werde, die andere nur denken würden. Die Ladenbesitzerin nickte erneut und sagte: „Fein, nur mir möchdn bidde edwas mid ohne Ausdrücke und mid nichds undor dor Gürdellinie, Herr Bauls.“ Als ich das versicherte, bekam ich eine pechschwarze Dederon-Schürze mit Silberdistelmuster, die Strümpfe sowie eine mintgrüne Bluse. Ich stopfte alles in eine braune Tüte und nahm von der Ladenbesitzerin die drei Kleidungsstücke sowie eine sächsische Nuance für die Figur der Bähnerten mit.

"Diese alte Krähe!"

An einem Nachmittag im Mai 1991 wagten wir es, dem Theaterleiter des Brettls, Friedrich Wilhelm Junge, unser Lene-Voigt-Programm „Sächsische Variationen – heeflich, helle, heemdicksch“ erstmals auf einer Probe zu zeigen. Und so versuchte ich damals, die Sachsen-Seniorin zu spielen: etwas unsicher noch, etwas zu zappelig vielleicht. Ich spielte in der ersten Szene nicht von der Bühne, sondern vom Publikum aus. Ich bezog in der Rolle das Publikum ein, meckerte die Frauen und Männer an, dass sie mal wieder die Haustüre nicht zugeschlossen hätten, wo doch heutzutage alles geklaut werde. „Wenn die in fünf Minudn nischd klaun könn, dann schlafn dän dä Fodn ein“, rief die Bähnerten. „Helfn se mir ma gefällgsd dä Drebbe hoch, Sie Fläz“, futzte Ilse einen der Männer in der ersten Reihe an.

Friedrich Wilhelm Junge reagierte entsetzt. „Diese alte Krähe“, sagte er. „Wie die sich bewegt, die ist so krepelig, schrecklich, meckrich.“ Junge kommt ursprünglich aus Schwerin, er mochte als aufrechtes Nordlicht weder die krumme Haltung der Bähnerten noch deren sächsisches Gebabel. Außerdem vermutete er, dass das Publikum diese renitente Alte zum Teufel jagen würde. Solch eine Kreatur sei die Karikatur einer Sächsin. Da Fiete aber junge Künstler förderte, ließ er uns unter Protest dennoch gewähren.

Nach der Premiere des Programms am 30. August 1991 erschienen mehrere Rezensionen. Im Dresdner Stadtmagazin SAX stand: „Ich dachte wirklich, meine Oma kommt rein. Runder Rücken, leicht x-beinig, müde Füße. Pauls Beobachtungen sind nicht nur unheimlich genau, er wählt aus unter den Zufälligkeiten, aber er denunziert nicht.“ Da fiel mir ein großer Stein vom Herzen.

  • Das Buch: „Tom Pauls – Macht Theater. Ein Stück vom Leben“, Aufbau Verlag, 244 Seiten, 20 Euro