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In verseuchter Luft

Corona-Regeln beherrschen den neuen „Zauberberg“ am Schauspielhaus Dresden – weit weg vom Original.

Der Zauberberg als Stahlgerüst – das Staatsschauspiel gibt sehr, sehr frei den Klassiker von Thomas Mann.
Der Zauberberg als Stahlgerüst – das Staatsschauspiel gibt sehr, sehr frei den Klassiker von Thomas Mann. © Sebastian Hoppe

Dresden. Acht Minuten lang fällt kein Wort. Unmengen von silbergrauen Fässern krachen auf die Bühne und ins Parkett. Dreizehn Gestalten in weißen Schutzanzügen rücken dem Trümmerberg zuleibe, schleppen die Tonnen beiseite, legen das riesige, treppenartige Stahlgerüst frei. Dieses Bühnenbild von Ann Heine war für die Inszenierung von Shakespeares „King Lear“ gedacht. Das war vor Corona. Jetzt rollen diese Fässer für die Theaterversion von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ über die Bretter. Premiere war am Sonnabend im Schauspielhaus Dresden.

Der Stoff liegt in der verseuchten Luft der Gegenwart. Ort der Handlung ist ein teures Sanatorium in den Schweizer Alpen. Die Patienten sind an Tuberkulose erkrankt, leben hermetisch abgeriegelt nach festen Abläufen. Dresdens Hausregisseurin Daniela Löffner entschied sich für diesen Stoff, weil er den jetzigen Ausnahmezustand spiegelt. Es wird viel gehustet, Blut gespuckt, nach Luft geschnappt. Das wichtigste Requisit sind Spraydosen, ständig wird desinfiziert. Aus dem Off mahnt eine Stimme die Schauspieler, auf Abstand zu achten. Ein witziger Einfall, nicht der einzige des gut zweistündigen Abends.

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Fundamentaler Eingriff in den Roman

Wesentlicher ist ein fundamentaler Eingriff in den Roman. Das konsequent weiblich besetzte Regieteam teilt die Bühne in zwei Ebenen, in die Welt der Reichen da oben und die Welt der Armen da unten. Daniela Löffner hatte das „Bedürfnis, dieser exklusiven Welt eine bodenständigere entgegenzustellen“. Eine gewagte Entscheidung, die ihren sozialen Charme hat, sich aber weit vom Original entfernt. Es werden zusätzlich Texte aus dem Roman „Ende gut“ von Sibylle Berg eingefügt. Monologe von Menschen, die aus der Bahn geworfen werden. Ursula Schucht, langjährige Stütze der Landesbühnen Sachsen, spielt als Gast eine Frau, die nie in ein Altersheim wollte und nun am Fenster ihres kleinen Zimmers hockt. Sie hat den Humor nicht verloren, trägt ihr Schicksal mit Würde. Eine berührende Darstellung. Moritz Dürr gibt einen schwäbelnden Bauern, der durch eine Rinderseuche seine 400 Milchkühe verliert. Christine Hoppe spielt eine korrekte, einsame Büroangestellte, die im immer gleichen Einerlei ihre Pflicht erfüllt und sich in Träume von Meer und Himmel flüchtet.

Diese Menschen kommen einem nahe, obwohl sie nur einen kurzen Auftritt haben. Die Patienten oben im Turm zelebrieren ihre Krankheiten, vertreiben sich die Zeit mit Liegekuren, schlürfen Champagner, naschen Schokolade, genießen die Sonne. Aber sie lassen einen kalt, langweilen, so wie sie sich selber langweilen und die Zeit verrinnen lassen.

Auflockerung bringen Thermometer-Sprüche: „Immer schön die Quecksilberzigarre ins Gesicht gesteckt! Messen kann nie was schaden.“ Die Streitgespräche zwischen dem italienischen Freidenker Settembrini und dem zynischen Jesuiten Naphta über Freiheit, Tod und Leben sorgen für Spannung. Aber sie kratzen nur an der philosophischen Oberfläche des mannschen Textes.

Matthias Reichwalds Settembrini besticht mit einer Sprachkultur, die man bei einigen seiner Kollegen vermisst. Ganze Sätze verschwinden im genuschelten Nirwana. Von den drei Studentinnen des Schauspielstudios fällt Kriemhild Hamann als ätherisches Wesen auf, die im Liebesakt unter Folie und mit Handschuhen jede Hautberührung vermeiden muss. Corona sei’s geklagt.

Hauptfigur der Aufführung ist der junge Ingenieur Hans Castorp aus wohlhabendem Hause. Er besucht seinen Vetter in der Klinik und will drei Wochen bleiben, am Ende werden es sieben Jahre. Philipp Grimm, einer der auffälligeren Schauspieler im Ensemble, zeigt ihn anfangs als flotten, neugierigen Hans im Glück. Er trägt lässig Jeans, verliebt sich, lässt keine Party aus. Eine vermeintliche Lungenkrankheit wird ihm eher ein- als ausgeredet. Im berühmten „Schnee“-Kapitel des Romans kommt Castorp zu seiner Besinnung. Grimm steht splitternackt an der Rampe, reibt sich mit Eiswürfeln den Körper ein, friert entsetzlich, ist dem Tod nahe. Eine großartige Szene, überzeugend gespielt.

Gute Publizistik, aber keine Poesie

Anders als im Roman, wo Hans Castorp in den Ersten Weltkrieg zieht, endet die Aufführung mit einer aktuellen „Spiegel“-Kolumne von Sibylle Berg. Darin liest sie ironisch den europäischen Regenten die Leviten. Statt geschlossen über die Zukunft des Kontinents nachzudenken, pflegen sie ihre glorreiche nationale Vergangenheit: Europa auf der Couch. „Bleiben Sie liegen, Herr Europa … Oder schlafen Sie einfach ein.“ So die letzten bissigen Worte der Aufführung. Gute Publizistik, aber keine Poesie. So sehr sich Hans-Werner Leupelt auch müht: Dieser politisch korrekte Text wirkt auf der Bühne nur platt und aufgesetzt. Man spürt die Absicht und ist verstimmt.

Wieder im Schauspielhaus Dresden am 24. und 25. September, 21., 30. und 31. Oktober. Kartentelefon: 0351 4913555

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