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Protest bei Jazztagen: Man muss mit jedem reden

Intendant Kilian Forster hat einen Gastredner zu den Jazztagen eingeladen, der nun auf Protest stößt. Was hat Meinungsfreiheit mit Musik zu tun?

Kilian Forster zu Hause mit seinen Instrumenten.
Kilian Forster zu Hause mit seinen Instrumenten. © Matthias Rietschel

Alles könnte so schön sein: Kilian Forster hat für die Dresdner Jazztage ein Hygienekonzept ausgeklügelt, das es ihm erlaubt, über 800 Besucher im Ostra-Dome und 600 in den Ostra-Studios zu empfangen. Einen Außenbereich mit Schirmen, Heizern, Grill- und Getränkestand gibt es obendrein und fast 50 Konzerte. Doch der angesetzte Vortrag des Verschwörungstheoretikers Daniele Ganser sorgt dafür, dass jetzt im Netz zum Boykott des Festivals aufgerufen wird.

Herr Forster, die Einladung des umstrittenen Schweizer Historikers Daniele Ganser zu den Jazztagen führte jetzt zu massiven Protesten. Gab es auch interne Diskussionen um Gansers Auftritt?

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Natürlich. Wir schätzen seinen Sinn für Frieden. Aber er wurde letztes Jahr schon kritisiert. Das ist wichtig, aber wir haben nichts Antisemitisches oder Diskriminierendes gehört. Deshalb wollten wir es dieses Jahr in einen Kontext mit zwei weiteren Vorträgen, jeweils anschließender Diskussion und Jazzmusik stellen. Dann kam Corona und im Wahnsinnstrubel stand natürlich die Musik im Vordergrund, nicht die Diskussionsreihe.

Hatten Sie damit gerechnet, dass es diesmal solch einen Widerstand bis hin zu Boykott-Aufrufen geben könnte?

Nicht ansatzweise. Der Termin mit ihm steht seit Februar auf der Website der Jazztage, monatelang hat sich keiner dafür interessiert. Jetzt, zwei Wochen vor der Angst, bricht so etwas über uns herein. So eine Kampagne braucht wirklich niemand.

Junge Musiker fordern, dass man uns boykottieren soll, was in Kauf nimmt, dass die Jazztage kaputtgehen. Was wiederum vielen Musikern enorm wichtige Auftrittsmöglichkeiten nehmen würde. Das habe ich nicht nur nicht erwartet, ich habe auch keinerlei Verständnis dafür.

Eine Zusage ist eine Zusage, niemals werde ich diese Veranstaltung absagen, nur, weil manche damit ein Problem haben. Ich düpiere doch auch nicht mehr als tausend Menschen, die bereits eine Karte gekauft haben. Wenn hingegen Sponsoren oder andere Künstler ihre Zusagen zurückziehen, ist das nicht das normale Geschäftsgebaren.

Es sind also tatsächlich bereits Sponsoren abgesprungen?

Ja, das ist leider so. Nach den Aufforderungsmails, die Auftritte von Ganser zu stornieren, wollten wir antworten, bekamen aber mit, dass bei Facebook längst von Boykott die Rede war. Zudem schrieben junge engagierte Musiker Künstler, Jazzverbände und Sponsoren an, sich von uns zu distanzieren. Da war ich fassungslos. Ich fragte Ganser, ob er sich den Kritikern stellen würde. Und er war sofort dabei. Ich lade jetzt also die Boykott-Initiatorin samt eines Experten ihrer Wahl ein, öffentlich mit Ganser über seine Thesen zu diskutieren.

Um welche Sponsoren handelt es sich?

Das will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, weil wir noch im Gespräch sind und er uns vielleicht doch treu bleibt.

Mit Jazz hat der Vortrag aber sowieso nichts zu tun, oder?

In diesem Fall doch, denn ich will den Diskurs mit Befürwortern und Gegnern von Ganser gemeinsam in einer Sessionband austragen lassen. Außerdem ist Ganser als Autor immerhin auch ein Künstler.

Unter den Musikern gibt es beide Lager?

Natürlich. Einige rieten mir sogar, ich solle klagen. Schließlich versucht da jemand, uns wirtschaftlich zugrunde zu richten.

Haben Sie zumindest ganz kurz daran gedacht, die Auftritte doch abzusagen?

Nein, wirklich nicht. In diesem Fall würden sich doch genauso viele aufregen.

Was macht das mit Ihrem Image?

Es geht über Facebook ja ganz schnell, dass man als Nazi abgestempelt wird. Das ist für mich nichts Neues. Dabei ist mein Ansatz nur der, dass man mit jedem reden muss, um ihn von seinen möglicherweise kruden Ideen abzubringen. Unter den Teppich kehren bringt nichts. Es ist halt meine Art, so gegen Rassismus und Diskriminierung zu kämpfen. Und ehrlich, ich finde es sogar prima, dass sich eine junge Musikerin so engagiert. Ich teile auch ihre Ziele, nur keineswegs ihre Mittel.

Wünschten Sie sich dennoch manchmal, Sie könnten, salopp gesagt, einfach mal die Klappe halten?

Tja, in dieser Zwickmühle stecke ich schon manchmal, dass ich genau weiß, dass es mir keine Freunde einbringt, wenn ich die Klappe aufmache. Als niederbayerischer Dickschädel will ich aber mit meiner Meinung nicht hinterm Berg halten und nicht in meiner eigenen Blase stecken bleiben.

Haben Sie jetzt schlaflose Nächte?

Schon. Ich habe ein dickes Fell, aber das ist eine neue Qualität der Anfeindung, die geht mir tatsächlich an die Nieren.

Wie geht Ihre Familie damit um?

Meine Kinder sind ja zum Glück schon groß und aus dem Haus, die trifft das jetzt nicht so. Aber meine Frau, die ja zudem Geschäftsführerin der Jazztage ist, schon. Man redet ständig nur darüber.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus dem ganzen Trubel?

Wie schon gesagt, würde ich gerne Gysi einladen, vielleicht auch Sarrazin, Vaatz oder andere Querdenker. Leute, die nicht stromlinienförmig sind, sondern frei und die damit perfekt zum Jazz passen. Meine Konsequenz wäre also, daraus eine Reihe zu machen, jedoch ganz sicher nicht mehr Ganser pur auftreten zu lassen.

Von Ganser abgesehen finden bei Ihrem Festival mitten in der größten Live-Musik-Flaute rund 50 Konzerte statt, teilweise mit internationalen Stars. Was machen Sie anders als andere?

Wir machen dieses Jahr einerseits viel mit Künstlern aus der Region, zu diesem Zweck starten wir extra die Reihe „Jazz‘n‘Future“, durch die kommende Stars vorgestellt werden sollen. Und wir kennen inzwischen viele Künstler und Agenturen gut, da kann man einiges regeln. Die kommen uns alle sehr entgegen, spielen für eine Beteiligung. Das heißt, je mehr Leute ins Konzert gehen desto mehr verdienen die Musiker und umso sicherer überleben die Jazztage. Dadurch ist für uns diesmal das Risiko gedeckelt, nur deshalb können wir so viele Shows und zudem die einzigen Deutschlandkonzerte von Dirty Loops, Luca Stricagnoli und Julia Neigel anbieten.

Was macht Ihnen als Chef-Organisator derzeit die meisten Sorgen?

Vor zwei Monaten fingen wir an, das Festival aus dem Boden zu stampfen, da sah es in puncto Reisen halbwegs gut aus. Seit einer Woche steht nun das Programm, und nun drohte uns das Beherbergungsverbot, das jetzt glücklicherweise gekippt wurde. Wir hätten sonst versuchen müssen, die Künstler privat unterzubringen oder, im schlimmsten Fall, das Konzert absagen. Keiner weiß aber, was als nächstes kommt.

Wie motiviert man sich da?

Wir haben Steuergeld bekommen und fühlen uns einfach verpflichtet, dafür auch etwas zu tun. Und wenn man einmal auf Fahrt gegangen ist, kann man nicht mehr anhalten. Die Jazztage mit halber Kraft, mit halbem Elan zu veranstalten, wäre der sichere Tod. Aber natürlich werden wir danach alles genau abwägen und dann entscheiden, ob wir uns das noch mal antun.

Reagieren Sie sich zwischenrein ab, indem Sie stundenlang Bass spielen?

Da komme ich gerade nicht dazu. Eher würde ich mich am Klavier abreagieren. Bassspielen ist Handwerk, das ich üben muss. Um den Kopf freizukriegen, hat das Klavier aber bessere Möglichkeiten.

Mal ganz unabhängig vom Boykott-Aufruf: Haben Ihre Kinder Ambitionen, ins Musikgeschäft zu gehen?

Unsere jüngste Tochter hat sich jetzt tatsächlich entschlossen, nach ihrer Marketing-Ausbildung Jazz-Gesang zu studieren. Unser Sohn und die große Tochter gehen andere Wege, obwohl sie Schlagzeug und Saxofon gelernt haben. Die haben sich gesagt, bei unseren Eltern ist immer wenig Geld da, wenig Urlaub, prinzipiell wenig Zeit – das hat sie wohl abgeschreckt.

Wie finden Sie diese Entscheidung?

Gut. Wenn man nicht zu 100 Prozent Musiker sein will, wird das auch nichts. Wir haben nie Überzeugungsarbeit geleistet, sie sollten das selbst herausfinden. Und ich respektiere ihre Entscheidung, freue mich aber natürlich, wenn wenigstens ein Kind so wie ich für die Musik brennt.

Ohne Facebook hätten Sie den ganzen Ärger jetzt sicher nicht. Sehen Sie soziale Medien daher als Fluch oder Segen?

Im Moment ist es nur nervig. Facebook legt jedoch auch vieles offen, schafft Möglichkeiten, dass jemand, der etwas Gutes, Wichtiges, Neues herausgefunden hat, das ungefiltert und ohne Aufwand verbreiten kann. Also bleibt es eher ein Segen.

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Könnten Sie sich dennoch ein Leben ohne Facebook vorstellen?

Vielleicht ist das jetzt die Situation, die mich persönlich zum Aussteigen bringt. Darüber nachgedacht habe ich schon länger. Wenigstens eine Auszeit wäre sicher das Beste. Aber erst nach den Jazztagen.

Das Interview führte Andy Dallmann.

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