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Mexiko will Dresdner Schatz

Bundespräsident Steinmeier soll die Ausleihe der weltberühmten Maya-Handschrift vermitteln. Repros wären möglich.

Der Dresdner Maya Codex:  Er besteht aus 39 Blättern aus Rindenbast, die in zwei Streifen mit einer Gesamtlänge von 3,56 Metern zwischen Glasplatten liegen.
Der Dresdner Maya Codex: Er besteht aus 39 Blättern aus Rindenbast, die in zwei Streifen mit einer Gesamtlänge von 3,56 Metern zwischen Glasplatten liegen. © dpa-Zentralbild

Von Andreas Knobloch

Nachdem er sich in Wien eine Abfuhr einholte, probiert es Mexikos Präsident Andres Manuel López Obrador nun in Dresden. Vor einigen Tagen gab er bekannt, dass er den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gebeten habe, eine Leihe des Dresdner Codex zu unterstützen, der ältesten erhaltenen Maya-Handschrift der Welt. „Es war ein umfassendes Gespräch über Covid-19, Wirtschaft und Kultur“, twitterte López Obrador über das Telefonat mit Steinmeier. „Er wird uns helfen, die Ausleihe des Dresdner Maya-Codex mit den Museumsleitungen des Landes zu vermitteln.“

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Der Dresdner Codex ist die qualitätvollste und inhaltsreichste der vier weltweit erhaltenen Maya-Handschriften. Sie ist um 1250 vermutlich im Norden von Yucatan entstanden und mit Hieroglyphen, Bildern und Zahlenzeichen auf Rindenbast beschrieben. Sie geben Auskunft über religiöse Vorstellungen und astronomische Kenntnisse der Maya, über Rituale und Zeremonien. 

Der Codex befindet sich im Buchmuseum der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (Slub) in Dresden. Die anderen drei Codices werden in Paris, Madrid und Mexiko-Stadt aufbewahrt. Das Dresdner Exemplar wurde 1739 vom damaligen Oberaufseher über die Kurfürstliche Bibliothek in Dresden bei einem Privatmann in Wien erworben. Anhand dieses Materials konnten Experten später die Schrift der Maya entschlüsseln.

Brief an Papst Franziskus

„Wir haben von dem Wunsch aus Mexiko gehört, jedoch liegt bislang keine offizielle Anfrage vor“, sagt Slub-Generaldirektor Achim Bonte gegenüber der Sächsischen Zeitung. Solche Anfragen gebe es immer wieder mal. Seit 1945 sei der Dresdner Codex jedoch nicht mehr verliehen worden.

Mexiko bemüht sich derzeit weltweit um Leihgaben präkolumbischer Zeitzeugnisse. Sie sollen im kommenden Jahr in Mexiko ausgestellt werden, wenn das Land gleich drei Jubiläen feiert: 500 Jahre „Conquista“, die Eroberung des Aztekenreiches durch die Spanier, 700 Jahre der Gründung von Tenochtitlan, der Aztekenhauptstadt auf dem Gebiet des heutigen Mexiko-Stadt, sowie 200 Jahre mexikanische Unabhängigkeit.

Anfang Oktober schrieb López Obrador einen Brief an Papst Franziskus, in dem er die römisch-katholische Kirche auffordert, sich für die Gräueltaten an indigenen Völkern während der Eroberung Mexikos im 16. Jahrhundert zu entschuldigen. Zudem bat er in dem Schreiben um die Leihe des aztekischen Codex Borgia, zwei weiterer Handschriften der Nahuatl- und Tolteken-Chichimeken-Kultur sowie von Karten der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, die sich in der Bibliothek des Vatikans befinden.

Diplomatischer Zwist

Eine Reaktion des Heiligen Stuhls auf das Schreiben ist nicht bekannt. Die Museen und Archive des Vatikans haben jedoch in der Vergangenheit auf ähnliche Anfrage aus anderen Ländern positiv reagiert und verschiedene Manuskripte und Kunstwerke ausgeliehen.

Anfang Oktober war López Obradors Frau, Beatriz Gutiérrez Müller, durch Europa gereist, um Leihgaben mexikanischer Kulturschätze zu erbitten, die in europäischen Museen lagern. Neben Rom und Paris machte sie auch in Wien halt. Im Kunsthistorischen Museum wird die Federkrone Montezumas aufbewahrt, des vorletzten Aztekenherrschers. Im Anthropologischen Museum von Mexiko-Stadt befindet sich lediglich eine in den Fünfzigerjahren angefertigte Kopie. Um das Original kam es zwischen beiden Ländern nun zu einem diplomatischen Zwist. Mexikos Präsident López Obrador warf Österreich vor, sich die Federkrone „vollständig angeeignet“ zu haben. „Dieses Teil gehört uns, und wir sind sehr ausdauernd“, warnte er.

Mexikanische Regierungen bemühen sich seit Jahrzehnten, den Federschmuck nach Mexiko zurückzuführen. Das Kunsthistorische Museum Wien antwortete dem mexikanischen Präsidenten, dass Montezumas Federkrone „zumindest in den nächsten zehn Jahren“ nicht nach Mexiko transferiert werden könne, weil sie „zu zerbrechlich“ sei.

Codex ist nicht transportfähig

Eine ähnliche Antwort gibt es aus Dresden. „Der Maya-Codex ist nicht transportfähig“, sagt Museumsdirektor Bonte. „Die Bibliothek im Japanischen Palais wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs bekanntlich schwer beschädigt, wobei auch der Codex Feuchtigkeitsschäden erlitten hat.

Die Farbe der Handschrift ist teilweise mit dem 170 Jahre alten Glas verklebt, sodass jede Erschütterung und Bewegung des Codex unbedingt vermieden werden muss.“ Es gebe jedoch verschiedene hochwertige Reproduktionen, die für Ausstellungszwecke geeignet seien. Ob sich López Obrador damit zufriedengibt, muss sich zeigen.

„Wir verhandeln in Frankreich, in Italien, im Vatikan, in Österreich, in Deutschland, um historische und archäologische Stücke aus Mexiko zu erhalten, die sich in diesen und in anderen Ländern befinden“, sagte dieser Mitte Oktober gegenüber der Presse in Mexiko-Stadt. „Denn es gab den Raub von Kunstwerken und historischen, archäologischen Objekten.

Nicht nur Mexiko hat darunter gelitten, aber eben auch. Afrika und andere Regionen der Welt, sogar europäische Länder, wurden ihres historischen Erbes beraubt. Viele der in den wichtigsten Museen der Welt ausgestellten Objekte wurden illegal aus den Herkunftsländern der jeweiligen Kulturen gestohlen.“ Der richtige Umgang mit Kulturgütern aus kolonialem Kontext wird derzeit in vielen europäischen Ländern diskutiert. (mit SZ/kgr)

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