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Moka Efti Orchestra in Dresden gefeiert

Das Moka Efti Orchestra wurde mit der Erfolgsserie „Babylon Berlin“ weltweit bekannt. Jetzt brillierten die Musiker mit satten Klangfarben beim Gastspiel im Dresdner Schlachthof.

Von Tom Vörös
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Im Partyrausch der Goldenen Zwanzigerjahre: Das Moka Efti
Orchestra wurde mit der deutschen
Erfolgsserie
„Babylon Berlin“ auch weltweit bekannt.
Im Partyrausch der Goldenen Zwanzigerjahre: Das Moka Efti Orchestra wurde mit der deutschen Erfolgsserie „Babylon Berlin“ auch weltweit bekannt. © PR

Gegen Ende war es dann endlich so weit: das Zeitgefühl war weg, und die dicken Mauern des Alten Schlachthofs Dresden standen plötzlich im Berlin der Goldenen Zwanzigerjahre. Jetzt wurde man mit dem Berliner Moka Efti Orchestra Zeuge einer Musik-Vision, die heutzutage wie wegkomponiert scheint. Oberflächlich lauschte man dem Soundtrack zur Erfolgsserie „Babylon Berlin“. Zum Hintergrund: Der Bandname leitet sich aus den Worten Moka, für griechischen Kaffee, und den ersten Silben des Nachnamens des Betreibers ab. Dieser Eftimiades baute sein Café zu einem 1.550 Quadratmeter großen Tanztempel am Berliner Tiergarten um – mit Wasserfällen und exotischen Vögeln. 1943 wurde es bei Luftangriffen zerstört.

Was den gleichnamigen Klangkörper aus 14 Musikern betrifft – dem kann man eine technische Brillanz und eine Spielfreude bescheinigen, der man nicht so oft begegnet. Mit einer Klangfarbe, die fast nichts gemein hat mit dem, was heute so durch die Gehörgänge schallt. In jedem Trompeten-, Posaunen-, Violinenton war es zu spüren: Das Ensemble will nach Corona endlich raus in die weite Welt.

Severija Janusauskaitė. Die aus Litauen stammende Schauspielerin wurde erst mit dem Moka Efti Orchestra zur Sängerin.
Severija Janusauskaitė. Die aus Litauen stammende Schauspielerin wurde erst mit dem Moka Efti Orchestra zur Sängerin. © PR

Wer auf ein gemütliches Sitzkonzert gehofft hatte, wurde gleich zu Beginn aus dem Stand weg instrumental in eine andere Realität schwindelig gespielt. Oder wie der Pianist und Bandleader Nikko Weidemann sagte: „Früher hatten die Leute keine Acht-Stunden-Tage, keine Fünf-Tage-Woche.“ Und man kann sich als gesättigter Mitteleuropäer nur sehr vage ausmalen, wie groß der Hunger und Durst nach exzessiven Disco-Erlebnissen gewesen sein muss. Das Wort Disco gab es damals zwar noch nicht – aber wie sich das Moka Efti Orchestra phasenweise und mit virtuosen Solostellen absoluter Könner ihres Fachs in Trance spielte, da konnte man schon einen leichten Anklang heutiger Electro-Disco-Nächte wahrnehmen – stellenweise ebenso monoton, tanzbar und rauschartig, nur eben mit rein analogen Instrumenten.

Für die emotionale Garnierung des Abends sorgte Severija Janusauskaitė. Die aus Litauen stammende Schauspielerin wurde erst mit dem Moka Efti Orchestra zur Sängerin und man grübelte ein wenig, ob ihr Auftreten als rauchende Diva im Rampenlicht nur gespielt oder echt war, wahrscheinlich irgendetwas dazwischen.

Kurzer Party-Stopp für die Ukraine

Einen hochemotionalen Moment bot die ausdrucksstark singende Severija mit ihrer Version des ungarischen „Liedes vom Traurigen Sonntag“ – und widmete es allen Ukrainern. Gefühlvoll wurde es auch mit „Turquoise“, das auf dem zweiten Album „Telegramm“ eigentlich von der Künstler-Ikone Friedrich „Supergeil“ Lichtenstein mitgesungen wird. Er und auch andere Gastsänger des Albums waren nicht mit nach Dresden gekommen. Und so übernahm der stimmlich gut aufgelegte Nikko Weidemann den Duett-Part des bereits in den 1980ern entstandenen Liedes.

Live, so wurde eindeutig klar, bietet das Moka Efti Orchestra ein weitaus intensiveres Klangerlebnis als auf Tonträger. Und auch wenn nicht alle Kompositionen nostalgisch und überzeugend glitzerten, so hinterließ das Ensemble doch einen derart tiefen Eindruck, dass man gar nicht anders kann, als es weiterhin mit dem Trommelfell zu beobachten, allein schon wegen der andersartigen, analogen Acid-Jazz-Klangwelt. Und mit ein paar mehr Konzerten in der Gegend verfällt das Publikum dem Tanzrausch im Dresdner Moka Efti vielleicht nicht erst im Finale.