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Dresdner Distanzierungen

Das Buchhaus Loschwitz, die Rechten und der Fall Monika Maron: ein Gastbeitrag des Schriftstellers Ingo Schulze.

Herbststimmung in Dresden-Loschwitz – wo ein stadtbekanntes Buchhaus mit dem neu-rechten Antaios-Verlag kooperiert.
Herbststimmung in Dresden-Loschwitz – wo ein stadtbekanntes Buchhaus mit dem neu-rechten Antaios-Verlag kooperiert. © Jürgen Lösel

Von Ingo Schulze

Als mir Mitte Februar dieses Jahres ein Dresdner Buchhändler kopfschüttelnd die Ankündigung der Reihe „Exil“ zeigte, die das Buchhaus Loschwitz herausgibt, hatte ich das abgetan. Es war dasselbe Muster bei der Vereinnahmung von Begriffen wie schon bei der als „Charta“ betitelten Beschwerde über das Diskussionsklima in Deutschland nach der Buchmesse im Jahr 2017. Nur dass die Anmaßung und Selbstüberhebung noch ein Stück weiter geschraubt wurde. Sollte man auf diese Provokation überhaupt eingehen? Sie durch Widerspruch aufwerten? Erledigte sie sich nicht von selbst?

Das Buchhaus ist eine Buchhandlung im Stadtteil Loschwitz, die Lesungen und Diskussionen veranstaltet, und eben auch Bücher verlegt. Etwas später wies ein Dresdner Kollege, der auch als Journalist arbeitet, öffentlich darauf hin, dass die Premiere der Reihe „Exil“, in der jeweils ein Buch von Jörg Bernig, Monika Maron und Uwe Tellkamp erschien, an einem 7. März stattfand, jenem Tag, an dem 1933 die erste Bücherverbrennung der Nazis stattgefunden hatte, und das in Dresden. Ich war bereit, diesen Bezug für eine Unachtsamkeit oder einen dummen Zufall zu halten. Es machte allerdings den Reihentitel nicht besser. Derselbe Kollege hatte für den Mitteldeutschen Rundfunk über die Premiere der Reihe berichten wollen, war aber mit der Begründung, „solche Leute wie Sie brauchen wir hier nicht“ daran gehindert worden.

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Überraschend fand ich, dass vier der im Buchhaus Loschwitz erschienenen Essays von Monika Maron bereits bei S. Fischer vorlagen. Auch die anderen Essays waren keine Erstveröffentlichungen. Und natürlich braucht Monika Maron nicht das Buchhaus Loschwitz, um ihre Texte zu veröffentlichen. Bei dieser Publikation, so ließe sich deshalb schließen, geht es weniger um den Inhalt der Texte, die eben bereits Teil von öffentlichen Diskussionen waren und sind. Es geht offenbar vor allem um die bekenntnishafte Geste.

Die Schriftstellerin Monika Maron
Die Schriftstellerin Monika Maron © picture alliance / dpa

Wie man diese Geste bewertet, hängt von vielen Dingen ab, nicht zuletzt davon, was man vom Buchhaus Loschwitz hält und in welcher Nähe oder Verbundenheit man es zum Verlag Antaios sieht. Zu Susanne Dagen und ihrem Mann Michael Bormann hatte ich bis zu ihrer sogenannten „Charta 2017“ ein gutes und auch herzliches Verhältnis. Und vielleicht hätte unsere Beziehung sogar die ominöse Charta überstanden, wäre danach nicht der Schulterschluss mit dem Verlag Antaios erfolgt. Das bedeutet nicht, dass ich nicht mehr mit Susanne Dagen oder Michael Bormann sprechen und, was nun naheliegender ist, mich mit ihnen streiten würde, allerdings nicht in ihrer Loschwitzer Residenz.

Wer heute in eine andere Buchhandlung geht, um den neuen alten Essayband von Monika Maron zu bestellen, bekommt ihn nicht, wie ihre anderen Bücher, am nächsten Tag geliefert, denn die Grossisten führen den Titel nicht. Man kann ihn über das Buchhaus Loschwitz beziehen, auch über den Verlag Antaios und mindestens eine andere Plattform. Amazon leitet nur weiter ans Buchhaus. Mein Ansinnen, die Essays trotzdem bestellen zu wollen, ließ den Buchhändler kurz zögern. Er tat es dann doch, schließlich habe Monika Maron hier mal gelesen, und die Texte sollten für jeden verfügbar sein.

Martin Sellner unter falschem Namen

Die für ein Internetpublikum veranstaltete Talkrunde „Aufgeblättert – zugeschlagen: Mit Rechten lesen“ hat zwei ständige Gastgeberinnen: Ellen Kositza, hinter deren Namen in Klammern vermerkt ist: „Verlag Antaios, Literaturredakteurin der Zeitschrift Sezession“, und Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz. Dazu kommt jeweils ein anderer Gast. Es ist, so steht es im Abspann, ein „Gemeinschaftsprojekt von: BuchHaus Loschwitz / Verlag Antaios“. Die Namen dieser beiden Verlage erscheinen auch, nachdem die Besprechung eines Buches beendet ist, unterlegt von Klaviermusik.

Ohne auf die literarischen Beurteilungen einzugehen, muss man festhalten, dass diese Sendung einem gewöhnungsbedürftigen Humor huldigt, wenn sie, wie beispielsweise in ihrer Juli-Ausgabe dieses Jahres, den Sprecher der rechtsextremistischen „Identitären Bewegung Österreich“, Martin Michael Sellner, mit falschem Namen als „österreichischen Literaturpapst Robert Wagner“ vorstellt.

Sellner erhielt vom Christchurch Attentäter eine Spende von 1.500 Euro, er stand mit ihm nachweislich in Kontakt und vertritt die These vom sogenannten „Großen Austausch“, die wiederum in den Büchern des Verlages Antaios (beispielsweise bei Renaud Camus, „Revolte gegen den großen Austausch“) propagiert wird. Es lohnt sich, mehr über Sellner zu lesen. In Dresden kennt man sein Gesicht, dort spricht er auf Pegida-Demonstrationen.

Die Internetgemeinde bringt in den Kommentaren zur Sendung Freude zum Ausdruck, „Robert Wagner“ endlich mal kennenlernen zu dürfen. Wer außerhalb Dresdens lebt und nicht der rechten Szene angehört, wird von dem Doppelspiel nichts mitbekommen und nur einen freundlichen jungen Mann sehen, der begeistert über Lutz Seiler spricht. Man ist beinah erleichtert, in der Oktober-Sendung jemanden zu erleben, der mit seinem tatsächlichen Namen vorgestellt wird und tatsächlich „nur“ die Cartoons für das Magazin „AfD-Kompakt“ zeichnet.

Ingo Schulze, Jahrgang 1962, ist ein in Dresden geborener, jetzt in Berlin lebender Schriftsteller.
Ingo Schulze, Jahrgang 1962, ist ein in Dresden geborener, jetzt in Berlin lebender Schriftsteller. © dpa

Freundschaften und Loyalitäten sind Privatsache. Wer sich aber den Verlag Antaios per Zusammenarbeit unters Dach holt, arbeitet nicht einfach nur mit einem Verlag zusammen, sondern mit den Ideengebern und Beratern des sogenannten „Flügels“ der AfD und ihren Galionsfiguren Björn Höcke und Andreas Kalbitz. Der Flügel ist mittlerweile verboten, das sogenannte „Institut für Staatspolitik“, das wie der Verlag in Schnellroda, einem „Rittergut“ im Saalekreis (südöstliches Sachsen-Anhalt), beheimatet ist und teilweise in Personalunion mit dem Verlag betrieben wird, wurde im Frühjahr als „rechtsextremer Verdachtsfall“ eingestuft. Björn Höcke äußerte noch Anfang März bei einem Treffen des Flügels in Schnellroda (und natürlich im Beisein von Antaios-Verleger und Berater Götz Kubitschek) die Hoffnung, dass seine innerparteilichen Gegner „allmählich auch mal ‚AUSgeSCHWITZt‘ werden aus unserer Partei.“ Er erntete für diese Anspielung „Höcke-Höcke“-Sprechchöre.

Publikation folgt einer Provokation

Während der Staat eine juristische Abgrenzung gegen die völkische Rechte vornimmt, ist die Zusammenarbeit des Buchhauses Loschwitz mit dem Verlag Antaios der Versuch, diese völkische Rechte kulturell salonfähig zu machen. Man rollt ihr den roten Teppich aus. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Bücher von Jörg Bernig, Monika Maron und Uwe Tellkamp sind ein Teil dieser Strategie und damit, ganz abgesehen von ihrem Inhalt, nicht unschuldig. Das sollten meine Kollegen und meine Kollegin wissen.

Auch als Leser von Monika Maron verstehe ich nicht, warum sie das ihren Texten antut, warum sie ihren Leserinnen und Lesern zumutet, vor einer Lektüre diese Hürde nehmen zu müssen, warum sie sich in einen Kontext begibt, der ihrem Denken und ihren Büchern ein falsches Etikett anheftet.

Unterm Strich allerdings folgt die Publikation in der Reihe „Exil“ dem bekannten Muster einer Provokation, bei der Fakten geschaffen werden, dann wird Bedauern geäußert über einen unhaltbaren Titel, ohne an dem Tatbestand etwas zu ändern (es wäre ja möglich gewesen, bei der zweiten Auflage darauf zu verzichten), ansonsten gibt man sich ahnungslos und hat wieder ein Stück „Normalisierung“ im Umgang mit jenen geschaffen, die völkisches Denken nicht nur propagieren, sondern auch darangehen, es politisch-praktisch umzusetzen.

Ein beiderseitiges Scheitern

Es ist schwer, darauf angemessen zu reagieren, weil es eben keine inhaltliche Auseinandersetzung anbietet, sondern einen mit Tatsachen konfrontiert. Soll man wegschauen? Oder es als neue Normalität anerkennen? Ist es eine Nebensächlichkeit, die man unnötig aufbläst? Soll oder muss man nicht diese Geste ernst nehmen?

Letzteres hat der S. Fischer Verlag getan. Das heißt aber nicht, dass ich die Aufkündigung weiterer Zusammenarbeit für die ultima ratio halte. Ich kann nicht sagen, warum das Gespräch zwischen Verlag und Monika Maron gescheitert ist und warum das gegenseitige Vertrauen so schnell aufgebraucht wurde. Monika Maron wird sich auf die Freundschaft und ihre Texte berufen haben, der Verlag wird auf einer Distanzierung von ihrem Buch in diesem inakzeptablen Umfeld bestanden haben.

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Es ist ein beiderseitiges Scheitern und für alle, eben auch für unsere Gesellschaft, die schlechteste der vorstellbaren Möglichkeiten. Ich hätte mir gewünscht, dass sich beide Seiten mehr Zeit gelassen und gegeben hätten zum genaueren Hinschauen und weiteren Nachdenken und so eine Entscheidung vertagt worden wäre, vielleicht sogar so lange, bis Monika Maron einen neuen Roman geschrieben hätte, bei dem der Verlag womöglich nicht mal auf die Idee gekommen wäre, ihn abzulehnen.

Und vielleicht ist ja das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wie dem auch sei, ich bin dem S. Fischer Verlag dafür dankbar, dass er nicht, so wie ich und viele andere auch, stillschweigend weggeschaut hat.

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