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Paul von Dyk liefert perfekten Soundtrack zum EM-Sieg

DJ Paul van Dyk spielt sich bei den Picknick-Konzerten in Dresden wie die deutschen Fußballhelden in Trance – nur ohne Halbzeit und doppelt so lange.

Mit Sonnenbrille und Ventilator: Paul van Dyk begeisterte seine Fans in Dresden.
Mit Sonnenbrille und Ventilator: Paul van Dyk begeisterte seine Fans in Dresden. © kairospress

Von Tom Vörös

Dresden. Das Deutschland-Spiel läuft, ebenso der Liveticker auf dem Smartphone, man traut seinen Augen kaum. Und die Ohren? Für die wird die Musik des weltbekannten DJs Paul van Dyk in diesen Momenten zum perfekten Soundtrack einer überraschenden Fußball-Offensive bei der EM. Nach dem Abpfiff, am Sonnabend um 19.49 Uhr, bricht besonders auf einer Picknick-Decke Jubel aus, Flaggen und Schals werden geschwenkt. Das Selfie, mit Paul van Dyk im Hintergrund, ist im Kasten.

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Auf dem fliegenden Teppich

Dieser macht einfach weiter, als wäre nichts passiert und konzentriert sich als One-Man-Show am Pult und hinter einem großen Ventilator ganz auf seine Musik. Seine Klangwelt, die gerne dem Genre Trance zugeordnet wird, lädt über weite Strecken zum Tanzen und Träumen mit geschlossenen Augen ein. Besonders für Alteingesessene und gestandene Fans aus Loveparade-Zeiten wird die Picknick-Decke zum fliegenden Teppich. Einige tanzen einfach drei Stunden durch, man spürt den Bewegungsdrang, die sommerliche Freude, das Wort mit C ist fast vergessen.

Das Publikum tanzt auf den mitgebrachten Picknick-Decken zum Sound von Paul van Dyk.
Das Publikum tanzt auf den mitgebrachten Picknick-Decken zum Sound von Paul van Dyk. © kairospress

Für Ungeimpfte ist die Realität allerdings deutlich in der Nase zu spüren – Testpflicht, während Paul van Dyk schon mal den Depeche-Mode-Hit „Enjoy The Silence“ gekonnt elektronisch auseinandernimmt. Schnief, jetzt aber schnell auf die Decke.

Dass der 49-jährige, in Eisenhüttenstadt geborene Mann, der eigentlich Matthias Paul heißt, überhaupt noch auf der Bühne steht, ist auch an diesem Abend im Dresdner Ostragehege weit mehr als ein Fußballwunder. In den Loveparade-Neunzigern wurde er berühmt, hielt sich auch später als einer der wenigen DJs auf den Bühnen der Welt und stürzte 2016 voneiner solchen sechs Meter in die Tiefe – und ins Koma. Paul van Dyk erlitt schwere körperliche Schäden, unter anderem zwei Brüche der Wirbelsäule und musste wieder laufen lernen.

Von dieser Tragödie ist an diesem Abend absolut nichts zu spüren, Der Mann im schwarzen Shirt wirkt putzmunter und bestens gelaunt. Er klatscht, tanzt und befeuert die ohnehin vorhandene Stimmung weiter. Schade nur, dass das Publikum vom DJ, Musikproduzenten und Hörfunkmoderator nicht auch von seinen Moderationsqualitäten profitieren durfte. Ansagen? Fehlanzeige.

Paul van Dyk hat beim Auftritt in Dresden eindeutig Spaß, verzichtet jedoch komplett auf Ansagen.
Paul van Dyk hat beim Auftritt in Dresden eindeutig Spaß, verzichtet jedoch komplett auf Ansagen. © kairospress

Doch besonders alte Loveparade-Hits wie „Cafe del Mar“ von 1993 brauchen keine Erklärungen und wirken noch immer erhebend genug. Da werden selbst entspannteste Picknicker prompt zu euphorischen Decken-Diskogängern. Die Standing Ovations werden zahlreicher, und es entstehen Hochgefühle wie in einem 90er-Jahre-Nachtclub weit nach Mitternacht. Allerdings mit Szenen, bei denen man sichin der Disko die Augen reiben würde: Ein Sicherheitsbeauftragter darf mal eben in die Tupperdose greifen und sich ein Stück Kuchen schmecken lassen.

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Wenn Paul van Dyk dann doch mal Textzeilen in seine Lieder einstreut, dann solche, die die aktuelle Stimmung magischerweise auf den Punkt bringen: „Das ist die Zeit meines Lebens, es ist unsere Zeit, um loszulassen.“ Um 21.50 Uhr, zehn Minuten vor dem Finale können die Tanzenden innerlich nur noch nicken: „Deine Musik rettet mich, schon wieder.“ Dass dieses Credo auch für die kommenden Konzerte gelten dürfte, ist auch nach diesem lauschigen Abend so gut wie sicher. Die Picknick-Konzerte machen es möglich: Man darf sich wieder wohlfühlen, unter Leuten.

Details zu den nächsten Picknick-Konzerten auf der Festwiese im Dresdner Ostragehege gibt es hier.

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