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„Zauberflöte“ in Semperoper: Im Rausch der Bilder

Stars wie René Pape machen die „Zauberflöte“ der Semperoper musikalisch glanzvoll. Doch das Konzept geht nicht auf.

Sebastian Wartig gab den Papageno in der Semperoper mit Sinn für Humor und mit schönem Timbre. Katerina von Bennigsen war ihm dabei eine reizvolle Partnerin.
Sebastian Wartig gab den Papageno in der Semperoper mit Sinn für Humor und mit schönem Timbre. Katerina von Bennigsen war ihm dabei eine reizvolle Partnerin. © Ludwig Olah

Von Jens Daniel Schubert

Tamino ist ein Junge. Auf der leeren Bühne schafft er sich einen Raum, in dem er märchenhafte Menschen trifft, Aufgaben erkennt und löst, Abenteuer besteht. Am Schluss, wenn hinter ihm der Vorhang fällt, ist er aber noch der Gleiche. Die „Zauberflöte“, gleich einem Lichtschwert, und ein goldenes Medaillon, der „siebenfache Sonnenkreis“, bleiben ihm. Zwar hatte das gerade bestandene Abenteuer eindrucksvoll geendet, aber was es ihm bedeutet, wie es ihn verändert, sieht man nicht. Schade.

Am Sonntag hatte in der Semperoper „Die Zauberflöte“ Premiere. Die erste „echte“ Premiere seit dem Lockdown im Frühjahr und gleichzeitig die letzte Vorstellung vor der neuerlichen Theaterschließung. Sehr kurzfristig musste die Inszenierung auf unter zwei Stunden gekürzt werden, um sie hygieneverordnungsgerecht ohne Pause zu spielen. Ebenso kurzfristig übernahm Hausbesetzung Joseph Dennis die Rolle des Tamino, weil Sebastian Kohlhepp abgesagt hatte. Keine guten Vorzeichen. Dass es am Schluss eine Viertelstunde Applaus gab, zeigt das Einverständnis zwischen Akteuren und Publikum, Oper erleben zu wollen. Das von den Künstlern unter großem Applaus gezeigte Plakat „Kultur bildet Gesellschaft“ passte zum Abend.

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Josef E. Köpplinger, dessen „Gerolstein“-Inszenierung die letzte Semperopern-Premiere im Frühjahr war, erzählt das Märchen von der Zauberflöte als Versuch, die drei Säulen des Sarastro-Reiches „Vernunft – Natur – Weisheit“ zu verknüpfen. Er hat es nicht geschafft. Sein Reich basiert auf Unterdrückung und harter Hierarchie. Arrangements und große Bilder erzählen das deutlich. In der Personenführung vermeidet Köpplinger Zuspitzungen, bleibt inkonsequent. Zwar sind einige Gesten Sarastros gegenüber Pamina übergriffig, doch wird das wie anderes nur angedeutet, nicht auserzählt. Die Geschichten von Papageno und Tamino laufen parallel, ohne dass ihre Bezüglichkeiten, ihre Bedingtheiten thematisiert werden.

Sehenswerte Kostüme

Walter Vogelweider hat für die Inszenierung einen schwarzen, sternenübersäten Grund- und Fantasieraum geschaffen, der sich im Hintergrund blendenartig öffnen kann. Auf der dann sichtbaren Projektionsfläche sieht man sich verändernde Landschaften, von unwirtlicher Kraterlandschaft zum lieblich grünenden Tal, von Winterkälte bis zum Blätterregen, mit einem wiederkehrenden Baum-Strauch, der unterschiedliche Blüten treibt, zum brennenden Dornbusch wird … Assoziations- und Spielräume, die allerdings keine greifbare Bedeutungsebene ergeben.

Dagmar Morells sehenswerte Kostüme ergänzen das Bild. Von heutiger „Jugendkleidung“ bei Tamino und Pamina über die erwartbaren bodenlangen Mäntel bei den Priestern um Sarastro bis zum raffiniert prachtvollen Kleid der Königin der Nacht reicht die Palette. So gibt es viel zu schauen, manche Anregung und schließlich keine Klarheit.

Die Schlusslösung ist überraschend spannend. Die Königin der Nacht geht nicht endgültig unter, Versöhnbarkeit deutet sich an. Sarastro gibt den Sonnenkreis ans junge Paar. Das aber verweigert sich der Vereinnahmung und sucht sich eigene Wege. Leider muss die Regie dann noch den Handlungsrahmen schließen und relativiert so das soeben Gezeigte.

Hochgesteckte Erwartungen

Musikalisch war der Abend rundum gelungen. Omer Meir Wellber am Pult setzte wichtige Akzente, bildete mit der Kapelle den auf Hochglanz geputzten Rahmen für Mozart auf höchstem Niveau.

Wirkte Joseph Dennis als Tamino anfangs noch fest und angestrengt, stellten sich zunehmend lyrische Lockerheit und eine sehr runde Rolleninterpretation ein. Tuui Takala konnte mit ihrem Rollendebüt als Pamina uneingeschränkt überzeugen. Die erste Strophe „Bei Männern welche Liebe fühlen“ fehlte schmerzlich. Dass sie trotz der recht zupackenden und robusten Rollenanlage, mit wadenhohen Lacklederstiefeln unterm Tüllkleid, zu berührenden, lyrischen Tönen fand, war bewegend. Sebastian Wartig gab den Papageno sehr souverän, mit Sinn für Humor und vollem, schönem Timbre. Katerina von Bennigsen war ihm eine reizvolle Partnerin als Papagena. Für ihr Duett hatten Regie und Ausstattung erfrischende Ideen.

Nikola Hillebrand als Königin der Nacht und René Pape als Sarastro waren mit ihren beeindruckenden Arien die stimmliche Klammer des Abends und wurden den hochgesteckten Erwartungen gerecht. Die szenische Anlage ihrer Figuren betont, dass beide weder nur gut noch nur böse sind. Allerdings hat die Regie den Figuren keine nachvollziehbare Entwicklung mitgegeben. Auch die anderen Rollen bis hin zu den drei Tölzer Knaben und der Staatsopernchor trugen zum Glanz der Musik entscheidend bei.

Die Semperoper plant die nächsten Aufführungen für den 4., 12. und 22. Dezember.

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