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Tom Gaebel: Mit Swing gegen den Corona-Frust

Der lässig aufgelegte Sänger begeistert beim ersten Konzert der Jazztage Dresden. In den Sitzreihen waren aufgrund der aktuellen Lage anfangs nicht alle zufrieden.

© Andreas Weihs

Von Tom Vörös

Endlich Livemusik bei den Jazztagen Dresden. Was Tom Gaebel am Donnerstag im Ostra-Dome mit seinem Orchester von der Bühne schmetterte, war eines Jazztage-Auftaktes mehr als würdig. Viel Swing, Easy Listening und sogar ein Lied auf Deutsch. Da vergaß man das anfänglich mulmige Gefühl schnell. Gut war es, dass im Hinblick auf das aktuelle Corona-Geschehen die ersten drei Reihen freiblieben. 

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Leicht befremdlich fühlte es sich jedoch an, dass man sich teils ohne Abstand direkt neben fremden Musikfans wiederfand. Aber: Man wurde im Vorfeld über diese sogenannten Zehner-„Infektionsgemeinschaften“ informiert. Und diejenigen, die sich nicht damit abfinden wollten, konnten einen Sitzbereich nutzen, wo dann strikte Maskenpflicht herrschte. Doch in Zeiten wie diesen erscheint das Konzept, zehn miteinander bekannte oder auch fremde Leute nebeneinander sitzen zu lassen und erst dann Abstand zu gewährleisten, zumindest gefühlt ein wenig gewagt. Einige Musikfans wollten das nicht hinnehmen und beschwerten sich hörbar.

Jazztage-Macher Kilian Forster war hingegen froh, dass das Festival überhaupt stattfinden kann. Lange habe man darum gekämpft, betonte er auf der Bühne, dass der Ostra-Dome potenziell gefüllt werden könne. Mit so einem Konzert Nummer eins wünscht man dem Festival jedenfalls, dass es komplett bis Ende November stattfinden kann.

Fingerschnippen mit einem potenziellen Sachsen

Vielleicht war gerade wegen dieser ganzen Umstände ein lässig aufgelegter Tom Gaebel genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Mit einem Glas Weißwein auf die Bühne schlendernd, ließ er von Beginn an keinen Zweifel daran, dass die gute Laune niemals enden könne und sang „Music To Watch Girls By“. „Es ist ein Wunder, dass man überhaupt mal irgendwo auftreten darf“, sagte er. „Meine Band habe ich das letzte Mal im März gesehen.“ Ein Trompeter befände sich noch in Quarantäne.

Aber bereits in Lied zwei, dem Klassiker „Just Help Yourself To My Lips“ von Namensvetter Tom Jones, schnippte man synchron mit Tom Gaebel die Finger und vergaß beinahe alles, was einem ein Konzert in diesen Tagen vermiesen könnte. Und bei Lied drei, „Feels Like Home“, fühlte man sich fast wie zu Hause. Tom Gaebel auch, denn sein Vater stammt aus Meißen. Er animierte sein Publikum zum Pfeifen – „am besten nach innen“, wie er Corona-gerecht betonte.

Und da die Band nun bald 15 Jahre lang zusammenspielt, plauderte Gaebel auch ein wenig aus dem heimatlichen Nähkästchen. Zum Beispiel dass er sich früher, während seiner ereignislosen Landleben-Kindheit Murmeln aus Knochen schnitzte. Oder wie er das Pfeifen bei einem Lied namens „Mr Bojangles“ lernte. Überraschend für stark amerikanisierte Hörer: Beim Lied „Back On The Road“ wurde brav auf Deutsch geklatscht, also immer auf die erste Zählzeit und somit genau wie beim Schlager.

Beim Sinatra-Klassiker „L.O.V.E.“ tänzelte Gaebel dann mit dem Posaunisten Richard „Richie“ Hellenthal stilecht über die Bühne, ließ den älteren, weißen aber sehr agilen Mann singen und lieferte sich mit ihm noch ein spaßiges Posaunenduell. Dass Tom Gaebel weit mehr als nur singen kann, bewies er auch mit seiner Theremin-Einlage. Auf dem Instrument, das man mit den Händen berührungslos spielt, schmeichelte er Science-Fiction-Fans mit dem Titelsong der Serie „Captain Future“.

Virtuose Verneigung vor dem Meister

Nach der Pause folgte prompt ein Kontrastprogramm: Erst sang Tom Gaebel „Sag mir quando“ sehr passabel auf Deutsch. Dann gestand er mit seinem äußerst gelungen komponierten Lied „Catch Me If You Can“ sein großes Faible für James Bond. Musikalisch ein absoluter Höhepunkt des Abends, bei dem man Tom Gaebel, nun schick im Anzug, gefühlt schon als nächsten Bond durchs Bild laufen sah.

Mit „You Give Me Fever“ erinnerte Gaebel sein Publikum zwischendurch mal wieder kurz an den Alltag. „Das Lied widme ich dem Virus“, sagte er und wünschte seinem Publikum viel Gesundheit.

Was dann folgte, war nicht nur eine weitere Hommage an Frank Sinatra, sondern mit „Old Man River“ eine virtuose Verneigung vor dem Meister. „Da haben wir uns früher noch nicht rangetraut“, so Gaebel. Doch inzwischen darf man den Westfalen zumindest zeitweise als Reinkarnation des Meisters gelten lassen. Nachteilig ist das nur, wenn man sich als eigenständiger Künstler profilieren möchte, anstatt vor allem als Interpret wahrgenommen zu werden. Doch bei Tom Gaebel gehört Frank Sinatra quasi mit zur eigenen Persönlichkeit.

Und so ebneten auch die letzten Sinatra-Lieder, unter anderem „That‘s Life“ sowie die von einem endlich aufgetauten Publikum zwingend geforderten Zugaben „New York, New York“ und „My Way“, einen Heimweg voller guter Laune. Dieser „Dr. Swing“ verfügt eben über eine der derzeit besten akustischen Heilmethoden. 

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