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Von alten Dampfloks und Ferkeltaxen

Kaum ist Michael Vogt neuer Direktor des Verkehrsmuseums Dresden, gibt er auch schon das Signal für die neue Dauerschau zum Schienenverkehr.

Museumsdirektor Michael Vogt vor der „Saxonia“. Der 50-jährige Physiker und Philosoph leitete u.a. das Science Center der Technischen Sammlungen Dresden. Zuletzt war er Chef der Pressestelle der Uni Rostock.
Museumsdirektor Michael Vogt vor der „Saxonia“. Der 50-jährige Physiker und Philosoph leitete u.a. das Science Center der Technischen Sammlungen Dresden. Zuletzt war er Chef der Pressestelle der Uni Rostock. © Anja Schneider

Es ist wie so oft bei der Deutschen Bahn: Die Abfahrt hat sich verspätet. Coronabedingt musste die Eröffnung der neuen Dauerschau im Dresdner Verkehrsmuseum warten. Im Lockdown war es nur bedingt möglich, die Lokomotiven, Güteranhänger, Triebwagen zu rangieren und in der 600 Quadratmeter kleinen Halle im Dresdner Johanneum zentimetergenau zu positionieren. Ab diesem Wochenende steht das Signal auf Grün. „Abfahrt!“ heißt die neue Dauerschau zum Schienenverkehr, die Joachim Breuninger gern noch in seiner Amtszeit eröffnet hätte. Der Schienenverkehr ist die letzte Abteilung, die in den vergangenen zehn Jahren erneuert wurde. Breuninger leitet jetzt das Deutsche Technikmuseum Berlin. Sein Nachfolger in Dresden, Michael Vogt, gibt drei Wochen nach seinem Amtsantritt gern das Startzeichen. Den großen Auftritt überlässt er aber anderen.

Zwei starke Männer aus dem 19. Jahrhundert empfangen die Besucher in ihrer Werkstatt: Johann Andreas Schubert, der in Dresden die Saxonia baute, die erste funktionierende deutsche Dampflok, und Thomas Clarke Worsdell, prominenter englischer Wagenbauer, der 1837 nach Leipzig kam und dort die Wagenbauanstalt leitete. Beide platzen sie schier vor Stolz auf ihre Erfindungen und auf ihr Können. Das Wortgefecht der Ingenieure ist so lehrreich wie amüsant. Und man fragt sich, was Worsdell wohl geritten haben mag, von der Liverpool Manchester Railway nach Leipzig zu gehen, wo er mit seiner Arbeit zwar Neuland betrat, aber nicht, ohne die Rückständigkeit Sachsens und das Fehlen indischer Tinte oder ordentlicher Schraubenzieher zu beklagen.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

So hinterwäldlerisch können die Sachsen damals nicht gewesen sein: Am 7. April 1839 wurde die erste deutsche Fernreisebahnstrecke von Dresden nach Leipzig eröffnet. Diese 115 Kilometer waren zu jener Zeit die längste Eisenbahnstrecke der Welt. Auch reiste man schneller, komfortabler, sicherer. Sicher?! Schubert fuhr am Eröffnungstag mit seiner Saxonia dem Jungfernzug hinterher, rammte bei Priestewitz eine englische Lok, weil eine Weiche falsch gestellt worden war und triumphierte, weil die Saxonia den Crash überlebte. Heute steht der einzige originalgetreue Nachbau wieder glänzend in der Ausstellung.

Ein Mitarbeiter geht an der Dampflok Typ IVK entlang.
Ein Mitarbeiter geht an der Dampflok Typ IVK entlang. © dpa-Zentralbild

Die spannt nach der Schubert-Werkstatt den Bogen von der Gründung der Eisenbahn über die Länderbahnen Ende des 19. Jahrhunderts, die Deutsche Reichsbahn bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, die Eisenbahnen in DDR und BRD bis hin zur Zukunft des Schienenverkehrs. Uniformen, Vereinsfahnen, die Hochzeitsterrine des Erbauers der Sächsischen Semmeringbahn, Wassergläser und Bierkanne der Eisenbahnervereinigung Kamenz zeugen davon, wie stolz man war, Eisenbahner zu sein.

Signalstationen, Bahnhofsuhren, Fahr- und Bahnsteigkartenautomaten erzeugen einen Anflug von Bahnsteigatmosphäre. Aber diese kleinen Geschichten, so amüsant und spannend sie sein mögen, haben es schwer neben den Großobjekten, die sich in der Halle breitmachen. Dabei sind nur sechs von 116 Schienenfahrzeugen des Museums ausgestellt. Alle anderen warten im Depot darauf, dort eines vielleicht nicht mehr allzu fernen Tages von Besuchern bewundert werden zu können.

In der Schau bestaunt man die Muldenthal-Lokomotive von 1861, die drittälteste Lok Deutschlands, und einen von dreizehn Salonwagen des Sächsischen Hofs. Der Waggon für Prinzessin Mathilde hatte Salon, Schlaf-, Wasch- und Toilettenraum und konnte sogar von außen beheizt werden. Was für ein Luxus! Die Prinzessin begrüßt die Besucher – und scheucht die, die zu lange verweilen wollen, leicht schnippisch wieder hinaus. Sie hat zu malen, das Bild auf der Staffelei muss fertig werden. Es soll tatsächlich in diesem Salonwagen gehangen haben.

Mit diesem Triebwagen aus dem Jahr 1895 wurde die Dresdner Pferde- zur elektrischen Straßenbahn.
Mit diesem Triebwagen aus dem Jahr 1895 wurde die Dresdner Pferde- zur elektrischen Straßenbahn. © Anja Schneider

Ein elektrischer Straßenbahnwagen von 1895 löste in Dresden die von Pferden gezogene Straßenbahn ab. 1958 kam er ins Verkehrsmuseum. Eine deutlich jüngere Erwerbung steht daneben: die sogenannte „Ferkeltaxe“, ein Triebwagen, in den Sechzigern im VEB Waggonbau Bautzen produziert und vor allem auf kurzen Strecken eingesetzt. Er fuhr bis 2004 für die Usedomer Bäderbahn. Für die Ausstellung wurde der Triebwagen restauriert und weil er sowohl in der DDR als auch im wiedervereinigten Deutschland im Einsatz war, bekam er eine doppelte Farbfassung. Die Besucher können sozusagen beim Ein- und Ausstieg den Übergang noch einmal im Zeitraffer nachvollziehen.

In der „Ferkeltaxe“ und an weiteren Medienstationen erzählen Menschen über ihre Erlebnisse mit dem Schienenverkehr und formulieren ihre Wünsche an die Bahn. Pünktlich soll sie sein, sauber und in kürzeren Abständen fahren. Auch billiger? Das verlangte keiner der im Sommer am Dresdner Hauptbahnhof Interviewten.

Das Verkehrsmuseum im Johanneum am Dresdner Neumarkt ist Di – So 10 – 18 Uhr geöffnet, auch am 26. Oktober und 28. Dezember. Geschlossen am 24., 25., 31. Dezember und Neujahr.

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