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Wem gehört die Solidarität?

Eine Ausstellung in Dresden widmet sich dem Auftritt von Angela Davis in der DDR. Eine Aufklärung zu Kaltem Krieg und Rassismus.

Porträts von Angela Davis waren auf der VII. Kunstausstellung der DDR zu sehen. Willi Sitte malte das großformatige Bild „Angela Davis und ihre Richter“ 1971. Es befindet sich in Privatbesitz.
Porträts von Angela Davis waren auf der VII. Kunstausstellung der DDR zu sehen. Willi Sitte malte das großformatige Bild „Angela Davis und ihre Richter“ 1971. Es befindet sich in Privatbesitz. © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Von Uwe Salzbrenner

Die Solidaritätsaktion für die schwarze US-Amerikanerin Angela Davis ist selbst für die DDR erstaunlich: Die staatlich inszenierte Kampagne vom Januar 1971 wird zum Selbstläufer. Fast jedes Schulkind schickt der nach falscher Anklage mit der Todesstrafe bedrohten Kommunistin und Black-Power-Aktivistin eine Postkarte ins Gefängnis. Arbeiterinnen schreiben, Rentner schreiben. Nicht nur von der Zeitung vorgedruckte Karten, auch viele selbst gezeichnete. „1 Million Rosen“ erreichen Davis. Nach ihrem Freispruch im Juni 1972 besucht sie drei Monate später die DDR, um sich für die Unterstützung persönlich zu bedanken, und wieder geschieht Unerhörtes: Angela Davis wird wie ein Popstar empfangen. 50.000 euphorisierte junge Menschen am Flughafen Berlin-Schönefeld, 200.000 beim Besuch in Leipzig, als sie von der Karl-Marx-Universität die Ehrendoktorwürde erhält. Ihre Ausstrahlung, ihr Aussehen – Sonnenbrille, Lederjacke und riesiger Haarschopf – haben sicher dazu beigetragen. Zudem spricht Davis nach ihrem Studium der Philosophie in Frankfurt/Main deutsch. Was sie zu sagen hat – dass Rassismus und Unterdrückung beendet werden müssen –, lässt sich gegen alle etablierten Machtstrukturen wenden.

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Diesem Ereignis widmet sich die Schau der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im Lipsius-Bau. Sie spiegelt es in zeitgenössischer Kunst, in den Werken von vierzig Künstlerinnen und Künstlern, einer Künstlergruppe und einem Magazin. Die meisten Beiträge kommen aus den USA und der DDR.

Mit Schönheit und Würde begabt

In den 1970ern ist der Zugang zu Angela Davis simpel: Man bildet sie ab. Ihre Porträts waren auf der VII. Kunstausstellung der DDR zu sehen, das bekannteste stammt von Willi Sitte. Jetzt zeigt man solche Bilder noch mal: Davis sieht auch in Hemd oder Kostüm unverschämt fotogen aus, vor allem moralisch überlegen. In Charles Whites Porträt schaut sie prüfend. White, halb Schwarzer, halb Indianer, ist als Künstler von der Neuen Sachlichkeit geprägt. Seinen „Love Letter #1“ hat er für eins der 200 US-amerikanischen Komitees gezeichnet, die sich für Davis‘ Freiheit eingesetzt haben. Die dem Briefentwurf beigehängten Drucke offenbaren zudem: Für White sind alle Schwarzen mit Schönheit und Würde begabt, speziell die Frauen.

Dieser Sicht schließt sich in der Schau auch Senga Nengudi an mit einem Foto, das sie in einer ihrer Installationen zeigt: ein Symbol der Anpassungsfähigkeit und Stärke des Frauenkörpers. Zwei Generationen jünger sind Steffani Jemison und Justin Hicks. In deren Objekt- und Klangarbeit sieht man Hoffnungssprüche in Blech graviert, Familienfotos und Fotos schwarzer Orchideen. Hört Musik, die sich auf die Sängerin Nina Simone bezieht. Anpassung und Widerstand, Wunsch und Kitsch. Wie könnte man sonst leben, wenn man die Hölle gesehen hat?

Die Schwarzen werden in den USA nach wie vor kriminalisiert. Diese Wahrheit führt Arthur Jafa in einem Sieben-Minuten-Film vor, der Musikvideos und Privataufnahmen mit Nachrichten und Bildern von Polizeikameras verschaltet. Nebenan zeigt Sadie Barnette sechs von 500 FBI-Akten ihres Vaters, der für eine Zeit Angela Davis‘ Leibwächter war.

Vom Osten im Kalten Krieg benutzt?

Andere Werke jüngerer Künstler illustrieren Themen, zu denen Davis Bücher schreibt: das Gefängnis als Industrie und Teil der Unterdrückung. Schwarze Frauen im Klassenkampf. Die frühe Quelle des Feminismus in der Bluesmusik. Man erkennt im Spiegel schwarzer Kunst, wie streng Davis sich auf die USA bezieht, auf Rassismus, der jahrhundertelanger Sklaverei folgt.

Die Gefängnisse werden von deutschen Künstlern vorgestellt. Nasan Tur hat im ehemaligen Stasi-Bau in Dresden Zellentüren von innen fotografiert, Gabriele Stötzer in ihrer ehemaligen Zelle ein Performance-Video gedreht. Etablierte Macht kann recht gusseisern aussehen.

Bewusst gesetzt ist der Rest DDR und Revolutionsideologie, der durch die Schau geistert: in Fahnen, im Vorrat der Farben, Schriften und Heldenporträts, im Zeitungs-, Fernseh- und Bücherarchiv der 1970er-Jahre mitten im Saal. Im Sozialismus ist angeblich mit dem Sieg des Marxismus der Rassismus abgeschafft gewesen. Dem wird von Afrodeutschen widersprochen, auch durch Kunst. Der Genossin Davis und ihrer Vorstellung von Solidarität widerspricht wiederum das Archiv – mit dem Brief eines tschechischen Dissidenten, der sie gebeten hat, sich im Ostblock für die Freiheit von Reformern zu verwenden. Angela Davis hat nie geantwortet. Aber wird sie nicht im Osten ohnehin benutzt, in der heißen Phase des Kalten Krieges? Dies alles ebenfalls darzulegen, ist ein Verdienst dieser Schau. Darüber hinaus bekommt man schöne Beispiele schwarzer Kunst aus den USA geboten, auch welche, die keinerlei Bezug zu Davis nehmen wie die mit Schrift bemalte Frachtkiste des längst berühmten Jean-Michel Basquiat oder ein luftig-abstraktes Gemälde von Julie Mehretu, das Flugrouten unsichtbarer Dinge zeigt.

Die Ausstellung in der Kunsthalle im Lipsius-Bau Dresden, Eingang Brühlsche Terrasse, ist voraussichtlich ab 2. Dezember wieder täglich 11 – 17 Uhr geöffnet.

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