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Willkommen in der Notgemeinschaft

Wenn Aleida Assmann in ihrer Dresdner Rede über Zukunft nachdenkt, vereint sie Fortschrittsversprechen mit Nachhaltigkeit und Risikomanagement.

„Ja, wir leben in turbulenten Zeiten“: Im Dresdner Schauspielhaus sprach die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann am Sonntag über eine Welt im Wandel.
„Ja, wir leben in turbulenten Zeiten“: Im Dresdner Schauspielhaus sprach die Anglistin und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann am Sonntag über eine Welt im Wandel. © Thomas Kretschel

Zukunft war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ganz selbstverständlich mit dem Wort Hoffnung verbunden. Es konnte nur besser werden. Die Zeichen standen auf Fortschritt, Wohlstand und Optimismus und das unabhängig von den gegensätzlichen politischen Ideologien in Ost und West. Überall setzte man auf einen neuen Anfang, wie es der Dichter Johannes R. Becher in seinem Text für die Hymne beschwor, die im Herbst 1949 noch als Deutsche Nationalhymne erklang: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“.

Doch wie ist es heute, in einer Welt des Wandels, um den Glauben an ein lichtes Morgen bestellt? Dieser Frage ging Aleida Assmann am Sonntag in ihrer Dresdner Rede nach. Die 74-jährige Anglistin, Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin hat einen Ruf als unkonventionelle Denkerin, die sehr verschiedene Welten vereinen kann, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

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Die Jagd nach dem Sicherheitsgefühl

Im Dresdner Schauspielhaus brachte sie die amerikanische Schauspielerin Doris Day mit ihrem Fünfzigerjahre-Schlager „Que sera“ mühelos unter einen Hut mit Shakespeare, Winston Churchill und dem Theoretiker Niklas Luhmann. Das Fazit: Es gibt nicht die eine Zukunftsvision. Es gibt mehrere. Das Nachkriegsmodell funktioniert freilich immer noch.

„Aus der Modernisierung und dem erreichten zivilisatorischen Niveau gibt es nämlich keinen einfachen Ausstieg“, sagt Aleida Assmann. „Wir glauben zwar nicht mehr an eine Zukunft, in der die Welt immer besser, gesünder, gerechter und freier wird, aber wir spekulieren doch auf ein neues Smartphone mit größerer Speicherkapazität und besseren Prozessoren, und wir wünschen uns, dass gegen Covid-19 mit all seinen Mutanten wirkungsvolle Medikamente erfunden werden.“

Ob das klappt, ist nicht gewiss. Deshalb gehört für die Wissenschaftlerin zur Zukunft die Unsicherheit, das Risiko. Manche, sagt sie, warten geduldig ab und akzeptieren, was kommt. Sie vertrauen wahlweise auf den göttlichen Willen, auf Orakel und das Zeichen an der Wand. Andere setzen auf ihre eigenen Kräfte und begreifen das Risiko als Chance, so wie es die ersten Unternehmer auf dem Weg in die Neue Welt taten. Seitdem, so Assmann, gibt es die Versicherungs-Bürokratie. Statt an mythische Figuren glauben Menschen heute an „Meinungsumfragen, Börsenbeobachtung und Statistiken des Pandemie-Verlaufs“. Es könnte ja ein kleines Sicherheitsgefühl dabei herausspringen.

Radikale Eingriffe in die Natur

Um Grundsätzliches geht es schließlich, wenn Aleida Assmann die Zukunft mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbindet. Da sieht sie schwarz: Während uns die fortschreitende Zerstörung des Planeten bewusst wird, nimmt diese Zerstörung mit unglaublicher Geschwindigkeit zu. Den Ursprung vermutet die Wissenschaftlerin just in jenem viel gepriesenen Fortschrittsdrang nach dem Zweiten Weltkrieg. „Im Großen war es ein expandierender Kapitalismus mit globalen Geld- und Warenströmen und im Kleinen waren es Molekularbiologie und Nanophysik“ – sie hätten radikale Eingriffe in die Natur zur Folge. Die Menschheit habe sich zu einer „Überlebens-Notgemeinschaft“ entwickelt, für die nur eines gelten sollte: Weitermachen wie bisher ist keine Option. „Denn das größte Risiko liegt heute im Unterlassen.“

Aleida Assmann habe sich nie gescheut, „um mit geisteswissenschaftlich geschulter Kompetenz und mit dem Augenmaß der Leidenschaft in kontroverse Debatten einzugreifen“, heißt es in der Laudatio für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den die Anglistin gemeinsam mit ihrem Ehemann und Kollegen, dem Ägyptologen Jan Assmann, vor drei Jahren erhielt –Würdigung einer „zweistimmigen Lebensleistung“. Gemeinsam erforschten sie die Bedeutung alter Steine für die Gegenwart, sie hielten amerikanischen Universitäten auch in schwierigen Zeiten die Treue und lebten den europäischen Gedanken zwischen Frankreich und England als wahre Kosmopoliten. Gemeinsam entwickelten sie das Konzept des kulturellen Gedächtnisses. Und falls noch ein letzter Beweis für die Vielseitigkeit der Konstanzer Professorin nötig sein sollte: Als Austauschschülerin im kalifornischen San José stieg sie immerhin zur Piccolo-Flötistin der High-School-Band auf.

Viele Gründe für Ermutigung

Mit Aleida Assmann enden die diesjährigen Dresdner Reden. Die Reihe wird seit fast drei Jahrzehnten in Kooperation von Staatsschauspiel Dresden und Sächsischer Zeitung veranstaltet. Die jüngsten Reden wurden coronabedingt als Livestream übertragen. Bei den letzten beiden durfte sogar etwas Publikum im Saal sitzen. Ein Lichtblick. Und auch Aleida Assmann will ihre Zuhörer nicht ohne Hoffnung in den Sonntag schicken, wissend, dass man schon mit kleinen Fortschritten zufrieden sein muss, wenn es mit der großen, schönen Utopie nichts wird. Sie nennt drei Gründe, die sie optimistisch stimmen.

Streit gehört schon mal nicht dazu. Denn Streit und Diskussionen könnten auch dazu führen, dass wir auf der Stelle treten, dass der gesellschaftliche Konsens schwindet und die politische Polarisierung zunimmt, so Assmann. Vielmehr fühlt sie sich ermutigt durch neue rechtliche Rahmenbedingungen. Als Beispiel verweist sie auf die solidarische Abstimmung der EU über den Wiederaufbaufonds und auf die Entscheidung des bundesdeutschen Verfassungsgerichtes, der Forderung nach Generationengerechtigkeit nachzukommen.

Die neue Generation setzt auf Empathie

Mit dieser Forderung verbindet sich für die Rednerin der zweite Grund für Optimismus: „Ich vertraue auf die nachwachsende Generation und ihren Gemeinsinn.“ Mit Gemeinsinn meine sie weder Ein- noch Unterordnung oder gar die Auslöschung des Individuellen, sondern Bindung, ein wechselseitiges Einbeziehen, eine soziale Bewegung. Die „Generation Z“ – Z wie Zukunft – setze auf Empathie und nicht nur auf Leistung und Wettbewerb.

Der dritte Grund für Assmanns Optimismus mag befremdlicher klingen. Sie spricht von einer neuen Ethik des Reparierens. Damit bezieht sie sich auf den kamerunischen Philosophen Achille Mbembe. Er hat den Begriff des Reparierens in seine Bücher eingeführt und bilanziert eine Geschichte der Ungerechtigkeit und Gewalt seitens der westlichen Zivilisation. Doch der Philosoph war im Vorjahr aus anderen Gründen ins Zentrum der Debatten geraten. Ihm wurden Antisemitismus und Holocaust-Leugnung vorgeworfen.

Aleida Assmann hat sich damit auseinandergesetzt. In Dresden geht sie auf die Vorwürfe nicht ein. Wenn sie hier Mbembe zitiert, folgt sie ihrem ureigenen Anliegen: andere Perspektiven einzubinden, Gemeinsames im Verschiedenen zu entdecken, Barrieren zwischen den Diskursen zu beseitigen: „Zukunft haben wir nicht, wir müssen sie schaffen.“

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