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Wir sind in Aktion, wenn alles still steht

Cindy Hammer ist Tänzerin und Choreografin. Während der Pandemie hat sie so viel gearbeitet wie nie. Ein Gespräch über Flexibilität in der Kunst und im Leben.

©  André Wirsig

Die Kultur ist im Lockdown, viele Tanz- und Theaterkünstler klagen über die erzwungene Untätigkeit. Auch Sie konnten seit fast einem Jahr keine Stücke mehr auf einer Bühne zeigen. Herrscht bei Ihnen Winterstarre?
Nein, im Gegenteil. Im ersten Lockdown gab es eine kleine Lähmung, doch wir haben uns schnell mit den Umständen arrangiert und waren durchgehend am Arbeiten. Mit der Company hatten wir Glück, da wir im Sommer und Frühherbst noch einige Arbeiten umsetzen konnten. Unabhängig von Corona hatten wir auch vorher schon den Fokus auf Arbeiten im öffentlichen Raum gelegt und konnten unser Stück „Asphaltwelten Part 1“ auf der Dresdner Hauptstraße zeigen. Darin beschäftigen wir uns mit Menschen ohne Obdach. Es war insgesamt eine sehr spannende Zeit, die Arbeit hat sich nur verlagert.

Inwiefern?
Wir waren vor allem im ersten Lockdown die ganze Zeit im Machen drin und hatten viel Energie. Ich habe in meinem Leben noch nicht so viele Anträge auf Fördergelder geschrieben wie im vorigen Jahr. Glücklicherweise haben wir fast alle durchbekommen. Das ist mal ein positiver Effekt von Corona: dass wir mit unserem Standort Dresden überhaupt mal die Möglichkeit hatten, auf Bundesebene Gelder zu bekommen, an die wir früher nur schwer gekommen sind.

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»Semper: Donnerstag« präsentiert Künstler*innen und Musiker*innen in ungewohnter Perspektive

Als freie Künstlerin sind Sie es gewohnt, Anträge für Fördergelder zu beantragen. Die Situation war also gar nicht so ungewöhnlich für Sie, oder?
Ja klar, wir machen das seit Jahren und haben uns eine Expertise im Antragstellen erarbeitet. Doch mir fehlt nach wie vor der Blick auf das Große. Es gibt gerade einen guten Geldsegen für die Freien Darstellenden Künste, allerdings halten diese Hilfsprogramme bis Jahresende 2021. Bis dahin muss auch das viele Geld verausgabt werden. Was kommt danach? Corona wird uns ja noch begleiten. Wir als Company versuchen darum, in nachhaltige Strukturen zu investieren.

Was bedeutet das?
Derzeit bekommen wir vor allem Projektförderungen, also für einzelne Arbeiten und zeitlich begrenzt. Damit kann man aber keine Strukturen aufbauen. Es braucht also auf kommunaler Ebene eine Basisförderung, die Companys wie unserer für zwei, drei oder mehr Jahre eine Sicherheit gibt. Wir haben dank einer etwas länger angelegten Förderung zum Beispiel derzeit eine Honorarkraft, die sich darum kümmert, dass unsere Produktionen nicht nur ein-, zweimal in Dresden zu sehen sind, sondern auch an anderen Orten. Die Honorarkraft übernimmt für uns die Distribution und Vermarktung, die wir selbst nicht leisten können.

© Stephan Tautz

Woher kommt eigentlich die Scheu von Künstlerinnen und Künstlern davor, sich zu vermarkten?

In der zeitgenössischen darstellenden Kunst ist der kommerzielle Gedanke relativ verpönt. Daher fehlen uns auch die Tools, eine Selbstvermarktung auf den Weg zu bringen.

Schlägt sich diese Haltung auch darauf nieder, welchen Wert Künstlerinnen und Künstler sich selbst zumessen?
Auf jeden Fall. Wir versuchen seit Jahren, das zu ändern. Ich unterstütze beispielsweise keine Ausschreibungen mehr, in denen die Künstlerinnen und Künstler nicht ordentlich bezahlt werden.

Gerade in der Krise hat man oft von Künstlern gehört: Egal, was wir verdienen, Hauptsache auf der Bühne stehen!
Ja, das kann man ja auch niemandem verbieten. Aber man kann immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es Auswirkungen auf die gesamte Szene hat, wenn Einzelne für wenig oder gar kein Honorar arbeiten. Als Gemeinschaft haben wir da auch eine Verantwortung füreinander.

Seit neun Jahren gibt es Ihre Company go plastic, die inzwischen eine GbR ist und damit mehr Strukturen hat, mehr Gelder akquiriert. Damit steigen auch die Verbindlichkeiten. Lähmt ein größerer Apparat auch, gerade in der Krise?
Mehr Strukturen und mehr Fördergelder bedeuten nicht weniger Flexibilität, aber sie sorgen auf jeden Fall für mehr Druck und mehr Verantwortung für das Team. Allerdings kommen alle Beteiligten aus der Freiberuflichkeit.

Welche Vorteile bringt das?
Als Freischaffende kennen wir es nicht anders, als uns zu engagieren. Uns bleibt nichts anderes übrig, wir sind permanent irgendwo in Aktion. Das ist für mich einer der Gründe, warum ich in diesem Beruf arbeite, der alles andere als leicht ist. Dieser Gestaltungswille herrscht in jeder Lebenssituation, auch in Corona-Zeiten, und auch wenn alles andere gefühlt zum Stillstand kommt.

Können sich die großen Theater-Tanker etwas von dieser Haltung abschauen?
In den Stadt- und Staatstheatern sind die Strukturen sehr fest. Ich bezweifle, dass sich die mal eben aufbrechen lassen. Man kann nur hoffen, dass mehr Austausch zwischen staatlichen Theatern und Freier Szene stattfindet. Dafür braucht es aber auch die Wertschätzung der freien Arbeit.

Viele Künstlerinnen und Künstler kamen durch die diversen Hilfsgelder bisher gut durch die Krise, doch es drohen Haushaltssperren und starke Kürzungen der auftraggebenden Theater. Wie gehen Sie damit um?
Viele Freie sind durchs Raster gefallen. Die sind vielleicht genauso talentiert und machen künstlerisch tolle Sachen, aber sie kommen weniger leicht an Gelder, weil ihnen die Erfahrung in Bezug auf Anträge fehlt. Außerdem gehe ich davon aus, dass wir die Quittung für diese Zeit jetzt in ein paar Jahren bekommen werden: Es wird in der Kultur an allen Ecken und Enden gekürzt werden. Als Company versuchen wir jetzt einfach, das Beste daraus zu machen und Strukturen und Stücke zu entwickeln, die auch in 3-5 Jahren noch haltbar sind und funktionieren.

©  André Wirsig

Wie sieht das genau aus?

Wir arbeiten schon lange interdisziplinär, integrieren also andere Künste in unsere Stücke. Unter anderem das Medium Film, da sind wir also in der Corona-Zeit gut aufgestellt. Allerdings ist es gerade im Tanz nicht möglich, alles auf Video zu übertragen. Eine digitale Form zu finden für die atmenden, schwitzenden Körper, die nun mal zu der Kunst dazugehören, das wird schwierig. Aber wir bleiben offen, neugierig und spielerisch, darum bin ich eigentlich ganz optimistisch.

Hatten Sie in diesem Jahr je Existenzängste?
Jein. Ich selbst war ganz gut aufgestellt, hatte etwas gespart und viel Geld über Anträge besorgt. Aber ich kenne viele in der Branche, die einfach gar keine Einnahmen haben. Vor allem sorge ich mich um diejenigen, die eine Familie zu ernähren oder andere große Verpflichtungen haben.

Konnten Sie die Honorarkräfte Ihrer Company weiterbezahlen?
Wir musste Daten und damit auch Zahlungen verschieben. Aber wir haben alle Zusagen eingehalten und allen klargemacht: Wenn es eng für euch wird, meldet euch.

Ist es von Vorteil für freischaffende Künstlerinnen und Künstler, dass sie in der Regel niedrige Lebenshaltungskosten haben?
Klar, ich habe eine sehr günstige Wohnung und sehr geringe Ausgaben. Dennoch sind mir meine Privilegien sehr bewusst, in der Krise wird das Gefälle in der Gesellschaft sehr krass sichtbar, und ich finde es sehr schlimm, festzustellen, wie wenig Handlungsfähigkeit man hat, das zu ändern. Wir haben uns ja als Company viel mit dem Thema Obdach beschäftigt und tun es noch. Mir klarzumachen, wie es Menschen ohne festen Wohnzitz grundsätzlich und dann noch in einer Pandemie geht, lähmt mich mehr als meine eigene Unflexibilität.

Wie geht es Ihnen jetzt, im zweiten Lockdown?
Ich bin in der luxuriösen Situation, dass ich täglich ein Studio nutzen, viele Dinge aus dem Homeoffice machen und mich mit Menschen verbinden kann. Doch ich vermisse die Begegnung mit anderen, die Resonanz, die wir im Tanz und in den darstellenden Künsten einfach extrem brauchen. Aber wir machen natürlich weiter, auch wenn jetzt im zweiten Lockdown die Müdigkeit und Frustration sehr spürbar ist.


Das Gespräch führte Johanna Lemke

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