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Wo trafen sich lesbische Liebende in Rostock?

In den berührenden Dokumentarfilmen „Uferfrauen“ und „Im Stillen laut“ erzählen Frauen, die schon in der DDR ein Paar waren, aus ihren Leben.

Pat hätte gerne früher gewusst, wo man andere Frauen findet, die Frauen lieben. Denn „dann wäre ich schneller mit meinem coming-out fertig gewesen. Die Lesben musstest du erst später aus den Schubladen holen.“
Pat hätte gerne früher gewusst, wo man andere Frauen findet, die Frauen lieben. Denn „dann wäre ich schneller mit meinem coming-out fertig gewesen. Die Lesben musstest du erst später aus den Schubladen holen.“ © déjà-vu-film

Von Andreas Körner

Zunächst ist es ein zartes Lächeln, das zum herzhaften Kichern wird. Dann ein Lachen, das ins Prusten wächst. Erika liest aus ihrer Stasi-Akte vor, Tine sitzt neben ihr und teilt den heiteren Moment für die Kamera. Die beiden Frauen sind 81. Sie haben zu viel erlebt, als dass ihnen dieses alte Stück Papier noch etwas anhaben könnte. „Er fuhr in den Hof“, zitiert Erika, „sah eine Kaffeetafel mit etwa zehn Personen und alle waren nackt.“ „Alle?“, fragt Tine. „Das hat er sich ausgedacht!“ Obwohl, es sei ja August gewesen, damals im brandenburgischen Kunsthof Lietzen, als der IM sie besuchte.

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Die Künstlerin und die Lektorin – mit „Klarnamen“ Erika Stürmer-Alex und Christina Müller-Stosch – sind seit über vier Jahrzehnten ein Paar. Sie haben geliebt, gestritten, sich um die Nachwachsenden gesorgt, künstlerische Freiräume ausgefüllt, gesellschaftliche Nischen besetzt, am privaten Glück gezimmert und echten Stein auf echten Stein gesetzt, Schranken im Kopf zerstört. Sie waren „Im Stillen laut“ und sind es noch immer. Therese Koppe hat einen wunderbaren Titel für ihren Film gefunden.

Erzählungen über ein gewesenes Land

Mit kleinem Team hat sie über ein Jahr lang immer wieder mal bei Erika und Tina gewohnt. Recherchen hautnah, Neugier als Fundament, Gespräche über die Götter der Welt. Der offene, kritische und humorvolle Umgang der beiden habe sie fasziniert, sagt die Regisseurin. Und dass sie sich treu geblieben sind. In den knappen 75 Minuten von „Im Stillen laut“ ist es zu sehen. Unkommentierte Beobachtungen werden sanft zum Porträt, Tagebuchnotizen, Fotos und Bewegtes aus DDR-Zeiten vermischen sich mit den Jahreszeiten heutigen Alltags. Das Leben wird aufgefasst und angefasst und zwei wache, stolze Damen sind mittendrin. So jedenfalls kann man auch über ein gewesenes Land erzählen. Es geht um Menschen, nicht um Fakten. Und erst recht nicht um Akten.

„Im Stillen laut“ war jüngst in elf Städten beim Queerfilmfestival zu sehen, in Dresden im neu eröffneten Zentralkino im Kulturkraftwerk. Bis zum Bundesstart vergeht noch etwas Zeit. Genug für einen zweiten Dokumentarfilm mit „Uferfrauen“, der dieser Tage bereits in Einzelaufführungen zu sehen ist. Den Untertitel „Lesbisches L(i)eben in der DDR“ hätte es partout nicht gebraucht. Er ist ein Kropf, denn auch im eindrücklichen Werk der Leipziger Regisseurin Barbara Wallbraun geht es um zutiefst Menschliches, das Einzelne im Großen, um Güte im Blick. Retrospektiv? Sehr wohl, und trotzdem heutig. Denn reife Frauen schauen auf ihr gesamtes Leben zurück und nicht nur auf einen kleinen Ausschnitt. Ein bemühter Ost-West-Vergleich wird das Ganze auch nicht.

Erstaunliche Offenheit

Sie hätte gern gewusst, wo sich homosexuelle Frauen in Rostock getroffen haben, sagt Pat, „dann wäre ich schneller mit meinem Coming-out fertig gewesen. Die Lesben musstest du erst später aus den Schubladen holen.“ Pat ist eine von sechs Protagonistinnen neben Christine aus Berlin, Carola aus Dresden, Elke, Sabine und Gisela aus Sachsen-Anhalt. Frauen, die mit ihrer Offenheit verblüffen und für den sehr emotional eingefärbten Grundton sorgen. Barbara Wallbraun gibt ihnen Raum, lässt sie ausreden, hört zu, bebildert Interviewpassagen mit initiierten, nicht vordergründig inszenierten Momenten, macht ihren Film mit behutsam verwebten Animationen und Martin Kohlstedts zurückhaltender Musik rund.

Pat muss schreien, ein einziges Mal, und ihre erwachsene Tochter soll draußen warten. Dass sie trotzdem zusammen in jenes Haus gekommen sind, das Pats dunkelsten Schmerz bündelt, gibt ihr viel. Christiane ist zur Kiezmutter geworden in ihrem Berliner Viertel, eine Kümmerin war sie schon immer. Angegriffen wurde sie, aber nicht zerstört, immer wieder aufgefangen von echten Freunden und Gleichgesinnten. Carola ist längst von der Elbe ans Meer gezogen, Tiere sind um sie herum, denn sehr nahe Menschen und ein Paragraf im Strafgesetzbuch hatten ihr übel mitgespielt. Elke verlor ihre große Liebe durch Krankheit, ein Sohn ist ihr geblieben, der immer auch Symbol war. Sabine und Gisela haben ebenfalls einen Jungen, der zum gemeinsamen geworden ist. Und ein Häuschen, das sie selbst gebaut haben. Zu DDR-Zeiten, das hatte etwas zu bedeuten!

Es sind sehr persönliche Erinnerungen, die sich in „Uferfrauen“ zu einem komplexen Ganzen formen. Die bitteren davon überlagern nicht die Milde und Kraft der Porträtierten, formen sich nie zur plumpen Anklage in Richtung Staat oder Familie. Der Film „preist“ die Jahrzehnte nach 1990 mit ein. Das macht ihn wertvoll. Besonders wertvoll.

„Uferfrauen“ läuft am Donnerstag, Sonnabend, Montag und Dienstag, „Im Stillen laut“ ab 8. Oktober im Zentralkino, Dresden

Außerdem in dieser Woche neu im Kino:

  • Chichinette – Wie ich Spionin wurde
    Unglaublich, die Lebensgeschichte der 99-jährigen Marthe Hoffnung Cohn. In diesem Dokumentarfilm erzählt sie selbst davon. (DD: Zentralkino)

  • Die Rückkehr der Wölfe
    Er ist wieder da! Dieser Dokfilm aus der Schweiz widmet sich auch den kontroversen Ansichten über das reißerische Tier. (DD: Programmkino Ost, Bautzen, Görlitz)

  • Hello Again – Ein Tag für immer
    Romantische Komödie aus hiesigen Landen, in der eine junge Frau versucht, in einer Zeitschleife die Hochzeit eines Kindergartenfreundes zu verhindern. (DD: Cinemaxx, UCI, Ufa, Rundkino, Bautzen, Görlitz, Zittau, Hoyerswerda, Döbeln)

  • Jean Seberg – Aganst all Enemies
    Freie Verfilmung eines Ausschnitts der Biografie von Schauspielerin Jean Seberg. Kristen Stewart spielt die Ikone, als sie als junge Frau in die Fänge des amerikanischen Geheimdienstes FBI gerät. (DD: PK Ost, Schauburg)

  • Über die Unendlichkeit
    Der legendäre Schwede Roy Andersson zelebriert auch in seinem neuen Film wieder seine ausufernde Fantasie. Feinstes Bilderkino! (DD: PK Ost, Schauburg, Zentralkino)

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