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100 Jahre Nachbar der Dresdner Schwebebahn

In dritter Generation wohnt Eberhard Münzner an der Talstation am Veilchenweg. Hier erlebte er schon Rettungseinsätze, Unfälle und viel Gewinke.

Eberhard Münzner wohnt im Haus neben der Talstation. In den 60ern erlebte er hautnah einen Rettungseinsatz mit Notsack.
Eberhard Münzner wohnt im Haus neben der Talstation. In den 60ern erlebte er hautnah einen Rettungseinsatz mit Notsack. © Sven Ellger, privat

Dresden. Nur ein leises Klacken ist zu hören. Fast geräuschlos schwebt die Bahn nur wenige Meter vor dem hübschen Haus mit der gelben Fassade vorbei. "Seit der letzten großen Rekonstruktion 2002 ist sie deutlich leiser geworden", sagt Eberhard Münzner. Für die Strecke von exakt 273,8 Metern braucht die Schwebebahn viereinhalb Minuten.

Auf ihrem Weg den Berg nach Oberloschwitz hinauf schaut der 82-Jährige ihr hinterher, als sei er ein Tourist, und sehe sie zum ersten Mal. Dabei gibt es kaum jemanden in Dresden, der die Schwebebahn schon häufiger beobachtet hat als er. Täglich ist sie ab 9.30 Uhr im Viertelstundentakt unterwegs.

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Vor genau 100 Jahre kaufte sein Großvater Hermann das Grundstück am Veilchenweg unmittelbar neben der Loschwitzer Talstation. Das Haus darauf ist schon deutlich älter als die Bahn und wurde vermutlich um das Jahr 1800 errichtet. Erst 1898 wurde mit dem Bau der Schwebebahn begonnen, die 1901 in Betrieb ging. "Die damaligen Eigentümer waren davon natürlich nicht begeistert, wie historische Dokumente belegen", sagt Eberhard Münzner. Allerdings seien sie entschädigt worden.

2021 kaufte der Großvater von Eberhard Münzner das schmucke Häuschen in Loschwitz.
2021 kaufte der Großvater von Eberhard Münzner das schmucke Häuschen in Loschwitz. © privat, Sven Ellger

Als Hermann Münzner und seine Frau Meta das Haus 1921 erwarben, war die Schwebebahn längst eine Touristenattraktion. Sowohl Hermanns Sohn Gerhard als auch Enkel Eberhard wuchsen mit der Bahn vor ihrer Nase auf und winkten stets freundlich zurück, wenn sie von den Passagieren gegrüßt wurden.

"Wir kennen das gar nicht anders und wir haben uns nie daran gestört", sagt Eberhard Münzner, der nur freundliche Worte über die Nachbarschaft mit den Dresdner Verkehrsbetrieben findet. Gerade erst ist der in die Jahre gekommene grüne Zaun vor seinem Haus ersetzt worden.

"Es ist ein wunderbarer Auftakt für das Jubeljahr 100 Jahre skandalfreie und harmonische Nachbarschaft", schrieb Münzner in einem Brief an die DVB. "Bei passender Gelegenheit werden wir darauf einmal bei mir anstoßen." In Nach-Corona-Zeiten wolle man auf dieses Angebot sehr gern zurückkommen, antworteten die DVB.

Von Dampfmaschinen und Schaffnern

Ausführlich hat sich Eberhard Münzner mit der Geschichte der Bahn beschäftigt. Ganz am Anfang, weiß er, habe es noch zwei Wagen hintereinander gegeben. Deswegen sei auch der Bahnsteig so lang gebaut worden. Bis 1909 wurde die Bahn mit einer Dampfmaschine angetrieben. Seitdem bringt sie ein Gleichstrommotor in Bewegung.

Die technische Konstruktion des Kölner Ingenieurs Eugen Langen sei zu DDR-Zeiten fehlerhaft umgebaut worden. Heute werde der Fahrbahnträger, auf dem die Schiene befestigt ist, wieder von 32 Pendel- und einer Feststütze getragen.

Sein Geld verdiente Münzner einst als Denkmalpfleger und auch heute noch engagiert er sich ehrenamtlich für die Stadt. In einem dicken Ordner hat er Material über die Schwebebahn gesammelt, die seit 1975 selbst unter Denkmalschutz steht. Noch bis 1989 sorgten Schaffner in den Bahnen für Ordnung.

Auch Fotos von einem besonderen Rettungseinsatz im Mai 1963 hat Münzner aufbewahrt. Damals war ein Blitz in die Bahn eingeschlagen und die Gondeln rührten sich nicht mehr. Per Notsack mussten darauf die Fahrgäste in Sicherheit gebracht werden. "Heute könnte das in dieser Form nicht mehr passieren", stellt DVB-Sprecher Falk Lösch klar. Inzwischen verfüge die Bahn über ein Notstromsystem.

Unfälle gab es auf dem Veilchenweg immer mal wieder - und doch überraschend selten. Hier 1931.
Unfälle gab es auf dem Veilchenweg immer mal wieder - und doch überraschend selten. Hier 1931. © Sven Ellger

Nicht immer verhindert werden können dagegen Unfälle auf dem Veilchenweg. So wie 1931, kam es zuletzt auch vor sechs Jahren zu einer Kollision mit einem Möbelwagen. Eberhard Münzner rief damals selbst die Feuerwehr. "Das war ein richtiger Großeinsatz", erinnert er sich. "Der ganze Körnerplatz war voll mit Autos." 43 Fahrgäste wurden aus den beiden Kabinen gerettet, davon 19 über eine Leiter.

Abgesehen von diesen Ereignissen beobachtete Münzner über all die Jahrzehnte vor allem viele glückliche Fahrgäste. "Der Bau der Aussichtsplattform hat für ordentlich Aufschwung gesorgt", sagt er. Allerdings ist das große touristische Potenzial der ersten Bergschwebebahn der Welt seiner Ansicht nach noch nicht ausgereizt. "Immerhin ist das bis heute die einzige ihrer Bauart", sagt Münzner. "Eine neue Gaststätte würde sicher nochmal einen Schub geben."

Gaststätte wurde 1968 geschlossen

Nach der Eröffnung der Schwebebahn 1901 hatte die damalige Dresdner Elektra AG auf dem Berg ein Ausflugslokal errichtet, um damit zusätzliche Fahrgäste zu gewinnen. Der Plan ging auf und die “Loschwitzhöhe” erfreute sich bald großer Beliebtheit. Münzner erinnert sich auch an eine Kegelbahn. 1953 wurde die Gaststätte von der HO übernommen, verfiel aber zusehends. 1968 folgte die Schließung, 1977 wurde das Gebäude abgerissen.

Dass der Schwebebahn selbst ein ähnliches Schicksal erspart blieb, ist für Eberhard Münzner ein Segen. "Ich erfreue mich jeden Tag aufs Neue an der Bahn", sagt er. Inzwischen wohnt er allein in dem Haus an der Talstation. Gern und häufig sitzt er hier auf seinem Balkon und genießt still den Ausblick.

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