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Reiseblogger: "Was normal ist, bestimmen wir"

Zusammen mit seinem Partner Daan erkundet der Dresdner Karl Krause Orte für Liebe jenseits starrer Konventionen. Nun wurden die beiden ausgezeichnet.

Gesucht und gefunden: Daan Colijn (l). und Karl Krause lernten sich in Berlin kennen. Heute leben sie zusammen in Amsterdam.
Gesucht und gefunden: Daan Colijn (l). und Karl Krause lernten sich in Berlin kennen. Heute leben sie zusammen in Amsterdam. © dpa

Dresden. In der Schule hatte Karl eine Freundin. Weil alle eine Freundin hatten. Dabei ahnte er schon mit zwölf, dass er anders sei, weil er die Jungs in der Klasse anders anschaute, als es die anderen taten. "Ich dachte damals, dass das bestimmt nur eine Phase sei", sagt er. Doch auch die Freundin an seiner Seite konnte Karl Krause nicht das Gefühl nehmen, das da etwas fehlt.

Erst nach dem Abitur wagte er sein Coming-out. Da bestand längst kein Zweifel mehr daran: Er ist schwul, und es war höchste Zeit, damit offen umzugehen. Aus dem Erzgebirge, wo er aufwuchs, ging er nach Dresden, wo er ein Medizinstudium begann und seinen ersten Freund kennenlernte.

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Durch seine Reisen mit dem Rucksack durch Europa und Asien entdeckte Karl in sich ein Bedürfnis nach Freiheit, das er so bis dahin nicht kannte. Als sein Freund sich trennte, schmiss er das Studium und ging nach Berlin, um dort Kunstgeschichte und Germanistik zu studieren.

2019 schossen die beiden noch ein Selfie auf dem Striezelmarkt in Dresden, der dieses Jahr ausfällt.
2019 schossen die beiden noch ein Selfie auf dem Striezelmarkt in Dresden, der dieses Jahr ausfällt. © Couple of Men / Karl Krause & Daan Colijn

In der Hauptstadt traf er den Holländer Daan Colijn und verliebte sich. Gemeinsam zogen sie in Amsterdam zusammen und leben nun schon sieben Jahre glücklich Seite an Seite.

Ganz nebenbei ist Karl in dieser Zeit auch noch Vater eines Sohnes und einer Tochter geworden. Ein befreundetes lesbisches Paar hatte ihn gefragt, ob er sich das vorstellen könne. Und das konnte er. "Ich hatte sowieso immer das Bedürfnis, eine Familie zu gründen", sagt Karl. Nun hatte er alles, auch wenn er seine Kinder nicht im Alltag aufwachsen sieht.

Seine Eltern, die sich anfangs noch schwergetan hätten, seine Homosexualität zu akzeptieren, haben Daan längst genauso in ihr Herz geschlossen wie ihre beiden Enkel.

Karl und Daan nutzten unterdessen ihre gemeinsame Vorliebe zum Reisen und Entdecken, um im Internet auch andere an ihren Erlebnissen teilhaben zu lassen. Auf ihrem Blog "Couple of Men" erzählen sie in Wort und Bild von den besten Restaurants, den coolsten Partys und den schönsten Orten speziell für Menschen, die sich nicht in das starre Mann-Frau-Schema pressen lassen wollen: lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, intersexuelle und queere Reisende.

"Ich komme aus einer Generation, die zeigen will, dass nicht nur das normal ist, was immer sozial anerkannt war", sagt Karl. "Was normal ist, bestimmen wir selbst."

Karl hat einen Sohn und Tochter, die er liebt, auch wenn sie im Alltag nicht gemeinsam leben.
Karl hat einen Sohn und Tochter, die er liebt, auch wenn sie im Alltag nicht gemeinsam leben. © Couple of Men / Karl Krause & Daan Colijn

Um sich für diesen Gedanken einzusetzen, ging er nach seinem Abschluss unter anderem zurück an sein Gymnasium und setzte dort ein Aufklärungsprojekt um. Nicht zuletzt, um andere zu einem früheren Coming-out zu ermutigen. In Dresden organisierte er später den Christopher-Street-Day mit und engagierte sich im Gerede e.V., einem der größten Vereine in Ostdeutschland, die sich für die Gleichberechtigung jeglicher Formen von Liebe und Partnerschaft einsetzen.

"Heute verbinden Daan und ich den Luxus des Reisens mit der Möglichkeit, ein Stück Gleichheit und Vielfalt in die Welt hinauszutragen", sagt Karl. "Aufklärungsarbeit ist bis heute ein fester Bestandteil unserer Arbeit, um eine freie, friedliche Welt für jeden zu schaffen."

Während Karl nebenbei noch freiberuflich als Werbetexter und Übersetzer arbeitet, können er und Daan auch mehr und mehr von der Aufmerksamkeit leben, die sie mit ihren Auftritten auf sämtlichen sozialen Plattformen generieren.

Seit wenigen Tagen ist diese Aufmerksamkeit noch einmal merklich gestiegen. Der weltweit bekannte Reiseführer "Lonely Planet" zeichnete in diesem Jahr unter dem Eindruck der Corona-Krise erstmals nicht die hippsten Orte aus, sondern würdigte Menschen und Gruppen, die die Reisebranche verändern.

In der Kategorie Vielfalt ging der Preis dabei an "Couple of Men". "Mit seinen fesselnden Inhalten und den fantastischen Fotos ist der Blog eine wahre Fundgrube an Informationen über Reiseziele, Unterkünfte, Restaurants, Bars, Aktivitäten und Ausflüge für LGBTIQ+", begründete "Lonely Planet" die Auszeichnung, wobei "LGBTIQ+" eine international gebräuchliche Abkürzung für Menschen aller Geschlechteridentitäten und sexuellen Vorlieben ist.

Auch den Grand Canyon in Nevada erkundete das "Couple of Men" schon.
Auch den Grand Canyon in Nevada erkundete das "Couple of Men" schon. © Couple of Men / Karl Krause & Daan Colijn

Karl und Daan sind stolz auf die überraschende Ehrung, von der sie auf dem Weg nach Dresden per E-Mail erfuhren. "Wir sind der Meinung, dass die Reisebranche ihren Fokus auf die Vielfalt unserer Community legen und damit integrativer werden sollte", sagt Karl. Dass man eine auf schwule Männer ausgerichtete Unterkunft oder Reise anbiete, bedeute noch nicht, dass man tatsächlich den Bedürfnissen und Wünschen einer breiteren Community gerecht werde.

Auf diesem Weg seien noch viele Schritte nötig. Und keine Frage: Diese beiden haben große Lust darauf, ein Stück weit voranzugehen.


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