merken
PLUS Dresden

Warum Dresdens ältester Schulweghelfer Kult ist

Wenn der 88-jährige Werner Niehle morgens seine Kellen schwingt, erzieht er nicht nur Schüler. Seine Zunft braucht jedoch dringend Nachwuchs.

Werner Niehle hat an seinem Platz vor der 68. Grundschule an der Heiligenbornstraße für jeden ein Lächeln übrig - solange die Regeln beachtet werden.
Werner Niehle hat an seinem Platz vor der 68. Grundschule an der Heiligenbornstraße für jeden ein Lächeln übrig - solange die Regeln beachtet werden. © René Meinig

Dresden. Sein Testament ist zwei Seiten lang. Das Dokument trägt den Titel "Wie ich, Verkehrshelfer vor der 68. GS, für einen geordneten Ablauf sorge". In neun Punkten beschreibt Werner Niehle darin detailliert, wie er seine Aufgabe in der Praxis umsetzt, wann er winkt, wann er "Stopp!" ruft, und warum er sich nicht aufregt. "Wenn ich einmal nicht mehr da bin, dann möchte ich, dass mein Nachfolger dieses Schreiben bekommt", sagt der 88-Jährige, der allerdings keineswegs vorhat, in näherer Zukunft den Dienst zu quittieren.

Seit 13 Jahren ist Niehle jeden Morgen als Schulweghelfer vor der 68. Grundschule an der Heiligenbornstraße in Leubnitz-Neuostra im Einsatz. Damit ist er einer von 33 Lotsen, die Dresdner Kindern morgens einen sicheren Weg in die Schule ermöglichen.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Voller Einsatz mit zwei Kellen: Werner Niehle ist in seinem Element.
Voller Einsatz mit zwei Kellen: Werner Niehle ist in seinem Element. © René Meinig

Kurz vor 7 Uhr rollt der Mann mit der leuchtend gelben Weste und der etwas ausgeblichenen roten Ferrari-Kappe mit dem Fahrrad herbei. Zwar hat er zwei künstliche Kniegelenke und ließ sich erst kürzlich die Augen operieren - in puncto Fitness ist er aber Vorbild für so manchen Jungspund. Stolz erzählt der erfahrene Bergsteiger, dass erst vor zwei Wochen auf dem Gipfel der Kleinen Herkulessäule in der Sächsischen Schweiz gestanden habe. Da kann ihm die Dreiviertelstunde am Straßenrand doch nichts ausmachen.

Auf dem Dorf in Thüringen aufgewachsen, lernte er zunächst Huf- und Wagenschmied, arbeitete dann als Lkw-Fahrer, Autoschlosser und ab 1960 bis zur Wende als Mathelehrer. Über seine Wandergruppe führte ihn 2001 sein Weg nach Dresden, wo er eines Tages beim Bäcker den Aufruf las, sich als Schulweghelfer zu melden.

Bereits kurze Zeit später fand er seinen Platz vor der 68. Grundschule, wo ihn längst alle Schüler und Eltern kennen - mit Ausnahme der neuen Erstklässler. Die kommen an diesem Montagmorgen noch an der Hand ihrer Mamas und Papas zur Schule und werden sogleich von Werner Niehle herangewinkt. "Hallo, immer zu mir gucken und nicht einfach rüberlaufen", ruft er. Nicht nur die Kinder werden von ihm erzogen. Die Erwachsenen gleich mit.

Bei Ärger leidet die Konzentration

Dabei dirigiert er gleich mit zwei Kellen. Mit einer sperrt er ab, mit der anderen winkt er abwechselnd die Autos vorbei oder die Fußgänger über die Straße. So energisch geht er dabei zur Sache, dass ihm schon eine Kelle abgebrochen ist. Aber kein Problem, ein altes Stück Gartenschlauch fungiert seitdem als neuer Griff. Das sei eben gelernte DDR-Mentalität, sagt er.

Werner Niehle nimmt seinen Job ernst. Niemand geht hier einfach so über die Straße, schon gar nicht schräg oder zwischen Autos hindurch. Seine wichtigsten Regeln: Die Kinder am Bordstein anhalten und selbst schauen lassen - und keinen Stau erzeugen. Direkt im Kreuzungsbereich soll nach Möglichkeit überhaupt kein Auto anhalten oder wenden. "Mit der Zeit habe ich mitbekommen, dass die Autofahrer auch dann auf ein Zeichen von mir warten, wenn gar keine Kinder in der Nähe sind."

Überhaupt habe sich sein Stil als Schulweghelfer verändert. Sei er anfangs noch aufbrausend und belehrend aufgetreten und regelmäßig auf die Straße gesprungen, agiere er heute weitaus gelassener. "Wenn ich mich ärgere, leidet nur die Konzentration", betont er. Auch diese Weisheit hat er in dem Dokument niedergeschrieben, dass er nur halb im Spaß sein "Testament" nennt.

Peter Samuel leitet die Verkehrswacht Dresden und koordiniert die Einsätze der Schulweghelfer.
Peter Samuel leitet die Verkehrswacht Dresden und koordiniert die Einsätze der Schulweghelfer. © René Meinig

An diesem Montagmorgen schauen auch zwei Polizeibeamte an der Schule vorbei und wollen sich für die Aktion "Sicherer Schulweg" ein Bild von der Verkehrslage machen. Hier an der Heiligenbornstraße haben sie allerdings nichts zu beanstanden - vor allem dank Werner Niehle.

Eingesetzt und koordiniert werden die ehrenamtlichen Helfer von Peter Samuel, dem Chef der Verkehrswacht Dresden. Er weiß genau, was er an seinem ältesten Schulweghelfer hat. "Herr Niehle ist über die Jahre immer zuverlässig gewesen und wirklich mit Leib und Seele dabei", schwärmt Samuel, der hofft, bald wieder Nachwuchs für das Ehrenamt gewinnen zu können.

"Wir suchen gerade händeringend neue Schulweghelfer", sagt er. Seine 33 Freiwilligen sind eine gute Basis. "Ich könnte aber locker doppelt so viele gebrauchen." Viermal im Jahr bekommen die Helfer obligatorische Schulungen im Verkehrsrecht und der Ersten Hilfe für Kinder. Außerdem gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung.

Werner Niehle weiß auch nach 13 Jahre noch genau, warum er das macht. "Es ist wunderschön, den Tag mit dem Lächeln eines Kindes und dem Danke der Eltern zu beginnen", sagt er. "Und es ist ein gutes Gefühl, im Alter noch gebraucht zu werden."

Wer selbst Schulweghelfer in Dresden werden möchte, kann sich unter 0351/4859810 an Peter Samuel von der Verkehrswacht wenden.

Mehr zum Thema Dresden