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Harte Worte im Dresdner Klinik-Gutachten

Wirtschaftsberater sollten die Krankenhäuser Neustadt und Friedrichstadt unter die Lupe nehmen. Welchen Zustand sie ihnen bescheinigen.

Wirtschaftsberater regen eine Neuausrichtung des Städtischen Klinikums in Dresden an.
Wirtschaftsberater regen eine Neuausrichtung des Städtischen Klinikums in Dresden an. © Sven Ellger (Archiv)

Dresden. Hüftgelenke werden ersetzt, Kinder zur Welt gebracht, Gallenblasen entfernt: Die beiden Krankenhäuser in Friedrichstadt und Trachau sind aus der Dresdner Kliniklandschaft kaum wegzudenken. Wer kennt in seiner Familie niemanden, der dort noch nicht behandelt wurde? Trotzdem können die beiden Häuser nicht so weiterarbeiten wie bisher.

Zu dieser Einschätzung kommen Unternehmensberater von Ernst & Young. Der Stadtrat hatte sie beauftragt und dafür eine halbe Million Euro zur Verfügung gestellt. Ihr Gutachten ist nun die Grundlage für das Krankenhaus-Zukunftskonzept. Aber was steht drin? Wie schätzen die Berater die Gesundheit der beiden Krankenhäuser ein? Was läuft gut, was schlecht? Das sind die wichtigsten Punkte.

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Punkt 1: Allein mehr Patienten reichen nicht

Im Jahr vor der Corona-Pandemie, also 2019, sind am Städtischen Klinikum reichlich 55.500 stationäre Fälle sowie fast 128.000 ambulante Fälle versorgt worden. Damit befanden sich die kommunalen Krankenhäuser vor der Krise auf einem leichten Erholungskurs. Doch das allein reicht nicht, machen die Berater klar.

Um auch mehr Geld von den Krankenkassen zu bekommen, müssten mehr Patienten mit schweren Leiden behandelt werden. Die Berater sprechen vom sogenannten Case Mix, also der Mischung aus leichten und schweren Fällen, die stimmen muss. Dieser Mix habe sich 2019 aus finanzieller Sicht zwar verbessert, aber nicht stark genug. Noch mehr Patienten wären nötig gewesen, ebenso eine „Steigerung des Schweregrades“, heißt es nüchtern.

Eine Analyse habe gezeigt, dass rund 61 Prozent der Fälle unkomplizierte Krankheiten sind. Bei 34 Prozent handle es sich um klassische Krankheitsbilder und bei fünf Prozent um seltene Krankheiten. Damit liege das Klinikum auf dem Niveau eines Grundversorgers. „Um das Profil eines Schwerpunktversorgers zu erreichen, ist das medizinische Angebot auf die Versorgung komplexerer Fälle auszurichten.“

Punkt 2: Mitarbeiter sind nicht produktiv genug

Überlastungsanzeigen und geschlossene Intensivstationen waren in den vergangenen Jahren ein deutlicher Ausdruck dafür, dass zu wenige Pfleger im Klinikum tätig waren. Auch Chef- und Oberarztstellen waren zeitweise unbesetzt. Die Aufstockung des Personals galt somit als eine Errungenschaft, um die Patientenversorgung zu sichern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

So ist die Zahl der Vollzeitstellen im Pflegebereich seit 2017 von 924 auf 1.036 gestiegen. Doch die Unternehmensberater kritisieren das und finden dafür einen Ausdruck, der für die Pflegekräfte und Ärzte ein Schlag ins Gesicht sein dürfte. „Das Leistungsgeschehen ist weiterhin geprägt von niedriger Auslastung und geringer Produktivität“, heißt es in dem Gutachten.

Wie die Wirtschaftsexperten das festmachen? Sie setzen die Zahl der Vollzeitstellen ins Verhältnis zum erreichten Fallmix. Sowohl die Ärzte als auch die Pfleger würden hier deutlich unter dem Vergleichsmaßstab ähnlich großer und ähnlich aufgebauter Krankenhäuser liegen. Auch das habe zu dem schlechten Jahresergebnis 2019 beigetragen, als das Klinikum einen Verlust von fast zwölf Millionen Euro machte. „Trotz gestiegener Umsatzerlöse ist das Klinikum nicht in der Lage, die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren, da insbesondere der Personalaufwand trotz geringer Auslastung gesteigert wurde.“

Punkt 3: Klinikum hat eine starke Konkurrenz

In unmittelbarer Umgebung hat das Städtische Klinikum gleich 14 Wettbewerber. Stärkster Konkurrent sei das Universitätsklinikum, heißt es im Gutachten. Aber auch das Radebeuler, das Radeberger, das Pirnaer und das Fachkrankenhaus in Coswig sorgten für einen großen Druck, da dort zu einem nicht unerheblichen Teil dieselben Leistungen angeboten werden. Das betreffe vor allem die Gynäkologie und Geburtshilfe, die Allgemeinchirurgie, die Innere Medizin und die Neurologie.

Problematisch sei, dass die Fachgebiete, auf denen das Klinikum seine Konkurrenz zurücklässt, in den nächsten Jahren in der stationären Versorgung zunehmend an Bedeutung verlieren. So werden Eingriffe am Auge, aber auch an der Haut immer häufiger ambulant durchgeführt.

Das Städtische Klinikum müsse nun den Wettbewerbsvorteil der geografischen Lage nutzen und um zukunftsweisende Leistungsschwerpunkte ergänzen, empfehlen die Ernst-&-Young-Berater. Das gelinge durch die Bildung von medizinischen Zentren. In einem Kopfzentrum könnten zum Beispiel die Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie und die Neurochirurgie gebündelt werden. Dasselbe sei bei den zahlreichen internistischen und chirurgischen Abteilungen möglich, die es in Trachau und Friedrichstadt gibt.

Außerdem sollten die Kardiologie, die Orthopädie und die Altersmedizin ausgebaut werden. Alle drei Bereiche könnten von einer älter werdenden und wachsenden Stadtgesellschaft profitieren.

Punkt 4: Beibehaltung aktueller Strukturen ist die schlechte Wahl

Inzwischen ist klar, wie das Städtische Klinikum aussehen soll. Der Plan sieht vor, die stationäre Versorgung in Trachau bis 2035 einzustellen. Die Abteilungen ziehen nach Friedrichstadt, wo weitere medizinische Zentren aufgebaut werden. Zurück bleiben in Trachau eine Notaufnahme mit zehn angeschlossenen Betten zur Überwachung, ein ambulantes OP-Zentrum sowie Pflegeangebote. Abgesehen von der Neurologie sollen aber alle Kliniken noch mindestens zehn, zwölf Jahre an der Industriestraße bleiben, bevor sie umziehen.

Links und rechts der Industriestraße soll ein Gesundheitsquartier mit ambulanten Angeboten, ambulantem OP-Zentrum, Notfallzentrum, Pflege- und Wohnangeboten und kommunalen Beratungsangeboten entstehen.
Links und rechts der Industriestraße soll ein Gesundheitsquartier mit ambulanten Angeboten, ambulantem OP-Zentrum, Notfallzentrum, Pflege- und Wohnangeboten und kommunalen Beratungsangeboten entstehen. © STESAD/Stadtverwaltung Dresden

Den Status quo beizubehalten, wäre aus Sicht der Berater die schlechteste aller Entscheidungen. Das Klinikum würde auch in den nächsten 20 Jahren Verluste im niedrigen zweistelligen Millionenbereich schreiben. Gründe seien unter anderem die Doppelstrukturen an beiden Standorten, aber auch die bauliche Situation in Trachau, die ungeeignet sei, um ein modernes Krankenhaus zu betreiben.

Was für den Status quo spricht: In diesem Szenario würde das Einzugsgebiet nicht verkleinert, „was potenziell in einer höheren Befürwortung der Dresdner Bevölkerung resultiert“, so die Gutachter. Außerdem wären die Investitionskosten im Vergleich aller dargelegten Szenarien am niedrigsten.

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Immerhin, der Verlust sei im vergangenen Jahr reduziert worden, so Krankenhaus-Direktor Marcus Polle. Er betrug seinen Angaben zufolge rund 3,9 Millionen Euro. Wobei 2020 wegen der Pandemie nicht als ein normales Jahr in die Krankenhausgeschichte eingehen wird.

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