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Der letzte Ballonfahrer aus Leidenschaft

Den Heißluftballon "Bunte Anneliese" von Thomas Ruchay haben seine Kinder gestaltet. Doch der Dresdner fühlt sich als aussterbende Gattung.

Mit seiner "Bunten Anneliese" geht Thomas Ruchay auf Abenteuerreisen.
Mit seiner "Bunten Anneliese" geht Thomas Ruchay auf Abenteuerreisen. © Martin Borgards

Dresden. Ein Ballon! Ein Ballon! Für Kinderaugen sind die majestätischen Gefährte am Himmel noch immer eine kleine Sensation. Oft treten sie auch über Dresden gleich im Rudel auf - wenn es nicht gerade regnet oder schneit, nicht zu windig und idealerweise sogar sonnig ist.

Für die meisten der etwa 25 Piloten in Dresden hält sich der Abenteuerfaktor allerdings heutzutage in Grenzen. Für sie und ihre Luftfahrtunternehmen sind die Ausflüge ein knallhartes Geschäft: Mindestens sechs zahlende Gästen müssen sie an Bord haben, bei mindestens 50 bis 60 Fahrten im Jahr, damit sich der Aufwand lohnt.

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Den leidenschaftlichen Ballonfahrer, der sich aus Spaß an der Freude in die Lüfte erhebt, den gibt es praktisch nicht mehr. Mit einer Ausnahme. Thomas Ruchay betrachtet sich selbst als aussterbende Gattung. "Als ich vor 30 Jahren angefangen habe, gab es noch eine richtige Gemeinschaft", sagt der 51-Jährige. In den 90er-Jahren habe es dann nochmal einen zweiten Aufschwung gegeben. "Heute ist das Ballonfahren als Hobby aber praktisch tot. Es ist wirklich ein Trauerspiel."

Thomas Ruchay will das sportliche Ballonfahren bewahren.
Thomas Ruchay will das sportliche Ballonfahren bewahren. © Karsten Prausse

Was früher für die Gäste noch ein atemberaubendes Erlebnis war, sei heute oftmals ein Punkt auf der To-do-Liste, der abgehakt werde müsse. "Die Urkunde wird dann gefaltet und weggepackt", sagt Ruchay, und danach müsse noch Bungee-Jumping und Tandemsprung abgearbeitet werden.

Für ihn selbst war das immer anders. Noch heute, nach Tausenden Fahrten, sei es für ihn jedes Mal wieder ein erhabenes Gefühl, wenn der Korb vom Boden abhebt und sich die Perspektive auf die Welt verändert. Bei kommerziellen Fahrten rücke dieses Gefühl in den Hintergrund, aber gerade früh morgens in der Dämmerung zu starten und den Sonnenaufgang von oben zu erleben, das sei einfach unbeschreiblich schön. Zumal man mit einem Ballon fast von überall starten dürfe. Eine Fläche, groß wie ein halbes Fußballfeld, reiche aus.

Landungen in der Innenstadt von Dresden sind verboten

Bei aller Romantik wollen dabei natürlich auch die Besitzer der Flächen mitverdienen. Für seine Starterlaubnis am Königufer zahlt Ruchay 400 Euro im Jahr. Für das Ostragehege sind nur 50 Euro fällig. Landungen sind in der Dresdner Innenstadt verboten. Der Wind müsse daher nach einem Start hier mindestens so kräftig sein, dass er den Ballon innerhalb von zwei Stunden bis zur Stadtgrenze bringt.

Ruchay stammt aus Stuttgart und kam vor 14 Jahren nach Dresden. Als junger Mann wollte er sich ein bisschen Geld dazu verdienen und half in einer Bodencrew aus, die die Fahrzeuge während der Ballonfahrten von A nach B brachte. "Irgendwann wurden dann dringend Piloten gesucht", erinnert er sich und wenig später habe er selbst den Schein in den Händen gehabt.

Seitdem habe ihn die Leidenschaft nicht mehr losgelassen, auch wenn die Fahrten neben seinem Vollzeit-Job bei Infineon gut eingetaktet werden wollen. Seine Bunte Anneliese sei heute eine Teil der Familie. Mit einem Hüllenvolumen von 3.000 Kubikmetern und einer Höhe von 20 Metern gehört Anneliese eher zu den kleinen Exemplaren, ist dafür aber ein echtes Unikat. "Meine drei Kinder haben die Hülle selbst gestaltet", sagt Ruchay nicht ohne Stolz.

Die "Bunte Anneliese" gehört zwar zu den kleineren Ballons, ist dafür aber ein Unikat.
Die "Bunte Anneliese" gehört zwar zu den kleineren Ballons, ist dafür aber ein Unikat. © Karsten Prausse

Zwar hat auch Ruchay ein Luftfahrtunternehmen angemeldet, doch Gäste hatte er in diesem Jahr bislang erst vier Mal im Korb. 85 Mal mal ist er dagegen mit Fahrschülern unterwegs gewesen. Die meisten Dresdner Ballonfahrer hat er selbst geprüft. In ganz Sachsen gibt es neben ihm nur einen weiteren Ausbilder. 

Zwar lässt sich so ein Heißluftballon in der Luft nicht aktiv steuern, ganz den Kräften der Natur ist man dann aber doch nicht ausgeliefert. "Leider ist das sportliche Ballonfahren völlig aus der Mode gekommen", sagt Ruchay. Er selbst sei der einzige Dresdner, der sein Können noch regelmäßig mit anderen misst.

Erst kürzlich nahm er an der inoffiziellen Deutschen Meisterschaft in Warstein teil, bei der Hobbyfahrer wie er auf die Besten aus der Nationalmannschaft treffen. Entsprechend knifflig sind die Herausforderungen. In einer Disziplin muss bei der Landung ein Kreuz in der Landschaft getroffen werden, in einer anderen muss man sich so lange wie möglich innerhalb bestimmter Koordinaten aufhalten. Wie das mit einem Ballon möglich ist? "In unterschiedlichen Luftschichten gibt es verschiedene Windrichtungen", erklärt Ruchay. "Dafür muss man ein Gefühl entwickeln."

Mit "Anneliese" beim Weltrekord dabei

Dreimal war Ruchay bereits bei Europas größtem Ballontreffen in Frankreich dabei und beteiligte sich mit seiner Bunten Anneliese vor zwei Jahren sogar an einem Weltrekord. 756 Ballons starteten damals zeitgleich nebeneinander.

Ein weiterer persönlicher Höhepunkt soll bald folgen. Zum ersten Mal will Ruchay gemeinsam mit 80 anderen Ballonfahrern den Ärmelkanal überqueren. Die Route führt 50 Kilometer über Wasser. Wenn der Veranstalter irgendwann zwischen November und April das Startzeichen gibt, bleiben Ruchay 24 Stunden, bevor es los geht. "Alles steht schon gepackt in der Garage", sagt er. 

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Am liebsten würde auch Ruchays 15-jähriger Sohn Leo mitkommen, der gerade seine Ausbildung als Ballonfahrer absolviert. Für einen eigenen Start kommt der Ärmelkanal zwar noch zu früh, aber immerhin: Der erste Nachwuchs für eine aussterbende Leidenschaft scheint gesichert zu sein.

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