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Die Tipps der Dresdner Aufräum-Trainer

Wer daheim im Chaos versinkt, kann sich Hilfe von zwei Dresdnerinnen holen. Dabei geht es nicht nur ums Wegwerfen - sondern ums Loslassen.

Hempels Schwestern stehen zu Diensten: Sabrina Rox (l.) und Johanna Lemke helfen den Dresdnern beim Ausmisten.
Hempels Schwestern stehen zu Diensten: Sabrina Rox (l.) und Johanna Lemke helfen den Dresdnern beim Ausmisten. © Christian Juppe

Dresden. So eine Besteckschublade ist doch wie eine Wohnung im Kleinen. Da gibt es die Bereiche, in denen alles an seinem Platz ist und jeden Tag genutzt wird, und genauso gibt es die Ecken, in denen man selbst schon lange den Überblick verloren hat, was dort eigentlich rumdümpelt. Brauche ich wirklich zwei Nussknacker? Habe ich den Eierschneider jemals benutzt? Und was ist das dort überhaupt für ein Teil?

Wenn es in der Wohnung immer voller wird und all die Kisten, Kannen und Kleider nicht mehr genug Platz finden, dann könnte es an der Zeit sein, einen Aufträum-Trainer zu engagieren. Mit der japanischen Bestsellerautorin Marie Kondō ist das Ordnung schaffen in den vergangenen Jahren zum Lifestyle-Trend geworden. Doch nicht jeder ist dafür gleichermaßen geeignet.

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Bevor Sabrina Rox und Johanna Lemke auf die Idee kamen, anderen beim Ausmisten zu helfen, haben die beiden Dresdnerinnen erst einmal bei sich selbst daheim angefangen. Unabhängig voneinander entschieden sie, sich von einem großen Teil ihrer Besitztümer zu trennen. Sabrina behielt nur 15 Bücher in Ehren und entsorgte unter anderem all ihre Tagebücher. "Ich war selbst überrascht, wie gut mir das getan hat", sagt die 40-jährige Mutter von zwei Kindern.

In der Besteckschublade geht es vor allem um die Übersicht.
In der Besteckschublade geht es vor allem um die Übersicht. © Christian Juppe

In ihrem Hauptberuf ist Sabrina Bühnenbildnerin und stellt sich auch dort regelmäßig der Herausforderung, mit einem begrenzen Platz schöne Dinge anzustellen. Die 39-jährige Johanna ist Theaterwissenschaftlerin und seit vielen Jahren Redakteurin bei der Sächsischen Zeitung. Einst lernten sie sich über die Arbeit kennen. Heute teilen sie eine Freundschaft, einen Schrebergarten und seit wenigen Wochen auch ein Geschäftskonto. Sie sind jetzt offiziell Aufräum-Couches. "Hempels Schwestern" nennen sie ihr Projekt.

"Das sollte eigentlich nur ein Arbeitstitel sein, hat uns aber mit der Zeit immer besser gefallen", sagt Johanna. Angefangen habe alles im vergangenen Frühjahr während des ersten Corona-Lockdowns. Da hätten sie im Garten gemeinsam auf der Hollywoodschaukel gesessen und rumgesponnen. Irgendwann habe Johanna gesagt: "Du, ich meine das ein bisschen ernst." Und Sabrina antwortete: "Ich auch."

Wenige Wochen später hatten sie eine erste Homepage entworfen. Es dauerte aber noch bis Oktober, ehe sie sich bereit fühlten für die ersten Aufträge. "Bis dahin hatten wir schon viel bei Freunden und Freunden von Freunden aufgeräumt", sagt Sabrina. Das Feedback sei danach immer dasselbe gewesen: Die Leute waren dankbar, von einer Belastung befreit worden zu sein. Schnell hätten sie erkannt, dass sie sich auf weniger und dafür bessere Dinge konzentrieren können - und sogar Geld sparen, wenn sie das Raclette bei Bekannten leihen, statt es gleich selbst zu kaufen.

Bei Hempels Schwestern geht es mitnichten nur ums Aufräumen und Wegwerfen. "Viel mehr geht es ums Loslassen", sagt Johanna. "Der wichtigste Prozess findet im Kopf statt." Ab und an müsse man sich Fragen stellen wie: Was brauche ich wirklich? Was tut mir gut? Kann ich womöglich in meinem Leben neuen Platz gewinnen, wenn ich mich von Dingen trenne?

Wie viele Klamotten brauche ich wirklich? Ausmisten ist in erster Linie Kopfsache.
Wie viele Klamotten brauche ich wirklich? Ausmisten ist in erster Linie Kopfsache. © Christian Juppe

Sich bei diesen Entscheidungen helfen zu lassen, braucht Vertrauen. "Niemand muss befürchten, dass wir mit großen Müllsäcken in die Wohnung stürmen und alles reinwerfen, was uns nicht passt", betont Sabrina. Jeder Schritt werde gemeinsam gegangen. Meist verbringe man etwa drei Stunden miteinander, in denen mindestens so viel geredet wie geräumt wird.

Die meisten Kunden seien am Anfang eher zurückhaltend, kämen aber von Minute zu Minute besser in den Flow. "Und wenn ich mit einer Kundin eben buchstäblich alles bis zur letzten Stecknadel durchgehe, dann ist auch das in Ordnung" sagt Johanna.

Meist widme man sich gemeinsam nur zwei oder drei Zimmern. Wer einmal das System verinnerlicht habe, könne dann oft allein weitermachen.

Während es bei jüngeren Menschen eher darum ginge, unbeschwerter in die Zukunft zu gehen, stellten sich Ältere die Frage: Was will ich meinen Kindern hinterlassen? Sollen die das alles mal allein aus- und aufräumen, wenn ich plötzlich ins Pflegeheim muss?

So verschieden die Motivation ihrer Kunden ist, so gleich ist doch ihr Wunsch: Sie möchten weniger besitzen, um letztlich mehr davon zu haben. "Jedes Ding braucht in der Wohnung seinen festen Platz", rät Sabrina. "Typische Wandergegenstände sind oft ein Zeichen dafür, dass sie womöglich überflüssig sind."

Virtuelle Hilfe in Corona-Zeiten

Dasselbe gelte für das dritte Shampoo und das vierte Duschgel. Im Kleiderschrank von Frauen seien erfahrungsgemäß zwei Drittel der Sachen entbehrlich. In Regalen und Schubladen sollten die Inhalte vor allem auf den ersten Blick zu erfassen sein. "Solange nur die Böden bedeckt sind, ist alles gut. Wenn man anfangen muss, zu wühlen, dann sollte man etwas tun."

Wenn man mal wieder vor der Frage steht, ob der Wand noch ein Regalbrett guttun würde, dann solle man im Zweifel lieber darauf verzichten, raten die Aufräum-Expertinnen. Dann wenn es einmal da sei, dann fülle es sich auch.

Da auch Hempels Schwestern unter den aktuellen Corona-Bedingungen keine Hausbesuche machen können, bieten sie seit einiger Zeit virtuelle Hilfe über Videokonferenzen an. "Erst neulich habe ich so in Hamburg eine Küche aufgeräumt, in der ich nie selbst war", sagt Sabrina. "Das funktioniert erstaunlich gut." Manch einem Kunden falle die Zusammenarbeit auf diese Weise sogar leichter, weil er sonst Hemmungen hätte, einem Fremden das eigene Chaos zuzumuten.

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