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VW beendet Ära der Cargo-Tram in Dresden

Die blauen Güterstraßenbahnen sind inzwischen reichlich 20 Jahre alt. Die Manufaktur nennt mehrere Gründe für ihr Ende.

Dieses Bild ist fast 21 Jahre alt. Im Januar 2001 absolvierte eine CargoTram eine Testfahrt durch Dresden.
Dieses Bild ist fast 21 Jahre alt. Im Januar 2001 absolvierte eine CargoTram eine Testfahrt durch Dresden. ©  Archiv/dpa

Dresden. Der Fahrplan endet kurz vor Weihnachten, die letzte Fahrt soll kurz vor dem 24. Dezember stattfinden. VW gibt die Güterstraßenbahn auf. Die Cargo-Tram wird nicht mehr gebraucht, sie hat ausgedient. Was aus den zwei langen blauen Zügen wird, die regelmäßig zwischen der Friedrichstadt und der Gläsernen Manufaktur am Straßburger Platz im Einsatz waren, steht noch nicht fest. 

Sicher ist nur: Am 22. oder 23. Dezember wird zum letzten Mal eine der blauen Bahnen fahren. Nicht, um VW zu beliefern, sondern um dort letzte Teile und Gegenstände abzuholen, die bis dahin für die Produktion des E-Golfs gebraucht wurden. Dann beginnt in der Manufaktur endgültig die Zeit der Elektroautos.

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Volkswagen setzt auf ein neues Logistikkonzept

Mario Blank ist seit fast vier Jahren Logistikchef im VW-Werk am Straßburger Platz. Der 49-Jährige erklärt das Aus für die blauen Züge mit dem Teilebedarf und den Lieferstrecken für die Produktion des ID.3. Bisher funktioniert das so: Pro Tag kommen etwa 25 Laster mit Golf-Teilen im VW-Lager in der Friedrichstadt an. Dort wird in die Straßenbahnen umgeladen, die dann zum Straßburger Platz fahren. Aus "halb Europa" seien die Teile bisher gekommen, sogar aus der Türkei.

Nun setzt VW auf ein neues Logistikkonzept. Weil der ID.3 künftig auch in Zwickau vom Band läuft und in dem großen Werk viel mehr Autos gebaut werden, als in Dresden, wird in Zukunft künftig von dort an die Elbe geliefert. "Der eine Behälter hinten in der Ecke im Lkw" falle bei den Lieferungen nach Zwickau kaum ins Gewicht. 

Von dort bringen dann andere Laster die Teile nach Dresden. Vier, statt bisher 25, so Blank. Die fahren dann direkt zur Manufaktur, die blauen Straßenbahnen werden deshalb nicht mehr gebraucht. Das habe auch einen positiven Umwelteffekt für die Stadt, argumentiert der Logistikchef der Manufaktur, schließlich müssten künftig weniger Laster das VW-Werk in die Stadt fahren. Dass sie dafür bis ins Zentrum müssen, ist natürlich weniger schön, das weiß auch Mario Blank.

Cargo-Tram sollte noch andere Unternehmen beliefern

Bei ihrem Start Anfang 2001 wurde die Güterstraßenbahn für so zukunftsfähig gehalten, dass damit sogar Lieferungen für andere Dresdner Unternehmen im Gespräch waren, etwa für große Warenhäuser. Es blieb schließlich bei VW. Aus Sicht der Manufaktur spricht noch etwas anderes als die neuen Lieferketten für das Aus der blauen Züge. Sie sind in die Jahre gekommen. "Sie sind alt und inzwischen sehr kostenaufwendig", sagt Mario Blank. "Durch ihr Alter sind die Kosten nach oben gegangen", manche Ersatzteile gebe es inzwischen gar nicht mehr. Auch mit Ausfällen habe die Manufaktur zu kämpfen.

Eine Güterstraßenbahn im April 2016 im Betriebshof Trachenberge. Sie wurde international als zukunftsfähiges Transportmittel gefeiert. Jetzt steht sie bei VW vor dem Aus.
Eine Güterstraßenbahn im April 2016 im Betriebshof Trachenberge. Sie wurde international als zukunftsfähiges Transportmittel gefeiert. Jetzt steht sie bei VW vor dem Aus. © Archiv/Sven Ellger

Die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), die die Bahn für VW betreiben, bestätigen das. "Einige Teile können nicht mehr repariert werden von den Zulieferern", sagt DVB-Sprecherin Anja Ehrhardt. Vor allem die Antriebssteuerung müsse überholt werden, wenn die Straßenbahnen weiter fahren sollen.

Für VW kommt das nicht mehr infrage. Dort ist das Aus der Bahnen beschlossene Sache. Das sei "ein riesiger Hebel vor allem bei Langstreckenlieferungen", sagt Blank. Er deutet damit an: Nicht nur die geringere Teilemenge, die für den ID.3 geliefert werden muss, spricht für Lkws Der Straßenbahnbetrieb samt dem Service und allen Reparaturen ist so teuer, dass sich das nicht mehr lohnt. Die Manufaktur spart Geld, setzt sie künftig auf die Belieferung aus Zwickau.

Die Cargo-Tram machte weltweit Schlagzeilen

Für die Straßenbahnen muss das aber nicht zwangsläufig bedeuten, dass ihr nächster Weg dann der in die Schrottpresse ist. Sie gehören VW, die Bemühungen der Manufaktur, einen neuen Nutzer zu finden, blieben aber erfolglos, sagt Blank. "Wir haben sie auf allen möglichen Plattformen angeboten", berichtet der Logistikchef der Manufaktur, ohne Erfolg. 

Dass VW damit auch ein Stück seiner Dresdner Strahlkraft verliert, ist ihm bewusst. Schließlich machte die Cargo-Tram weltweit Schlagzeilen, das Konzept der Güterstraßenbahn wurde vor 20 Jahren nicht nur in Dresden gefeiert. Bank deutet an, dass dafür künftig vielleicht ein Lkw mit Brennstoffzellenantrieb eingesetzt werden könnte. Auch ein zukunftsweisendes Projekt, wenn auch längst nicht so einprägsam, wie eine Güterstraßenbahn.

Die Güterstraßenbahn am 16. November 2000 beim sogenannten Roll-Out in Trachenberge.
Die Güterstraßenbahn am 16. November 2000 beim sogenannten Roll-Out in Trachenberge. © Archiv/SZ/Thomas Lehmann
Auf dem Postplatz durften die Dresdner die Straßenbahn am 13. Januar 2001 begutachten. 
Auf dem Postplatz durften die Dresdner die Straßenbahn am 13. Januar 2001 begutachten.  © Archiv/Steffen Füssel
Am 10. Februar 2002 steuerte der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die Güterstraßenbahn bei ihrer ersten Fahrt. An seiner Seite der damalige Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP). 
Am 10. Februar 2002 steuerte der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) die Güterstraßenbahn bei ihrer ersten Fahrt. An seiner Seite der damalige Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP).  © Archiv/dpa
Fast 21 Jahre lang waren die blauen Straßenbahnen für die VW-Manufaktur am Straßburger Platz im Einsatz.
Fast 21 Jahre lang waren die blauen Straßenbahnen für die VW-Manufaktur am Straßburger Platz im Einsatz. © Archiv/dpa/Arno Burgi

Die Dresdner Verkehrsbetriebe haben die Güterstraßenbahnen dagegen noch nicht abgeschrieben. "Es laufen Verhandlungen mit VW, nach den Herbstferien ist der nächste Termin", sagt Unternehmenssprecherin Anja Ehrhardt. "Wir können uns vorstellen, sie weiter zu verwenden und sie zu Wirtschaftsfahrzeugen umzubauen." 

Dafür würden zwar nicht alle Teile gebraucht, schon gar nicht alle Mittelwagen. Aber die Bahnen könnten so ein zweites Leben bekommen. Für die Bewässerung von Rasengleis, als Schmierstraßenbahnen für die Oberleitungen und zum Schienenschleifen könnte man sie umbauen, überlegen die DVB. Denn entweder gibt es solche Fahrzeuge noch nicht oder die Tatras, die dafür jetzt genutzt werden, sind ebenfalls so alt, dass sie nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. 

Die Zukunft der blauen Züge ist besiegelt

Für welchen Preis die DVB die Bahnen zurückkaufen würden, steht noch nicht fest. "Wir haben VW auch ein Angebot unterbreitet für den Fall, dass sie erst einmal nur abgestellt werden müssen", sagt Ehrhardt.

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Die Zukunft der blauen Züge bei VW ist besiegelt. Ob sie Dresden erhalten bleiben, entscheidet sich womöglich bis etwa Weihnachten. Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem am Straßburger Platz zum letzten Mal eine der Bahnen aus dem Werksgelände Richtung Friedrichstadt fährt.

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