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Corona-Pakete für frühere Heimkinder

Viele junge Dresdner, die gerade erst lernen, auf eigenen Beinen zu stehen, fühlen sich im Lockdown besonders einsam. Doch sie werden nicht vergessen.

Jessica Böttger lebte früher selbst in einer Wohngruppe. Heute unterstützt die 21-Jährige andere Careleaver auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit.
Jessica Böttger lebte früher selbst in einer Wohngruppe. Heute unterstützt die 21-Jährige andere Careleaver auf ihrem Weg in die Eigenständigkeit. © René Meinig

Dresden. "House of Dreams" - Haus der Träume - das könnte über einem Casino stehen, oder einen luxuriösen Appartmentkomplex betiteln. Doch in der Neustadt ist der Name auf einem Schild zu lesen, das an einem äußerlich ziemlich unauffälligen Eckhaus hängt.

Seit vergangenem Jahr ist dies die Heimstätte des Careleaver Zentrums Dresden, eines Anlaufpunkts für junge Menschen, die in Heimen oder Wohngruppen ohne ihre Eltern aufgewachsen sind, und danach lernen mussten, auf eigenen Beinen zu stehen. "Care" steht für Obhut, "Leave" für verlassen.

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Träger des Projekts ist der Kinder- und Jugendhilferechtsverein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, genau diesen jungen Menschen eine Lobby zu geben und sie in allen Belangen des täglichen Lebens zu unterstützen.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

Wer sein Heim oder die Wohngruppe verlassen hat, ist häufig nicht ausreichend auf das vorbereitet, was ihn in der "Freiheit" erwartet, sagt Björn Redmann, Gesamtkoordinator des Vereins. Genau aus diesem Grund höre die Hilfe nicht in dem Moment auf, wenn die jungen Leute ihre erste eigene Wohnung beziehen.

Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, fühlten sich viele Careleaver besonders einsam, sagt Redmann. "Ehemalige Heimkinder und Pflegekinder haben in der Regel keine Familie, zu der sie einen guten Kontakt haben. Aus den Heimen und Wohngruppen sind sie ausgezogen. Weitere Hilfe von dort können sie kaum erwarten."

Sarah Preusker, Projektleiterin Elsa Thurm und Jessica Böttger packen die Care-Pakete.
Sarah Preusker, Projektleiterin Elsa Thurm und Jessica Böttger packen die Care-Pakete. © René Meinig

Nun käme noch dazu, dass sie ihre Freunde als wichtigsten Bezugspersonen gar nicht oder nur noch selten sehen können. Normalerweise gehen sie alle im Careleaver Zentrum ein und aus. Sieben junge Dresdner haben gar einen eigenen Schlüssel. Doch vorerst müssen die bunten Sitzsäcke im ausgebauten Keller leer bleiben. Keiner spielt gerade hier "Sing Star" oder Tischfußball. Die Angebote des Vereins mussten Corona-bedingt stark eingeschränkt werden. Stattdessen sitzen die jungen Leute zu Hause und haben viel Zeit, die es zu vertreiben gilt.

Mit einer besonderen Aktion will der Verein seinen Schützlingen nun zeigen: Wir vergessen euch nicht. Wir können und wollen euch auch jetzt unterstützen."

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Der große Holztisch im Erdgeschoss ist vollgepackt mit Kisten. In einer sind Feuchttücher-Packungen, in der nächsten Duschgel und in anderen Kerzen, Zeitschriften und Süßigkeiten. Mit flinken Fingern packen Mitarbeiter des Vereins besondere "Care-Pakete" zusammen. "Wir wollen die jungen Erwachsenen in diesen Zeiten mit einer Aufmerksamkeit überraschen", sagt Jessica Böttger. Die 21-Jährige leistet in diesem Jahr ihren Bundesfreiwilligendienst im Careleaver Zentrum - und das nicht zufällig. 

"Ich bin selbst Careleaver. Das bleibt man ein Leben lang", sagt sie. Jessica stammt aus einem zerrütteten Elternhaus, litt schon früh an Depressionen und wuchs jahrelang in einer Jugend-Wohngruppe auf. Der Kinder- und Jugendhilferechtsverein half ihr vor drei Jahren beim Umzug nach Dresden und begleitet seitdem ihren Werdegang, mit dem sie zweifellos zum Vorbild für andere Careleaver taugt. 

Unter anderem half sie bereits beim Aufbau einer Ausstellung über Heimkinder, die durch ganz Deutschland tourte und nun ihren Platz im "House of Dreams" in der Neustadt gefunden hat.

An diesem Freitag hilft auch sie hier nun beim Packen. 40 Päckchen für die Careleaver sollen in den kommenden Tagen verschickt werden. Die meisten gehen an Orte in Sachsen. Mit dabei sind auch ein weiß-gerahmtes Foto der Mitarbeiter, eine selbst aufgenommene CD mit Küchengeräuschen, Quetsch-Figuren aus Gummi zum Frustabbau und ein Maßband, von dem die jungen Leute jeden Tag einen Zentimeter abschneiden können, bis der Lockdown ein Ende hat.

"Außerdem packen wir auch ein Säckchen mit Würfeln hinein", sagt Jessica. Sollen die Glück bringen? "Das auch, aber demnächst wollen wir gemeinsam über Video-Telefonie Kniffel spielen."

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