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Dresden hat eine neue Jüdische Gemeinde

Rabbiner Akiva Weingarten etabliert mit anderen Gläubigen eine weitere Ausrichtung des Judentums in Dresden. Wie die bestehende Gemeinde reagiert.

Der Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Dresden Akiva Weingarten (l.) und der Vorsitzende Moshe Barnett mit Gemeindemitgliedern.
Der Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Dresden Akiva Weingarten (l.) und der Vorsitzende Moshe Barnett mit Gemeindemitgliedern. © privat

Dresden. Die Jüdische Kultusgemeinde Dresden hat sich vor wenigen Tagen gegründet. Sie hat den deutschlandweit jüngsten Vorsitzenden und mit Rabbiner Akiva Weingarten einen in Dresden Bekannten. Weingarten hat erst kurz zuvor die Jüdische Gemeinde zu Dresden verlassen. Eigentlich hatte er ein ganz anderes Ziel, sollte Oberrabbiner in Nürnberg werden.

Dresden hat neben der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, mit der Neuen Synagoge am Hasenberg, und der orthodoxen Jüdischen Gemeinde Chabad Lubawitsch an der Tiergartenstraße nun eine dritte Gemeinde hinzubekommen.

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Die Jüdische Kultusgemeinde sieht sich nicht als Konkurrenz zu den anderen, sondern als Ergänzung, sagt Rabbiner Weingarten. "Dort wo ich herkomme, ist es ganz normal, dass es viele Gemeinden gibt." Weingarten ist vor 37 Jahren in den USA geboren worden, kam über Israel nach Deutschland und dann nach Dresden. Auch mehrere Synagogen in einer Stadt seien üblich. "In Deutschland ist das noch anders, sehr zentralisiert."

Tatsächlich ist es in Deutschland geübte Praxis und bisher Konsens, dass es in einer Stadt eine Jüdische Gemeinde gibt, die auch vom Landesverband anerkannt ist. In Dresden ist das die Jüdische Gemeinde zu Dresden. Innerhalb dieser Gemeinde kann es unterschiedliche Strömungen geben, wie in Dresden die orthodoxe Jüdische Gemeinde Dresden.

Ein zusätzliches Angebot

Die Jüdische Gemeinde zu Dresden sieht sich als liberal, konservativ und die orthodoxe Gemeinde ist eben orthodox. Doch es gebe noch so viele Strömungen mehr im Judentum. Die Kultusgemeinde ordnet Weingarten als liberal, egalitär ein. "Bei uns essen Männer und Frauen zusammen und Frauen zählen mit, wenn bestimmte Gebete gesprochen werden." Im Judentum gibt es Gebete, die nur gesprochen werden dürfen, wenn mindestens zehn Mitglieder einer Gemeinde anwesend sind.

In vielen Gemeinden werden aber nur die männlichen Gemeindemitglieder gezählt. Und auch nur die, die ihre Bar Mizwa bereits gefeiert haben und damit als vollwertige Mitglieder zählen. Bei Jungen erfolgt die mit 13 Jahren. Mädchen feiern die Bat Mizwa mit zwölf Jahren. "Unsere Mitglieder sind im Gegensatz zu denen der anderen Gemeinden häufig junge Leute, beispielsweise Studenten, die bereits in Dresden waren, aber in keiner Gemeinde", erklärt Weingarten.

"Ich konnte die Leute nicht alleine lassen"

Weingarten ist selbst in einer ultraorthodoxen Gemeinde in den USA aufgewachsen. Bis er vor der Enge und den strengen Regeln geflüchtet ist. Der gleichberechtigte Ansatz der neuen Gemeinde wäre dort undenkbar gewesen. 2019 wurde Weingarten Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Die Aufgabe, in Dresden die Tora - die jüdische Bibel - zu lehren, beendete er vor wenigen Monaten, im August. Eigentlich wollte er nach Nürnberg, sollte dort Oberrabbiner einer Gemeinde werden.

Parallel hatte Weingarten in Dresden den Verein Besht - Zentrum für jüdisches Leben und Kultur und das Weingarten College gegründet. Das College unterstützt ehemalige Mitglieder ultraorthodoxer Gemeinden in aller Welt, die den Absprung gewagt haben. "Ich habe gedacht, das Projekt läuft weiter, auch wenn ich in Nürnberg bin." Er habe aber gemerkt, dass die Aussteiger verunsichert auf seine Pläne reagierten. "Ich konnte die Leute nicht alleine lassen, sie brauchen mich", so Weingartens Begründung, in Dresden zu bleiben. Parallel bleibt er auch weiterhin Rabbiner in Basel.

Vorsitzender ist Weingarten-Schützling

Die neue Gemeinde hat mit Moshe Barnett den jüngsten Vorsitzenden einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland. Barnett ist wie Weingarten aus einer ultraorthodoxen Gemeinde geflüchtet, allerdings einer in Jerusalem. Der 24-Jährige kam durch das Projekt von Weingarten nach Dresden.

Statt des strengen, ultraorthodoxen Ansatzes, in dem Barnett in Jerusalem aufgewachsen ist, will er in Dresden einen anderen Ansatz. „Wir möchten ein offener Ort des Austausches, des gegenseitigen Respektes und der Toleranz sein“, sagt Barnett.

Nicht zurück in alte Gemeinde

Weshalb Weingarten nicht zurück in seine bisherige Gemeinde gegangen ist, begründet er so: "Ich habe mich wohlgefühlt und möchte nichts Negatives sagen. Manche Teile waren sehr gut, andere nicht so." Insgesamt passe es aber nicht so gut zwischen ihm und den Akteuren der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. "Es gibt keinen aktiven Streit", sagt er. "Aber wir haben unterschiedliche Mentalitäten, das hat nicht sehr gut zueinandergepasst." Die neue Gemeinde sei für ihn eine Weiterentwicklung.

Ähnlich sei es auch mit seinem Unterstützungsprojekt für Juden, die aus ultraorthodoxen Gemeinden ausgestiegen sind. "Das passt eher zur neuen Gemeinde." Die Gemeinde führt ihre Gottesdienste vorerst in den Räumen des Vereins Besht - Zentrum für Jüdisches Leben an der Bautzner Straße durch und sucht derzeit einen eigenen Synagogenraum.

Weitere Gemeinde "wichtiger Baustein"

Derzeit leben rund 730 Juden in Dresden und es sollen mehr werden. In der neuen Kultusgemeinde sind derzeit 72 Mitglieder. "Wir werden schnell wachsen, denke ich", so Weingarten. Sein Ziel sei es, in ein paar Jahren rund 1.000 Mitglieder zu haben, da durch das neue Angebot vielleicht auch vermehrt Juden nach Dresden ziehen werden. "In unserer Gemeinde ist jeder Mensch willkommen und wir werden vielgestaltige Projekte umsetzen", erläutert Weingarten. "Vor allem setzen wir auf Kooperationen mit ganz unterschiedlichen Akteuren aus Dresden, Deutschland und der Welt."

Und es gibt bereits viele Gratulanten zu diesem Schritt, darunter Shneor Havlin, Rabbiner der orthodoxen Jüdischen Religionsgemeinde Dresden. "Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit der neuen Jüdischen Kultusgemeinde Dresden und sind glücklich darüber, dass wir mit ihr endlich eine Gemeinde haben, mit der wir zusammenarbeiten können." Aber auch der Kantor und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Görlitz, Alex Jacobowitsch, gratuliert zur Neugründung, genauso wie Rabbiner Arthur Green aus Boston, Rabbiner Aron Miller aus New York, Rabbiner Yehoyada Amir aus Jerusalem, Rabbinerin Anita Kantor aus Budapest, Rabbiner Walter Rothschild aus Berlin, Rabbiner Ruven Bar-Ephraim aus Zürich, Rabbiner Andrew Steinmann aus Frankfurt und einige mehr.

Dresdens Integrations- und Ausländerbeauftragte Kristina Winkler betont: "Wir brauchen ein vielfältiges und sichtbares jüdisches Leben in unserer Stadt. Eine weitere Gemeinschaft kann ein wichtiger Baustein dafür sein. Ich wünsche mir eine gute Zusammenarbeit aller in Dresden agierenden jüdischen Gemeinschaften."

Reaktion: "Es gibt nur eine Einheitsgemeinde"

Die Jüdische Gemeinde zu Dresden, der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und der sächsische Landesrabbiner Zsolt Balla haben "mit Erstaunen" die Nachricht zur Kenntnis genommen, dass der ehemalige Dresdner Gemeinderabbiner Akiva Weingarten nunmehr selbst eine neue jüdische Gemeinde gegründet hat, teilen diese aus Anfrage mit. Diese Entwicklung wolle man zunächst in den Gremien beraten und beurteilen. "Nach diesen Beratungen werden wir dazu entsprechend Stellung nehmen", so ein Sprecher.

Dass in den Darstellungen zur Neuetablierung einige Fakten und Zahlenangaben nicht den tatsächlichen Gegebenheiten entsprächen, sei aber "bedauerlich. Wir verweisen ausdrücklich auf die konsensual gelebte Praxis und das Modell der Einheitsgemeinden in Deutschland", ergänzt der Sprecher. "Danach hat jede Stadt oder Gemeinde, in der ausreichend viele Juden leben, eine Einheitsgemeinde, unter deren Dach sich die verschiedenen Strömungen von orthodox über konservativ bis hin zu liberal organisieren. Eine Mitgliedschaft in einer Jüdischen Gemeinde gibt es nach der allgemeinen Auffassung nur in der Einheitsgemeinde." Die Jüdische Gemeinde zu Dresden als Einheitsgemeinde und Körperschaft des öffentlichen Rechts hat 730 Mitglieder. "Unbenommen davon nehmen Dresdner Gemeindemitglieder an Veranstaltungen anderer jüdischen Gruppen und Initiativen teil und nutzen deren Angebote. Dass dies automatisch eine Mitgliedschaft bei anderen „jüdischen Gemeinden“ bedeuten würde, kann der Landesverband weder erkennen noch bestätigen."

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