merken
PLUS Dresden

Politische Botschaften auf dem Limo-Etikett

Ein Dresdner Unternehmen produziert seit fast zehn Jahren eine politische Limonade namens Kolle-Mate. Was das heißt, erklären die Macher im SZ-Interview.

Anne und Eduard Graf sind Teil des Dresdner Zickzack-Kollektivs - ein Unternehmen, das Limos produziert und neue Wege des Wirtschaftens geht.
Anne und Eduard Graf sind Teil des Dresdner Zickzack-Kollektivs - ein Unternehmen, das Limos produziert und neue Wege des Wirtschaftens geht. © Sven Ellger

Dresden. Eine Limonade made in Dresden? Gibt es. Das Zickzack-Kollektiv aus der sächsischen Landeshauptstadt vertreibt seit fast zehn Jahren die Kolle-Mate, ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk mit viel Koffein. Geliefert wird überwiegend nach Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, aber auch in Städte wie Bremen, Stuttgart oder Prag. Über 140.000 Kästen haben sie bisher verkauft. Warum ihre Limonade politisch ist und wie sich das Dresdner Unternehmen gegen die großen Limo-Produzenten am Markt behaupten kann, erzählen die Macher Eduard und Anne Graf im SZ-Gespräch.

Ihr seid im Osten Deutschlands besonders bekannt für eure Kolle-Mate. Sie hält gestresste Angestellte und überforderte Studierende wach. Wie fühlt es sich für euch an, dass ihr den Stress in der Gesellschaft mit eurer Limo unterstützt?

Anzeige
Der Meister – höchstes Qualitätssiegel im Handwerk
Der Meister – höchstes Qualitätssiegel im Handwerk

Der Meister im Handwerk bietet alle Voraussetzungen für beruflichen Erfolg. So zählt der Meisterberuf international zu den angesehensten Abschlüssen.

Eduard: Naja, das Getränk wurde ja nicht für die Arbeitszeit entwickelt, sondern für die gute Zeit danach, die Freizeit. Und wir wollten 2012, als wir das Getränk entwickelt haben, auch eine bessere Alternative zu dem, was es am Markt gab, verkaufen. Eine politische und möglichst verantwortungsbewusste Limo.

Was heißt das?

Anne: Wir vermitteln unsere politischen Botschaften auf dem Etikett und positionieren uns zu relevanten Themen wie Klimagerechtigkeit, Patriarchat, Tierbefreiung.

Auf den Erfrischungsgetränke klebt immer eine politische Botschaft. "Kein Kuchen für Nazis" ist eine unter vielen.
Auf den Erfrischungsgetränke klebt immer eine politische Botschaft. "Kein Kuchen für Nazis" ist eine unter vielen. © Sven Ellger
Die zuletzt entwickelte "Kolla" enthält extra wenig Koffein: Das Leben zu entschleunigen, kann nicht schaden, das haben wir auch in der Corona-Zeit gelernt, heißt es in der Begründung.
Die zuletzt entwickelte "Kolla" enthält extra wenig Koffein: Das Leben zu entschleunigen, kann nicht schaden, das haben wir auch in der Corona-Zeit gelernt, heißt es in der Begründung. © Sven Ellger

Es gibt viele Unternehmen, die sich nicht politisch äußern, weil sie glauben, dass es der Marke schade. Warum seid ihr nicht still und verkauft einfach eure Limo?

Eduard: Unternehmen, die vorgeben, unpolitisch zu sein, sind politisch. Denn auch, wenn sie keine Meinung äußern, haben sie eine Meinung: Sie enthalten sich. Sie überlassen damit anderen das Ruder. Das ist das Manko der heutigen Zeit: Viele Unternehmen versuchen möglichst neutral zu sein, um ihre Käufer nicht zu verprellen. Wir finden, Unternehmen müssen politisch sein, und sich endlich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst werden.

Meint ihr, es hat auch zu eurem Erfolg beigetragen, dass ihr euch politisch äußert?

Anne: Ja, ich denke schon. Es zeigt, dass wir Mut haben, uns zu positionieren.

Reicht es für euch, wenn auf einem Getränk darauf steht: "Kein Kuchen für Nazis." Rettet man mit einer Limo die Welt?

Eduard: Ob es was bringt, keine Ahnung. Aber es hat vielleicht schon eine Wirkung, dass die Leute sehen, dass es Unternehmen gibt, die sich klar positionieren. Sich trauen, und klar sagen: keinen Bock auf Nazis. Das ist der erste Schritt, alles Weitere ist dann eine Frage der Praxis.

Womit wir zur Praxis kommen. Ihr schreibt, dass ihr ein ethisch vertretbares Getränk verkauft. Was bedeutet das?

Eduard: Ethisch vertretbar, das heißt, dass niemand bei der Herstellung ausgebeutet und erniedrigt wird. Wir produzieren unsere Limos fair und aus ökologischem Anbau. Deshalb arbeitet unser Unternehmen auch als Kollektiv.

Die Kollegen vom Zickzack-Kollektiv haben keinen Chef und auch keine Chefin: Quynh Huong Ngo, Corinna Krell, Eduard Graf, André Lange (Kolle) und Anne Graf (v.l) arbeiten gleichberechtigt.
Die Kollegen vom Zickzack-Kollektiv haben keinen Chef und auch keine Chefin: Quynh Huong Ngo, Corinna Krell, Eduard Graf, André Lange (Kolle) und Anne Graf (v.l) arbeiten gleichberechtigt. © Sven Ellger

Was heißt das, im Kollektiv zu arbeiten? Was unterscheidet euch von anderen Unternehmen?

Anne: Wir spenden immer einen Cent pro Flasche an Projekte in den Bereichen Umwelt, Kultur und Soziales. Außerdem sind wir ein demokratisch organisierter Betrieb. In anderen Unternehmen geht es sehr hierarchisch zu, wir versuchen fast alles im Konsens zu entscheiden, haben keine Chef und auch keine Chefin.

Übrigens gibt es bei uns auch einen Einheitslohn - alle bekommen den gleichen Stundenlohn. Der wird dann nochmal verhandelt, je nachdem, ob man alleinerziehend ist oder gerade Angehörige pflegen muss. Und jeder von uns hat neben den 28 Urlaubstagen einen Haushaltstag im Monat frei. Wir arbeiten alle 30 Stunden pro Woche.

Warum, was habt ihr gegen die 40-Stunden-Woche?

Anne: Weil man in einer 40-Stunden-Woche keine gute Balance zwischen Arbeit und Privatem hinbekommt. Uns ist es wichtig, dass man sich neben der Lohnarbeit politisch engagieren kann. Das schafft man in einer 40-Stunden-Woche nicht, wenn man nebenbei noch Kinder oder Angehörige zu pflegen hat.

Kollegin Corinna kommt im Gespräch gerade dazu.

Corinna: Unsere Gesellschaft ist ja auch so eingeteilt, dass nur die Lohnarbeit zählt und nicht die Sorge-Arbeit, obwohl die genauso ein großer Bestandteil unseres Lebens ist.

Kommt ihr mit den Idealen nicht auch an eure Grenzen?

Anne: Natürlich haben wir einen Handlungsspielraum, der begrenzt ist. Das fängt schon bei den Transportwegen an. Es ist nicht einfach, den Verkehr weg von der Straße zu kriegen, zumal so viele Gleise zurückgebaut wurden. Auch das Thema Leergut ist schwierig. Zum Beispiel wäre es schön, wenn es Einheitskästen für alle Flaschen in Deutschland gebe, derzeit werden die Kästen vom Süden in den Norden gefahren und anders rum. Da haben wir wenig Einfluss. Ähnliches gilt für die Flaschen. Die Glashütten sind nach Osteuropa ausgelagert worden: Wie dort die Arbeitsbedingungen sind, können wir kaum beeinflussen. Selbst der Einheitslohn gilt nur für uns als Vertrieb. In der Abfüllanlage geht schon wieder alles hierarchischer zu.

Und könnt ihr wirklich sagen, dass eure Limos zu 100 Prozent ökologisch produziert werden?

Eduard: Nein, das wagen wir nicht zu behaupten – und das, obwohl wir ausschließlich Zutaten aus ökologischem Anbau verwenden und wiederverwendbare Mehrwegglasflaschen. Denn jede Produktion von Getränken bedeutet auch, dass Wasser und Energie verbraucht werden. Daher müssen wir so aufrichtig sein und sagen: Konsum rettet nicht die Welt. Verzicht hilft mehr: Trinkt also lieber Leitungswasser, das ist ökologisch gesehen das Beste.

Anne: Ökologisch hergestellten Produkte hingegen dienen vorrangig der Schadensbegrenzung. Sie sind in der Herstellung weniger schädlich für die Umwelt als konventionelle Produkte.

Schafft man es, alles im Konsens zu entscheiden?

Anne: Wir sind sieben Leute, bisher konnten wir uns immer einigen. Ich denke aber, in einem großen Betrieb ist das was anderes. Und wir entscheiden ja nicht das ganze Alltagsgeschäft im Konsens. Und ja, es dauert länger, aber Demokratie ist eben langsamer.

Wie habt ihr die Corona-Zeit für euch wahrgenommen?

Anne: Wir haben noch nie so viele neue Produkte rausgebracht wie in der Corona-Zeit: Zwei Frucht-Punsches für den Winter, und eine neue Kirschlimo, die Kilimo. Hier haben wir auch an unsere Partnerinnen gedacht, also an Clubs und Gastronomen, die wir normalerweise beliefern. Im Lockdown haben wir eine Aktion gestartet und gesagt, wir verzichten auf einen großen Teil der Einnahmen und spenden das Geld.

Jetzt habt ihr noch ein neues Getränk entwickelt - eine Kola, die kaum Koffein enthält und gerade nicht aufputscht. Trinken wir denn zu viel Koffein?

Weiterführende Artikel

Kollektive Brause

Kollektive Brause

Drei Dresdner kreieren ihr eigenes Mate-Getränk. In den kleinen Flaschen steckt mehr als süßes Sprudelwasser.

Eduard: Ja, in meinem Umfeld gibt es wenig Menschen, die komplett auf Koffein verzichten. Das beginnt ja schon beim Kaffee am Morgen, der gehört einfach dazu. Das ist ja schon der erste Schritt zur Selbstoptimierung. Viele trinken Kaffee, um sich wachzuhalten für die Arbeit. Auch deshalb enthält unsere "Kolla" ganz wenig Koffein. Das Leben zu entschleunigen, kann nicht schaden, das haben wir auch in der Corona-Zeit gelernt.

Das Kollektiv möchte darauf aufmerksam machen, dass sämtliche Personenbezeichnungen gleichermaßen für alle Geschlechter gelten.

Mehr zum Thema Dresden