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„Dann ist die Scheune gestorben“

Zu groß und zu steril? Die Gestaltungskommission übt scharfe Kritik an den Umbau-Plänen der Scheune im Dresdner Szeneviertel.

Die Scheune gehört zur Neustadt wie die Frauenkirche zur Altstadt. Ihr Aussehen könnte sich allerdings bald erheblich verändern.
Die Scheune gehört zur Neustadt wie die Frauenkirche zur Altstadt. Ihr Aussehen könnte sich allerdings bald erheblich verändern. © Sven Ellger (Archiv)

Dresden. Konnte man sich an der Scheune nur die Finger verbrennen? Zumindest war klar, dass es keine leichte Aufgabe werden würde, das Kulturzentrum im Herzen der Dresdner Neustadt zu sanieren, so unterschiedlich sind die Erwartungen.

Da wäre die Bauaufsicht. Sie hat dem fast 70 Jahre alten Haus schwere Brandschutzmängel bescheinigt und eine Galgenfrist gesetzt. Dann gibt es den Scheune-Verein. Dem Nutzer wird es allmählich zu eng in dem Gebäude. Außerdem haben es Rollstuhlfahrer schwer, sich in dem Haus zu bewegen. Die Stadt ist die dritte Partei im Bunde. Ihr gehört die Scheune. Sie will es allen recht machen, den Brandschutz verbessern und das Haus ordentlich vergrößern. Doch Professor Jürg Sulzer schwant, dass die Rechnung ohne die Neustädter gemacht worden sein könnte. Die Kritik des Vorsitzenden der Gestaltungskommission an den bisherigen Entwürfen ist zumindest deutlich.

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Was schlägt der Architekt vor?

Die Stadt hat den Dresdner Architekten Walter Miller mit den Entwürfen für die Scheune beauftragt. Den Rahmen hatte der Stadtrat vor zwei Jahren vorgegeben: In Richtung Louisenstraße soll die Scheune um neuen Meter in die Länge wachsen, in Richtung Alaunstraße und Dreikönigschule um jeweils drei Meter. Das Spitzdach soll erhalten bleiben, wird aufgrund der größeren Grundfläche aber weniger spitz und mächtiger wirken. 

Höher soll die Scheune an der Alaunstraße zwar nicht werden, dafür aber länger und breiter.
Höher soll die Scheune an der Alaunstraße zwar nicht werden, dafür aber länger und breiter. ©  Archiv: Rene Meinig

Mit dem zusätzlichen Platz soll der große Saal im Obergeschoss vergrößert werden und zukünftig mehr als 300 Menschen Platz bieten. Darüber hinaus entstehen Künstlergarderoben und ein zweites Treppenhaus. Unter dem Dach sind Künstler-Appartements vorgesehen. Im Erdgeschoss sind unter anderem ein kleiner Saal für rund 70 Zuschauer sowie neue Sanitäranlagen geplant. Auch die Gastronomie soll mehr Fläche erhalten. Als Hommage an den sozialistisch-klassizistischen Baustil werde die geschwungene Treppe im Inneren erhalten.

Und wie soll die Scheune-Fassade aussehen?

Was die neue Fassade angeht, so sollte sich Miller nach den Wünschen der Neustädter richten. Sie hatten im Frühjahr die Chance zu sagen, wie die Hülle des Kulturzentrums aussehen soll – verkleidet mit Holz, Glas, Klinker, Metall, Keramik, Sichtbeton, Naturstein oder ganz gewöhnlichem Putz. Auch fragte die Stadt, wie wichtig es den Bewohnern ist, dass sich Farbe und Erscheinungsbild am Original orientieren. An der Umfrage beteiligten sich 460 Personen. Die Hälfte wünsche sich eine Naturstein-Fassade, mehr als die Hälfte finde auch Holz und eine Fassadenbegrünung in Ordnung, so Miller. Sichtbeton stoße dagegen auf nicht allzu viel Gegenliebe. Anhand der Ergebnisse legte Miller los und entwarf mehrere Varianten. Mal mit rostigem Cortenstahl in Zusammenspiel mit Gründach und begrünter Fassade, mal mit hoher Glasfront und verwittert aussehendem Holz. Auch eine mit Schiefer gedeckte Fassade könnte sich Miller vorstellen, der betonte, dass alles noch im Fluss sei. „Nichts ist fertig.“

Was stört die Gestaltungskommission daran?

Einiges. „Ich denke, diese klare Hülle ist ein anderer Ansatz als der ‚Wir bleiben dreckig‘-Gedanke, der von den Bewohnern geäußert wurde“, findet die dänische Architektin Mikala Holme Samsøe, die in der Gestaltungskommission sitzt. Dass zwei Bäume gefällt werden sollen, damit die Scheune größer werden kann, sei vielleicht auch nicht das, was die Bürger wollten.

Nicht nur an der vorgeschlagenen Glasfassade vor dem neuen, kleinen Saal stört sich Linke-Bauexperte Tilo Wirtz. Sie verhülle die Scheune schamhaft. Das dominante Dach mache aus der Scheune zudem eine Garage.

Letztlich brachte der Kommissionschef Jürg Sulzer die Kritik auf den Punkt: „Wenn die Pläne so weiterverfolgt werden, ist die Scheune gestorben“, sagt er. Weniger sei in diesem Falle wirklich mehr. Außerdem sei es vollkommen widersprüchlich, wenn man den Naturgedanken aufgreife und die Fassade begrüne, aber nur wenige Meter weiter Bäume fälle, so Sulzer weiter. Er hat dem Architekten empfohlen, sich ein Stück weit von den Umfrageergebnissen zu lösen und einen Schritt zurückzugehen. Man könne am Ende nicht alle Wünsche berücksichtigen. Der Architekt müsse erst einmal selbst ein Bild vor Augen haben. Von einer Scheune, die sich in das einzigartige Neustadt-Viertel einfügt.

Wie geht es weiter?

Walter Miller betont, dass es sich nicht um finale Entwürfe handele. Diese sollen im Oktober oder November in der Scheune vorgestellt und öffentlich diskutiert werden. Die Hinweise der Gestaltungskommission werden in die Bürgerbeteiligung einfließen. Ziel ist es, einen Favoriten-Entwurf zu finden, sodass im Herbst 2021 mit der Sanierung begonnen werden kann. Allerdings ist auch klar, dass sich Miller nicht allzu weit vom Stadtratsbeschluss entfernen darf, der sich für die große Scheune-Variante ausgesprochen hatte.

Die Scheune feiert 2021 ihren 70. Geburtstag. Früher FDJ-Jugendklub, heute Kulturzentrum, ist die Scheune nach wie vor ein Magnet in der Dresdner Neustadt.
Die Scheune feiert 2021 ihren 70. Geburtstag. Früher FDJ-Jugendklub, heute Kulturzentrum, ist die Scheune nach wie vor ein Magnet in der Dresdner Neustadt. © SZ-Archiv/Sven Ellger

Für die Gestaltung der Außenanalgen ist eine weitere Bürgerbeteiligung geplant. Die Stadt rechnet mit Kosten von insgesamt rund 6,2 Millionen Euro. Eröffnet wurde die Scheune 1951. Zu DDR-Zeiten hieß sie Jugendklub Martin Andersen Nexö.

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