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"Feiernden wird Wasser übergekippt"

Wo feiernde und Anwohner wie am "Assi-Eck" in der Dresdner Neustadt aufeinander prallen, gibt es Konflikte. "Nachtschlichter" sollen helfen. Ein Abend vor Ort.

Nachtschlichter Pepe und Florian.
Nachtschlichter Pepe und Florian. © Benno Löffler

Dresden. Tagelang schrie er seinen Schmerz heraus. Mitten in der Nacht, mitten in der Neustadt. An der Kreuzung Louisenstraße Ecke Görlitzer Straße. Besser bekannt als "Assi-Eck", despektierlich ist das von den Neustädtern nicht gemeint, der Begriff hat sich über die Jahre eingeschlichen.

Der Mann, der seinen Kummer über die verstorbene Tochter herausschrie und den Stress mit der Frau, kam jeden Abend an die belebte Kreuzung und suchte Anschluss. "Wir haben ihn angesprochen und mit ihm über seine Sorgen gesprochen, irgendwann habe ich ihn gefragt: Hey, die Menschen, die hier am Eck wohnen, haben auch Kinder und die wollen nachts schlafen. Hättest du gewollt, dass deine Tochter von dem Lärm wach wird? Da ging ihm ein Licht auf", erzählt Pepe.

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Pepe ist einer der neuen "Nachtschlichter", die seit vergangenem Wochenende am Eck unterwegs sind. Eingesetzt vom Neustädter Ortsamtsleiter André Barth, um die Probleme an der Kreuzung in den Griff zu bekommen. Auch an diesem Samstagabend sind sie unterwegs. Eine milde Sommernacht, viele Menschen sitzen an der Kreuzung, lachen, reden und trinken Bier. Es bleibt friedlich. Die Polizei ist mit einem großen Aufgebot vor Ort, in Vierergruppen laufen die Beamten Streife, aller paar Minuten fährt ein Mannschaftswagen vorbei.

Alle wollen raus

"Wir hören zu und versuchen, zwischen den verschiedenen Bedürfnissen und Themen, die die Menschen mitbringen, zu vermitteln", erzählt Pepe, der auf Honorarbasis für das Ortsamt arbeitet. Zwischen den Bewohnern, die vom fehlenden Schlaf ihrer Kinder und sich selbst erzählen. Davon, dass sie teilweise mit dem Bettzeug in den Flur umziehen, weil sie im Schlafzimmer, dass das Fenster auf die Kreuzungsseite hat, nicht zur Ruhe kommen.

"Auf der anderen Seite sind da die Feiernden, die Spaß haben wollen und einfach nur einen Ort für sich suchen und die dann aus den Fenstern Wasser auf den Kopf gekippt bekommen", so sein Kollege Florian. Die Feiernden fühlten sich oft provoziert von der massiven Polizeipräsenz vor Ort, erleben die Konfliktmanager.

"Für Jugendliche fehlt in der Neustadt oft ein Raum, um sich abends zu treffen. Überall stören wir und es ist zu laut, hier an der Ecke oder im Alaunpark", erzählt einer, der in dieser Nacht auf dem Bordstein sitzt. Monatelang sei aufgrund der Pandemie kein richtiges Leben möglich gewesen. Keine Freunde, keine Kneipe, keine Clubs. "Jetzt wollen alle raus und das Leben genießen, das kann man doch keinem verdenken", sagt er.

Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Feiernden, Anwohnern und dem Verkehr.
Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Feiernden, Anwohnern und dem Verkehr. © Benno Löffler
Anna Anastasiou leitet das Team der Mediatoren "Nachtschlichter".
Anna Anastasiou leitet das Team der Mediatoren "Nachtschlichter". © Benno Löffler
Stadtbezirksamtsleiter André Barth ist für die Maßnahmen an der Neustadt-Kreuzung verantwortlich.
Stadtbezirksamtsleiter André Barth ist für die Maßnahmen an der Neustadt-Kreuzung verantwortlich. © Benno Löffler

Ein Problem, das neben der Lautstärke und dem liegengelassenen Müll immer wieder auftaucht: Die Feiernden blockieren die Straßenbahn. Die Linie 13 wird von den Verkehrsbetrieben immer wieder umgeleitet. "Das ist in den letzten Wochen jeden Freitag und Samstagabend passiert, bis auf eine Ausnahme", sagt Ortsamtsleiter Barth, der an diesem Samstag auch am Eck vor Ort ist. Das sei ein Problem. Die DVB wollen ihre Fahrer schützen, dass die Bahn nicht mal einem Feierenden über die Füße fahre. Das "Bahnstreicheln" entwickle sich immer mehr zur Mutprobe.

Das erlebt auch Nachtschlichter-Koordinatorin Anna Anastasiou, die fest in Teilzeit im Ortsamt angestellt ist bis zum Spätherbst. "Wir werden oft angesprochen und die Menschen, egal ob Neustädter oder Partytourist, erzählen dann, was sie erleben und sie beschäftigt." Als Problem hört sie auch das Thema Wildpinkeln und die zu wenigen Toiletten im öffentlichen Raum. Sie weist dann auf die Aktion "Nette Toilette" hin, an der sich mehrere Neustädter Wirte beteiligen.

Ziel sei es, zuzuhören, zu moderieren, zu vermitteln, Impulse zu geben, Perspektivwechsel anzuregen und ein gutes Miteinander zu unterstützen. Ihr Einsatz ist zunächst bis Ende Oktober vorgesehen. Am Ende der Saison ist eine wissenschaftliche Evaluation geplant, um Erkenntnisse für den weiteren Einsatz zu gewinnen, die auch anderen Städten zur Verfügung stehen können.

Die "Nachtschlichter" suchen noch nach Verstärkung. Wer über Kommunikationsfähigkeit und Sozialkompetenz, hohe Konfliktfähigkeit und ein freundliches, sicheres Auftreten, sowie anwendbare Kenntnisse über Deeskalationsmethoden verfügt, könne sich beim Stadtbezirksamt Neustadt bewerben.

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"Die Nachtschlichter sind nicht nur am Eck, sondern auch an der Scheune, am Martin-Luther-Platz und am Albertpatz unterwegs", erzählt Barth. Überall dort, wo Menschen und damit unterschiedliche Interessen aufeinander treffen. Barth liegt die Neustadt am Herzen, das merkt man. Verbiegen und verbieten will er nichts. Und doch sieht er die Probleme und überlegt, wie er sie löst, um Eskalationsstufen wie ein Alkoholverbot am Eck oder ein Glasflaschenverbot zu umgehen.

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