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Darum streiken die Erzieher in Dresden

An diesem Freitag bleiben Kitas geschlossen. Streikthema ist auch die massive Kürzung der Wochenarbeitszeit. Was das für Erzieher und Kinder bedeutet.

Auf dem Neumarkt streikten am Freitag Dresdner Erzieher. Dabei ging es nicht nur um mehr Lohn.
Auf dem Neumarkt streikten am Freitag Dresdner Erzieher. Dabei ging es nicht nur um mehr Lohn. © Marion Doering

Dresden. Dresden kommt derzeit nicht zur Ruhe. Die GEW Sachsen rief am Freitag die Erzieher des Eigenbetriebs Kindertageseinrichtungen der Stadt ganztägig zum Warnstreik auf. Damit soll der Forderung nach einer Gehaltssteigerung Nachdruck verliehen werden. Außerdem fordert die Gewerkschaft die Angleichung der Wochenarbeitszeit von derzeit 40 Stunden im Osten auf 39 Stunden - so wie im Tarifgebiet West.

Bestreikt und damit komplett geschlossen werden unter anderem die Kitas auf dem Badweg, der Bautzner Straße und der Hellerstraße sowie der Hort der Grundschule Cossebaude.  Eingeschränkte Öffnungszeiten haben unter anderem die Kita Heinrich-Mann-Straße und der Hennersdorfer Weg. Insgesamt sind laut GEW 64 Kitas betroffen, die geschlossen waren. 

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Zum Abruf aktueller Informationen war die Internetpräsenz www.dresden.de/kita-streik eingerichtet. Zusätzlich wird der Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen an diesem Tag eine telefonische Service-Hotline schalten. Unter der Telefonnummer 0351 4885111 erhalten Eltern am Streiktag ab 6 Uhr Auskunft, ob ihre Kita vom Streik betroffen sein wird.

Keine Notbetreuung für Kita-Kinder wegen Corona

Es stand keine Notbetreuung zur Verfügung. Eine Betreuung in anderen Kitas sei aufgrund der coronabedingten Schutzmaßnahmen nicht möglich. Das heißt, Kinder können nur in der Einrichtung betreut werden, mit der sie einen Betreuungsvertrag haben. Dies insbesondere, weil Teams und Gruppen verschiedener Einrichtungen nicht vermischt werden sollen. Es können maximal so viele Kinder betreut werden, wie nach Personalschlüssel zulässig sind, so die Stadt.

Zahlen müssen die Eltern für den Streiktag nicht. Eines gesonderten Antrages braucht es aber nicht. Die Rückerstattung beträgt ein Zwanzigstel des monatlichen Elternbeitrages. Sie wird voraussichtlich mit der Beitragszahlung für Dezember verrechnet. 

Von vielen Eltern kam Verständnis, andere hat die erzwungene Auszeit ganz schön unter Druck gesetzt. "Wir haben das am Donnerstagabend als Andeutung erfahren, dass unsere Kita mitstreikt", so eine Mutter. Sie selbst musste mit dem Kind dann bis 11 Uhr daheim bleiben, obwohl ihr Job eigentlich früh um 7 Uhr beginnt. Erst danach konnte der Vater übernehmen. Auch von manchen Arbeitgebern kam wenig Verständnis. "Da hatten wir monatelang keine Kita und nun musste ich meinen Angestellten schon wieder freigeben, damit sie ihren Nachwuchs betreuen können", so Thomas Gaier, Chef vom Schloss Eckberg. 

Erzieher aus Dresden stritten bereits am vergangenen Mittwoch beim halbtägigen Warnstreik für eine "angemessene Entgeltsteigerung" um 4,8 Prozent und die Ost-West-Angleichung der Wochenarbeitszeit. 

Nun setzte die Stadt Dresden als Arbeitgeber kurzfristig zum 19. Oktober die Arbeitszeit der Erzieher auf den Sockelbetrag von 32 Stunden herab. "Dies bedeutet Lohneinbußen von bis zu 20 Prozent", so Kruse.

Brutto-Gehaltseinbußen zwischen 770 und 860 Euro

Auch Verdi sieht darin ein Problem. Hinzu kämen gestiegene Kosten für Neueinstellungen und andere Mehrbelastungen. "Bei einer Umsetzung der Anweisung würde dies bedeuten, dass mehr als drei Viertel der über 3.200 Beschäftigten bis zu 20 Prozent weniger Gehalt erhalten. Konkret sind dies Brutto-Gehaltseinbußen zwischen 770 und 860 Euro pro Monat, im Leitungsbereich sogar über 1.000 Euro", so Daniel Herold von Verdi.

Für Erzieher Jörg Simon, der am Freitag auf dem Neumarkt streikt, bedeutet die Senkung der Arbeitsstunden, dass er rund 400 Euro weniger pro Monat ausgezahlt bekommt. Für den alleinerziehenden Vater eine finanzielle Herausforderung. "Mit dieser Summe decke ich eigentlich meine Wohnungsmiete", sagt der 44-Jährige, der in der Kita am Rudolf-Bergander-Ring in Reick arbeitet. 

Als Quereinsteiger hatte er dort 2013 mit einem ohnehin geringeren Lohn seinen Dienst angetreten, arbeitete seitdem 40 Stunden die Woche, die für eine gute Betreuung der Kinder auch absolut notwendig sind, sagt er. 

Dass er auf Dauer nicht mit dieser Arbeitszeit rechnen kann, wusste er, als er damals den 32-Stunden-plus-X-Vertrag beim Eigenbetrieb unterschrieben hat. Schon deshalb habe er sich für eine preiswerte Zwei-Zimmer-Wohnung entschieden und besitze kein Auto.

Ersparnisse oder ein schöner Urlaub mit seinem Kind sind nun allerdings nicht mehr drin. "Letztlich bekomme ich das finanziell schon irgendwie hin, aber dass ich nun Abstriche in meiner Arbeit als Erzieher machen muss, ist schlimm." 

Wo sich die fehlenden Stunden nun bemerkbar machen? Eigentlich müsste er lange anberaumte Termine wie Ausflüge oder Bibliotheksbesuche nun weglassen. Die Möglichkeit dazu hätte er. "Aber das will ich den Kindern nicht antun." 

Also macht er Überstunden - Zeit, die dann an anderer Stelle fehlt. Etwa bei den Vorschulkindern, die schon in der Kita-Zeit auf den Übergang in die Schule vorbereitet werden sollen. "Am Ende sind die Kinder die Benachteiligten."

Erzieher Jörg Simon ist alleinerziehender Vater. 400 Euro bekommt er nun monatlich weniger überwiesen - eine enorme finanzielle Herausforderung. Schlimmer seien aber die Abstriche, die er nun bei seiner Arbeit mit den Kindern machen müsse.
Erzieher Jörg Simon ist alleinerziehender Vater. 400 Euro bekommt er nun monatlich weniger überwiesen - eine enorme finanzielle Herausforderung. Schlimmer seien aber die Abstriche, die er nun bei seiner Arbeit mit den Kindern machen müsse. © Marion Doering

Dass sieht auch Rita so, die ebenfalls beim Streik dabei ist. Sie ist Erzieherin in der Laubegaster Kita an der Burgenlandstraße. Das ihre Arbeitszeit auf 32 Stunden reduziert wird, finde sie "zum Kotzen". Weil sie in der direkten Arbeit mit den Kindern keine Abstriche machen will, kürzt sie nun beim Portfolio, also in der Dokumentation der Kita-Zeit für jedes einzelne Kind. 

Will sie ihre Gruppe weiterhin so betreuen, wie es die Kinder gewohnt sind, müsste sie die Dokumentation in ihrer Freizeit erledigen. Doch die ist für ihr eigenes Kind reserviert. "Ich sehe, dass wir zu Tupper-Kitas werden - wir sind nur noch zum Aufbewahren der Kinder da."

Rita ist Erzieherin in einer Laubegaster Kita und kritisiert beim Streik am Freitag die massive Kürzung der Wochenarbeitszeit. "Wir werden zu Tupper-Kitas - wir können die Kinder nur noch Aufbewahren."
Rita ist Erzieherin in einer Laubegaster Kita und kritisiert beim Streik am Freitag die massive Kürzung der Wochenarbeitszeit. "Wir werden zu Tupper-Kitas - wir können die Kinder nur noch Aufbewahren." © Marion Doering

Kita-Eigenbetrieb steht unter Druck

Im Bildungsausschuss wurde am Dienstagabend über die Reduzierung der Wochenarbeitszeit diskutiert. Die gute Nachricht, so Grünen-Bildungspolitikerin Agnes Scharnetzky, sei, es gebe im Gegensatz zu den vergangenen Jahren keinen Personalmangel mehr im Eigenbetrieb.

"Die Kürzungen in den Arbeitsstunden, so die Ausführungen aus dem Eigenbetrieb, ergeben sich aus dem Abgang der Kinder in die Schule, die freien Betreuungsplätze sind nicht sofort besetzt - es wird weniger Personal gebraucht", so Scharnetzky. 

Der Eigenbetrieb stehe aber auch unter Druck, den Wirtschaftsplan einzuhalten. "Sie kann dann sukzessive wieder zurückgenommen werden. Der Betreuungsschlüssel bleibt unverändert und es ergeben sich keine Einsparungen für den Eigenbetrieb. Qualität in der Betreuung bleibt das oberste Gebot", betont Scharnetzky. 

"Die kurzzeitige Absenkung der Stunden für Erzieher, auf Grund des jährlichen Abgangs der Kinder aus der Vorschule an die Grundschule, ist natürlich für die Betroffenen ärgerlich. Andererseits ist der Zeitraum und der Umfang überschaubar", so CDU-Stadtrat Matthias Dietze. 

Würde die Verwaltung nicht zu dieser Möglichkeit greifen, würden die Betreuungskosten deutlich ansteigen, was letzlich auch bei den Elternbeiträgen spührbar wäre, sagt er.

Betroffen wären hier auch viele Familien, die in der freien Wirtschaft arbeiten und eine viele stärkere Flexibilität bei den Arbeitszeiten mitbringen müssen.

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"Ich vertraue in dieser Situation darauf, das alle Beteiligten verantwortungsvoll agieren und sowohl der Umfang des Streiks als auch die Lohnforderung maßvoll bleiben. Jetzt ist eben die viel beschworene Coronasolidarität gefragt."

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