SZ + Dresden
Merken

"Ich will nicht abhängig sein"

Yasmin Zidi studiert als Muslima an der Evangelischen Hochschule Dresden und bricht so mit traditionellen Werten. Die Mühe gilt auch der Generation ihrer Kinder.

Von Nadja Laske
 6 Min.
Teilen
Folgen
Yasmin Zidi will als moderne Frau in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Damit ist sie angeeckt. Doch ihr Lebensglück gibt ihr Recht.
Yasmin Zidi will als moderne Frau in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Damit ist sie angeeckt. Doch ihr Lebensglück gibt ihr Recht. © Christian Juppe Photography

Dresden. Das wird Yasmin Zidi noch ihren Enkelkindern erzählen: Wie sie diese Papierbögen in den Händen hielt, dicht bedruckt und am Ende des Textes Platz für Unterschriften. Ihre eigene stand da - und die ihres Arbeitgebers. "Mein allererster Arbeitsvertrag! Ich war unendlich stolz und aufgeregt", sagt sie.

Yasmin stammt aus Syrien, hat ihre Jugend in Dubai verbracht und kam vor sechs Jahren nach Deutschland. Dass sie in Dresden landen würde, war kein Plan. "Wir wollten nach Europa, alles andere war uns egal."

Mit ihrem Mann hatte sie in Aleppo die Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht, dorthin, wo es sich gefahrlos leben ließ. "Es ging uns nur um die Kinder: Wo sind sie sicher, haben zu essen und können irgendwann zur Schule gehen."

Von Dubai nach Aleppo war sie gezogen, um ihrem Mann, den die Eltern für sie ausgesucht hatten, ins Haus seiner Familie zu folgen. So verlangt es die Tradition. Yasmin war noch nicht volljährig, auch das ist üblich. "Eigentlich wollte ich studieren. Davon habe ich immer geträumt", sagt die 29-Jährige.

Doch ihre Eltern verschoben den Wunsch auf später und bis in die Unmöglichkeit. "Sie sagten, mit meinen sechs jüngeren Schwestern sei es viel zu stressig und laut daheim. Ich solle studieren, wenn ich verheiratet bin, dann hätte ich mehr Ruhe."

Krieg als Chance

Ein Studium ist für Frauen in Syrien nicht unmöglich. Doch Yasmins Schwiegerfamilie lebte sehr traditionell. In ihrem Weltbild bekommen Frauen Kinder und hüten das Haus. Ausbildung und Arbeit war da nicht vorgesehen.

"Viele Frauen bei uns kennen es nicht anders und wollen es auch genau so", erzählt sie. Einen Ehemann zu haben, der die Dinge des Lebens regelt, die Familie finanziert und die Verantwortung trägt, gebe ihnen Sicherheit. Sie folgen über Generationen vermittelten Rollenbildern. Alle Möglichkeiten jenseits dieses häuslichen Horizontes erscheinen ihnen ungehörige und zu anstrengend.

Yasmin Zidi hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er war aufreibend und hat sie viel Kraft gekostet. Selbstzweifel, Verunsicherung, Trauer und Erschöpfung gehörten dazu.

Blickt sie heute zurück, erkennt sie im Krieg, der seit zehn Jahren in ihrem Heimatland wütet, einen starken Katalysator und eine große Chance. "Ohne den Krieg wären wir nicht losgegangen, und ich wäre heute nicht hier", sagt sie.

Sprache als Schlüssel

Die ersten Wochen in Deutschland hat Yasmin als verstörend in Erinnerung. "Ich hörte die Sprache und dachte: Wohin bin ich geraten, wie soll ich hier klarkommen?" Doch dann habe sie schnell begriffen, dass gerade die Sprache die Grundlage für alles weitere sein wird - für den Alltag, das Auskommen der Familie, die Beziehung zu anderen Menschen und vor allem das Glück im kleinen familiären Kosmos.

"Ich habe mir gesagt: Meine Kinder werden rasch Deutsch lernen. Wenn ich zurückbleibe, verstehe ich nicht, was sie verstehen. Sie werden für mich dolmetschen müssen und ich bin ewig von ihnen abhängig. Aber ich will nicht abhängig sein - weder von meinen Kindern noch von meinem Mann."

Yasmin lernte. Zunächst allein, dann mit einer Nachbarin. Da wohnte sie noch im Flüchtlingsheim. Später bekam sie den ersten professionellen Sprachkurs. Inzwischen hat sie Sprachlevel C1, mehr als es Voraussetzung für Lehrberufe und Studien ist. Ein Praktikum in der städtischen Bibliothek Neustadt und der Kontakt zu interkulturellen Projekten am Kalebzentrum Dresden bestärkten sie in ihrem Plan, eine gute Ausbildung zu absolvieren, Arbeit zu finden und das eigene Leben auf feste Füße zu stellen.

Studium als Anstoß

Im Johannstädter Kulturtreff absolvierte Yasmin ein Freiwilliges Soziales Jahr, ein weiteres Jahr arbeitete sie als Kultur- und Sprachmittlerin im Projekt Interkulturelle Familienwerkstatt und in der Schwangerschaftsberatung des Kaleb-Vereins in der Neustadt - Meilensteine, von denen sie stolz erzählt: "Das war das erste Mal, dass ich als Angestellte mein eigenes Geld verdiente.

Doch Yasmin wollte weiter und sich den Mädchentraum vom Studium erfüllen. Seit vier Semestern studiert sie nun Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Dresden. Dass sie Muslima ist, spielt dafür keine Rolle. Das Bildungsinstitut lädt auch junge Menschen anderer Religionen zu sich ein.

Nicht jeder in der alten Heimat findet gut, wie Yasmin ihr Leben selbst in die Hand nimmt. "Aber ich kann nicht anders. Das ist mein Charakter", sagt sie. Selbst hier geriet sie zuweilen in die Zwickmühle.

Denn in Deutschland traf sie nicht nur auf Landsfrauen, die die hiesigen Frauenrechte so dankbar nutzen, wie sie selbst. "Ich bin kritisiert und sogar beschimpft worden, weil ich die traditionelle Frauenrolle nicht ausfülle." Das habe sie traurig gemacht und so zur Verzweiflung gebracht, dass sie eine Zeit lang versuchte, ausschließlich Ehefrau, Mutter und Hausfrau zu sein. "Aber ich habe das nicht ausgehalten, das bin ich nicht."

Verständnis als Neubeginn

Im Kalebzentrum trifft Yasmin solche und solche Frauen. Sie wirbt für Toleranz und Austausch und lässt sich nicht mehr beirren. Dabei geht ihr Blick weit über die eigene Entwicklung hinaus: "Wir müssen starke Mütter und Eltern sein, denn unsere Kinder brauchen uns", sagt sie.

Ihre Söhne besuchen inzwischen die erste und dritte Klasse. Sie gehören einer Generation an, die sich an das Leben im Land ihrer Geburt zwar nicht mehr erinnert. Doch es gehört zu ihnen. "Mein Sohn sagte letztens zu mir: Mama, wir sprechen anders, wir sehen anders aus, wir sind anders. Was machen wir hier eigentlich?" Das habe sie noch mehr darin bestärkt, ihre Kinder auf die Zukunft in dieser Gesellschaft bestmöglich vorzubereiten.

Wie schwer es für Eltern aus arabischen Ländern ist, ihre Traditionen, die auf religiösen Vorstellungen fußen, mit hiesigen Lebensweisen zu vereinbaren, weiß Yasmin Zidi aus ihrer langjährigen Arbeit in interkulturellen Projekten. "Da treffen Moralvorstellungen hart aufeinander. Je stärker Familien bei ihren mitgebrachten Normen und Regeln bleiben, desto mehr leiden ihre Kinder darunter." Die gehen hier zur Schule, erleben, wie ihre Freunde leben und geraten zwischen die Welten.

"Wir Mütter und Väter müssen unsere Kinder verstehen. Sie suchen ihren Platz, ihre Identität, ihre Rolle", sagt Yasmin. Beratungszentren sind dafür wichtige Schlüsselstellen. Denn schaffen Eltern es nicht, mit ihnen im Gespräch zu bleiben und sich den Einflüssen der hiesigen Kultur zu öffnen, verlieren beide Seiten - und die Gesellschaft.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.