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"Was ist eigentlich mit Opa passiert?"

Der Schauspieler Alexander Sehan verbindet seine eigene Familiengeschichte mit einem spannenden Format des Theaters Junge Generation.

Die Sehnsucht nach Theater als Ort des Erzählens, Austausches, Diskurses begleitet Schauspieler Alexander Sehan seit Monaten. Bis die Häuser wieder öffnen, schlägt er digital eine Brücke von der Bühne zum Publikum.
Die Sehnsucht nach Theater als Ort des Erzählens, Austausches, Diskurses begleitet Schauspieler Alexander Sehan seit Monaten. Bis die Häuser wieder öffnen, schlägt er digital eine Brücke von der Bühne zum Publikum. © Sven Ellger

Dresden. Irgendwann drängt die Zeit. Dann sind die Jahre gezählt, die noch bleiben, um Fragen zu stellen - Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Niemand kann ihre Geschichten so gut, wahrhaft und lückenlos erzählen wie sie selbst, und tun sie es nicht, bleiben Leerstellen in den Geschichten der Kinder, Enkel und Urenkel.

Alexander Sehan hat den richtigen Moment gefunden. Als der Schauspieler noch ein kleiner Junge war, wusste er nicht mehr von seinem Großvater, als das Schwarz-weiß-Foto im ovalen Rahmen in Großmutters Wohnung verriet: Ein Halbwüchsiger sitzt zusammen mit zwei Freunden auf dem Autodach eines VW Käfer. "Der Junge, der mein Opa war, sah aus, als liege ihm die Welt zu Füßen", sagt Alexander.

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Außer diesem Bild habe er von seinem Großvater den Nachnahmen und den erblich bedingten Haarausfall, scherzt der 28-Jährige. Doch beides bewegte ihn lange nicht, nach mehr zu fragen. "Meine Schwester war es, die mich mal fragte, ob ich eigentlich wisse, was mit unserem Opa passiert ist." Beide hatten ihn nie kennengelernt, so jung war er gestorben.

In der Familie spielte das Gestern keine Rolle - bis zu dem Tag, als Alexander seine Oma zu Kaffee und Kuchen besuchte und nach einem Glas Sekt den Mut fasste, sie zu bitten: Erzähle mir von früher, erzähle von Opa.

Vom Probenraum ins Klassenzimmer

Vom Beginn einer ebenso verstörenden wie wunderbaren Zeitreise berichtet Alexander Sehan den Schülern der Christlichen Schule Dresden. Im Deutsch-Leistungskurs haben die Gymnasiasten Christoph Heins Roman "Landnahme" gelesen. Ein Projekt des Theaters Junge Generation knüpft an die Schullektüre verschiedener Klassenstufen an, auch an die der Elftklässler.

Weil zurzeit weder Schüler ins Kinder- und Jugendtheater im Kraftwerk Mitte kommen können noch Schauspieler ins Klassenzimmer, treten verschiedene Ensemblemitglieder per Videokonferenz vor den jungen Leuten auf. "Ich habe von unserem abgedunkelten Probenraum aus mein Programm vorgetragen, und die Schüler saßen in ihren Schulbänken", schildert Alexander Sehan.

Viel lieber stünde er live vor Publikum. Doch dank dieser technischen Brücke ist es überhaupt möglich, im Lockdown Kontakt zu halten. "Wir wollen nicht nur spielen, wir haben ja auch einen Bildungsauftrag, dem wir mit vielen Ideen und auf virtuellen Wegen nachzukommen versuchen."

Als Alexander Sehan begann, sich für das Theaterprojekt "#tjgliest" mit dem Roman "Landnahme" zu befassen, in dem der Junge Bernhard Haber mit seiner Familie aus Schlesien in eine sächsische Kleinstadt kommt, fühlte er sich an die Geschichte seines Opas erinnert. Der war Wanderarbeiter und hoffte ganz ähnlich, an einem Ort anzukommen, sein Auskommen und privates Glück zu finden.

Bestechung im Gerichtssaal

Doch anders als Bernhard, der sich von der Degradierung als Flüchtling frei macht, behauptet, zu Wohlstand und Einfluss kommt, endet dessen Leben in jungen Jahren - vielleicht aufgrund einer Anfeindung. "Meine Oma hat mir erzählt, dass mein Opa in einem Wirtshaus mit mehreren anderen in Streit geriet und von ihnen zusammengeschlagen wurde." Schwer verletzt sei er auf die Straße hinaus getaumelt und dort von einem Auto überfahren worden.

Sein Tod traf die Großmutter, als Alexanders Mutter erst zwei und ihr Bruder kaum ein Jahr alt war. "Sie hatte keinen richtigen Beruf gelernt und ist putzen gegangen, um ihre Kinder und sich zu ernähren." Mit jener harten Zeit schloss sie irgendwann so entschieden ab, dass sich jede Erzählung davon über Jahrzehnte verbat. "Anders hätte sie wahrscheinlich gar nicht weitermachen und durchhalten können", vermutet Alexander.

Ein wichtiger Zeuge hatte nämlich damals in einer Gerichtsverhandlung plötzlich keine Erinnerung mehr an jenen Abend im Wirtshaus. Erst viele Jahre später erfuhr die Oma, dass der Zeuge bestochen worden war und auf diese Weise zu einem Unrecht auf ihren Schultern ein zweites gekommen war.

Als Oma Rock'n'Roll tanzte

"Ach, Alexander, das ist alles so lange her", habe sie zu ihrem Enkel gesagt und doch bereitwillig berichtet. "Das hatte etwas sehr Verbindendes, aber auch Therapeutisches." Über die Geschichte des Großvaters lernte er auch die Großmutter ganz neu kennen - als einst junge Frau, die gern Rock'n'Roll getanzt und ihren Mann dabei kennengelernt hat, zwar Leid und Unrecht erfuhr, aber große Kräfte freisetzte.

Alexander Sehan ermutigt mit seinem Beitrag die jungen Leute am anderen Ende der Stadt in ihrem Klassenzimmer, auf die Suche nach Familiengeschichte zu gehen. Das öffne Türen zum Verständnis für die Älteren, für historische Zusammenhänge und literarische Stoffe. "Und es hat immer auch mit der eigenen Identität zu tun."

Mit dem neuen digitalen Format #tjgliest stellen Schau- und Puppenspieler des Theaters Junge Generation in einer 45-minütigen Schulstunde über den Online-Dienst Zoom ihre persönlichen Zugänge zu zehn Texten der aktuellen sächsischen Schullektüre vor. Anmeldung ist per E-Mail an [email protected] oder telefonisch unter 0351 32042704 möglich. Bei besserer Coronalage können die Lesungen auch analog gebucht werden. Mitte Juni plant das Ensemble, mit den Inszenierungen "Das doppelte Lottchen" und "Das Neinhorn" auf die Bühne zurückzukehren.

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